Tom Antes rockt nicht nur den Chinesischen Garten in Stuttgart, sondern nun auch die Rockfabrik in Ludwigsburg Foto: Lichtgut/Jan Reich

Wer auf die ganz harte Gitarren-Musik steht, der pilgerte jeden zweiten Samstag des Monats ins Universum nahe dem Charlottenplatz zum Headbangen. Doch Ende August war Schluss. Warum Stuttgart eine Kultur-Institution verliert, erklärt Veranstalter Tom Antes.

Stuttgart - Im strahlenden Sonnenschein im Chinagarten über eine Metal-Disco reden – sind Metal­heads nicht lichtscheu?

Nein, das ist nur eines der sehr verbreiteten Klischees. Zusammen mit: Metaller tragen nur Schwarz, schleichen nachts über Friedhöfe, essen Kinder. Wer noch nie etwas mit Metal zu tun hatte und plötzlich damit in Berührung kommt, stellt schnell fest: Das sind alles liebe Teddybären!
Stuttgarts größte Metal-Disco „Bleeding ­Nose“ wurde diesen Sommer zehn Jahre alt. Das klingt nach einem durchschlagenden Erfolg für Nischenmusik.
Was macht denn Erfolg aus? Es sind die ganzen Umstände, weshalb es funktioniert – die Ideen, die Leidenschaft und die Leute, die es dann dankend annehmen. Ich glaube, das macht es so einzigartig.
Wie kam Ihnen die Idee dazu?
Angefangen habe ich mit dem „Crossover Friday“ für den Club Prag am Pragsattel. Die Musik war räumlich gesplittet – vorn das softe und hinten das harte Zeug. Letzteres war mein Genre und mein Floor – ich war der Metal-DJ. Der Floor war nur viel zu klein. Da hab’ ich gedacht: „Na, dann versuche ich das Ganze doch mal in Groß!“
Und dann?
Dann hab’ ich erst mal mit dem „Root Core Club“ ein anderes Konzept aufgezogen, ohne den Modern Metal. Aber genau das wollten die Fans – deshalb habe ich fünf Monate später mit „Bleeding Nose“ angefangen. Bei dieser Reihe bin ich bis heute geblieben.
Waren Sie immer noch im Prag?
Ja. Und es ist zunächst eher schlecht angelaufen. Aber nach ein paar Malen ging es plötzlich gefühlt durch die Decke. 2009 kam die Schließung vom Prag, die Eigentümer zogen mit dem Club in die Innenstadt – aber „Bleeding Nose“ durfte nicht mit. Argument: Metal funktioniere nicht in der Innenstadt. Das tat echt weh.
Dann kam das Universum?
Ich wollte einen anderen Club in der Innenstadt finden und beweisen, dass Metal auch dort funktioniert. Mit dem Universum nahe dem Charlottenplatz haben wir das bis jetzt sehr gut durchgezogen.
Wie hat sich „Bleeding Nose“ entwickelt?
Von der einfachen Disco hin zu regelmäßigen Live-Konzerten. Wobei die Gigs inzwischen wieder abgenommen haben. Sie kosten einfach viel Zeit und Geld.
Was waren die Höhepunkte?
Ganz klar: Beim Dreijährigen habe ich vorher gesagt: „Wer eine Torte mitbringt, darf sie uns in die Fresse knallen.“ Um eins standen wir draußen und wurden mit Torten beworfen. Beim Neunjährigen haben Ektomorf gespielt – die Band hat anschließend bis weit nach 5 Uhr noch mit uns gefeiert, statt gleich nach der Show zu verschwinden.
Nicht lange nach dem Jubiläum fand das letzte „Bleeding Nose“ im Universum statt. Was war der Grund?
Vonseiten des Universums hieß es, „Bleeding Nose“ sei nicht mehr erfolgreich, die Getränke-Umsätze seien stark gefallen und ich müsse ab September zusätzliche 900 Euro netto für die Raummiete zahlen – pro Veranstaltung. Da war ich ziemlich geschockt. Um die Mehrkosten halbwegs zu decken, hätte ich den Eintrittspreis um drei Euro anheben müssen, aber das kam nicht infrage! Ich hab’ beschlossen, dort aufzuhören.
Jetzt hat „Bleeding Nose“ in der Rockfabrik Ludwigsburg ein neues Zuhause. Ließ sich in ganz Stuttgart nichts finden?
Man braucht einen Club, der zwei Räume hat und der samstags nicht schon selbst eine eigene, erfolgreiche Veranstaltung hat. Da ist es schwer, was zu finden. Mir kam dann die Idee mit der Rockfabrik, weil ich da selber schon seit über 20 Jahren Gast bin. Zur Besprechung in der Rofa bin ich allerdings mit einem ultraschlechten Gefühl hingegangen, dachte, das wird eh nichts.
Die Rockfabrik hat Sie damals, als Sie schon mal auf Locationsuche waren, abblitzen lassen. Warum?
Die haben keine Fremdveranstalter. Und ich war noch sehr jung, da waren die natürlich skeptisch, dass ich das schaffe.
Und wie ist es, nun doch dort zu veranstalten?
Der Hammer! „Bleeding Nose“ gehört einfach in die Rockfabrik – und hat schon immer dahin gehört. Das sehen sie dort ­genauso.
Die Rockfabrik hat selbst schon seit Jahren harte Musik im Programm – das Alleinstellungsmerkmal von „Bleeding Nose“ wird also fehlen. Oder?
Nein! Ich will weder deren Freitag kopieren noch den „Drifter“ oder auch andersrum. Ja, es gibt kleine Überschneidungen, aber das „Bleeding Nose“-Publikum ist in der Mehrheit ein anderes als das, was freitags in die Rofa geht.
Nach Ludwigsburg ist es ein recht weiter Weg – können Sie Ihre Fans trotzdem mitnehmen?
Sicher nicht jeden, aber die meisten schon. Es ist jetzt eine bewusste Entscheidung zu kommen – eine Entscheidung, die ich mit der Gestaltung der Eintrittspreise fördern will. Wer um neun kommt, zahlt nichts, um zehn kostet es drei und ab eins dann sechs Euro. Ich will, dass die Leute kommen und die ganze Nacht mit uns feiern, mindestens bis die erste Bahn geht.
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