Paul Stanley macht jetzt zur Abwechslung mal Soulmusik Foto: Universal

Bevor Paul Stanley hinter einer Maske verschwand und mit Kiss den Größenwahn in den Rock‘n‘Roll brachte, hörte er vor allem die großen Motown-Bands. Seine neue Band Soul Station würdigt diese Wurzeln. Und zeigt eine völlig neue Seite des Rockstars.

Stuttgart - Kiss sind größer als das Leben selbst. Eine Hard-Rock-Band aus diabolisch geschminkten Gestalten, die ihre eigene Legende seit 50 Jahren mit bombastischen, megalomanischen Shows nährt, den Rock‘n‘Roll transzendiert und nach 75 Millionen verkauften Tonträgern längst selbst zum Mythos geworden ist. Kaum eine Band hat die Popkultur geprägt wie sie, keine Band wird so kultisch verehrt und fast schon wissenschaftlich analysiert. Es gibt Comics mit ihnen und über sie, Filme, Flipperautomaten und so ziemlich jeden erdenklichen Merchandise-Artikel, den sich ein Marketing-Querschläger ausdenken kann.

 

„You wanted the best, you got the best. The hottest band in the world. Kiss“, mit diesen Worten wird seit Jahrzehnten jedes Konzert der New Yorker Legende eingeleitet. Lauter, schriller, größer, übertriebener als Kiss ist schlicht unvorstellbar. Also schlägt Paul Stanley, Bandgründer, Gitarrist und unter Fans als Starchild verehrt, einen radikal anderen Weg ein – einen Weg zurück zu seinen musikalischen Wurzeln.

Mit seinem Ensemble Soul Station und dessen erstem Album „Now and then“ ehrt der 69-Jährige die Musik, die seinem Herzen am nächsten ist. Das ist eben nicht lauter, teuflischer Rock‘n‘Roll. Sondern der gute alte Soul. „Die erste Musik, an die ich mich erinnern kann, waren Beethovens Klavierkonzerte“, so Stanley im Gespräch mit unserer Zeitung. „Natürlich war es nur eine Frage der Zeit, bis Elvis und Sam Cooke diesen Platz einnahmen. Ich war wie entfesselt, entdeckte überall neue Musik, verfiel dann aber vor allem dem Motown-Soul.“

Nostalgie als Triebfeder

Nostalgie eines Menschen, der im letzten Abschnitt seines Lebens angekommen ist, sei dennoch nicht die Triebfeder für seine neue Spielwiese, wie er versichert. „Mich verwirren Menschen, die nur eine Art von Musik hören. Ich esse doch auch nicht jeden Tag dasselbe Essen! Ich liebe Pizza, aber wenn ich sie jeden Tag essen müsste“, lächelt er, „wäre ich nicht nur fett, sondern auch unterernährt. So ist es auch mit Musik. Es gibt gute und schlechte Musik, mehr zählt nicht.“

Stanley wächst in einer sehr musikalischen Familie mit jüdischen Wurzeln auf. Sein Großvater kam aus Polen nach New York City, seine Mutter wuchs in Nazi-Deutschland auf. „Sie und ihre Familie flohen mitten in der Nacht aus Deutschland, weil ihnen jemand verraten hatte, dass sie am Morgen abgeholt und deportiert werden würden, so der Musiker. Ohne Spuren blieb das nicht. „In New York war ich umgeben von Überlebenden, von Menschen, die vor den Nazis geflohen waren oder nach dem Krieg in die USA kamen. Ich erinnere mich an so viele Menschen mit KZ-Nummern auf ihren Armen, die durch New Yorks Straßen liefen.“ Diese Menschen prägten das Bild von Deutschland, das er als Jugendlicher hatte.

