Tim Bendzko bei einem Auftritt 2018 in Hamburg Foto: dpa/Georg Wendt

Die Welt zu retten, hat bislang offensichtlich nicht geklappt. Also gibt sich der Popstar und Fast-Pfarrer Tim Bendzko auf seinem vierten Album „Filter“ vorerst damit zufrieden, sich selbst zu retten und seine Karriere neu zu definieren.

Stuttgart - Erst Theologiestudent, dann Auktionator – und plötzlich Popstar: Jedes von Tim Bendzkos bisherigen Alben war ein Hit. Nach dem akustischen „Immer noch Mensch“ hat der 34-Jährige für sein aktuelles Album „Filter“ den Strom wieder angeschaltet. Ein „Nur noch kurz die Welt retten“ findet sich auf diesem vierten Album nicht; dafür eine Menge erfrischend unpathetische, unbekümmert poppige Neuerungen in einem Sound, der bislang zwischen Kitsch und Kunst balancierte.

Herr Bendzko, sind Sie neugierig?

Sehr. Ich versuche, neuen Entwicklungen gegenüber aufgeschlossen zu sein und ohne Angst heranzugehen. Sobald man sich mit etwas auseinandersetzt, verliert man meist ganz automatisch die Angst davor. Meine Alben waren für meine Verhältnisse recht erfolgreich, da habe ich natürlich gewisses Interesse, dass es so weitergeht. (lacht) Veränderung ist da eher etwas, was häufig mit Skepsis begegnet wird.

Als Sie 2011 mit „Nur noch kurz die Welt retten“ quasi über Nacht zum Star wurden, waren Sie Mitte 20. Wie hat sich Ihr künstlerischer Ansatz seither verändert?

Ich weiß mittlerweile besser, was ich kann oder nicht kann und verlasse mich auf mein Bauchgefühl. Viele Entscheidungen müssen sich zuerst mal richtig anfühlen, ehe sie rational entschieden werden.

Empfinden Sie ihren kometenhafte Start rückblickend positiv oder negativ?

Och, für mich war es eigentlich ganz schön. (lacht) Und das Absurde ist, dass ich mir als kleiner Junge eingeredet habe, dass es genau so passieren wird. Dennoch musste ich in diese Rolle erst hineinwachsen. Zwei Jahre nach meinem ersten Album spielte ich in Berlin vor 22 000 Menschen. Das war unvergesslich schön, aber es wäre auch schön gewesen, wenn ich mich noch hätte drei Jahre darauf vorbereiten können. Der Hype war irgendwann so groß, dass ich mich ernsthaft gefragt habe, ob das alles überhaupt verdient war. Deswegen bin ich wahrscheinlich nie abgehoben. Ich habe mich eher zurückgezogen, weil ich herausfinden musste, ob Wahrnehmung und Realität überhaupt zusammenpassen. Jetzt fühlt sich das alles echter an und ich habe auch das Gefühl, dass es von mir eine Gegenleistung für die Reaktionen auf meine Musik gibt.

Was kann man von Elton John oder Joe Cocker lernen? Sie haben für beide bereits Konzerte eröffnet.

Nach einem Konzert in Köln bekam Joe Cocker in einem Hotel vor einem ziemlich großes Publikum irgendein Edelmetall verliehen. Ich wurde ihm vorgestellt – und er war unfassbar freundlich und höflich zu mir. So ein großer und angesehener Künstler wird man wahrscheinlich nur, wenn man den Menschen auf Augenhöhe begegnet. Einen Tipp gab’s auch noch von ihm: „It’s a tough business“, sagte er zu mir, das ist ein hartes Geschäft. Und er hat Recht behalten...

Wollen Sie im hohen noch Musik machen?

Ich weiß nicht. Ich möchte nur dann Musik schreiben, wenn ich wirklich das Bedürfnis dazu habe. Wenn es irgendwann nur noch aus Kalkül geschieht, wird man das meinen Songs anhören. Diesmal dauerte es zwei Jahre, bis ich den Drang spürte, ein Album schreiben zu wollen. Vielleicht dauert es auch mal länger. Oder kürzer. Musik braucht Unbekümmertheit und Naivität. Außerdem kann es jederzeit sein, dass sich die Rahmenbedingungen ändern. Vielleicht heirate ich nächstes Jahr in eine Großfamilie ein und muss plötzlich für 25 Leute sorgen. (lacht) Dann mach ich durch, bis ich 90 bin.

Im Vorfeld des Albums sind Sie viel gereist. War das Urlaub oder eine Flucht?

Ich wollte raus aus dem Alltag. Einer meiner Lebensträume war, nach Australien zu reisen – und den konnte ich mir endlich erfüllen! Meiner Kreativität tut es gut, nicht zuhause zu sein. Für die Laune ist es aber auch gut, bei 41 Grad in Sydney zu sitzen, während es zuhause zweieinhalb Grad und Schneeregen hat. Von seinem eigenen Leben wegzukommen, schafft eine gewisse Distanz und somit auch einen anderen Blick auf die Dinge.

Schreiben Sie Songs, um Dinge loszuwerden oder um sich an Dinge zu erinnern?

Ersteres. Das Schreiben an sich hilft mir, gewisse Dinge zu verarbeiten oder loszuwerden. Und das nicht nur musikalisch. Vor zwei Jahren hatte ich mal den Drang, jemandem eine E-Mail zu schreiben, weil ich dringend etwas loswerden wollte. Ich habe diese E-Mail nie abgeschickt, weil sich die Emotion allein durch das Schreiben in Luft aufgelöst hat. Bei Songs ist das genau so. Schon das Formulieren löst für mich vieles. Früher in der Schule habe ich mir Spickzettel geschrieben und sie nie gebraucht! (lacht)

Wieso haben als Titel „Filter“ gewählt?

Das Album ist mein Filter, meine Sicht auf die Welt. Auf die Musik bezogen, meint es das Herausfiltern gewisser Dinge. Das Weglassen vieler Dinge. Darum geht es: Reduktion, Konzentration aufs Wesentliche. Der längste Song des Albums ist kaum länger als drei Minuten. Das war früher meist der kürzeste.

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