Dann kam der Erfolg von Kiss. Und, im Jahr 1976, seine erste Tournee durch Deutschland. Stanley erinnert sich: „Es war wirklich schwer für mich, das erste Mal nach Deutschland zu reisen. Ich fühlte mich sehr, sehr unwohl. Ich wurde diese Bilder nicht los, ich konnte nicht ignorieren, was ich alles über dieses Land gehört hatte. Natürlich merkte ich schnell, dass dieses Land voller wunderbarer Menschen ist, die nichts mit den Schrecken des Holocaust zu tun haben.“ Umso mehr schockiert ihn heute, wie weit Nationalismus und Antisemitismus in Deutschland immer noch verbreitet sind. Oder wieder. „Die Menschen reden immer von Neonazis,und ich frage mich: Was soll an denen denn neu sein? Nennt sie doch einfach beim Namen.“

Bühnenfigur und Realleben

Im Gespräch ist Paul Stanley das diametrale Gegenstück zu seinem Alter Ego auf der Kiss-Bühne. Ruhig, eloquent, höflich und reflektiert. „Wenn du in der Öffentlichkeit stehst, nehmen die Menschen verständlicherweise nur diese eine Seite von dir wahr“, sagt er. „Bei mir ist das Paul Stanley, dieser Typ von Kiss. Doch der Mensch ist vielschichtiger, als man denkt, hat so viele verschiedene Interessen, Probleme, Vorlieben.“

Eine davon lebt er jetzt mit Gusto aus. Bei Soul Station covert er Soul-Klassiker von den Temptations, den Spinners oder Al Green, legt aber auch die eine oder andere Eigenkomposition vor. All das ist süffig arrangiert, mit dem nötigen Pomp und Schmalz einer guten Soul-Platte. „Diese Musik hat Seele“, schwärmt Stanley. „Das suchte ich schon in jungen Jahren, das spricht noch heute zu mir.“

Diese Seele im Soul, egal, ob aus Detroit, Philadelphia oder Memphis, hängt für ihn untrennbar „mit dem Leidensweg der schwarzen Bevölkerung der Vereinigten Staaten zusammen. Ihr Schmerz, ihr blutiger Weg durch Folter und Tod zu Selbstbestimmung und Freiheit, stecken in jeder Note. Diese Musik gibt einen Blick auf dein Innerstes frei, legt die Seele offen und zieht Freude aus Trauer. Diese Musik hatte etwas Glorreiches, vor allem, wenn ich sie von einer Bühne hörte.“ Er weiß, wovon er spricht: Paul Stanley sah Otis Redding noch live.

Die Grundpfeiler Spielfreude, Elan und Können zeichnen „Now and then“ aus. Das liegt natürlich auch an Stanley Band aus alten Hasen und Häsinnen: der Gitarrist Rafael Moreira arbeitete schon mit Stevie Wonder und Steven Tyler, der Trompeter Jon Papenbrook spielte schon für Aretha Franklin, Crystal Starr sang schon für Kanye West, Eric Singer trommelt sonst bei Kiss. „Bei Soul Station zirkulieren zwei Dinge, die in der Musik mehr und mehr verloren gehen: Leidenschaft und Spielfreude. Wir wollten die Songs nicht perfekt wiedergeben; wir wollten ihre Essenz einfangen und durch uns filtern. Malen nach Zahlen wäre uns viel zu wenig gewesen.“

Und Kiss? Die bleiben natürlich nicht auf der Strecke, versichert Stanley. Ob ihr geplantes Konzert am 8. Juli in der Schleyer-Halle stattfinden kann, steht derzeit noch auf Messers Schneide; sollte es steigen, steht uns ein letzter Budenzauber ins Haus. Ein finaler Vorhang für eine der unglaublichsten Karriere der Rockwelt. „So sehr wir Kiss lieben, wissen wir doch, dass wir das nicht für immer machen können“, sagt er nüchtern. „Also wollen wir uns mit der größten Kiss-Show aller Zeiten verabschieden. Natürlich ist das alle sehr emotional, aber bei mir überwiegt die Freude. Sie überstrahlt die Trauer über das Ende bei Weitem.“

Info Paul Stanley

Ohren, Phantome, Weltrekorde

Als Kind litt Stanley unter Miktorie, einer seltenen Fehlbildung der Ohrmuschel. Bis er sich im Alter von 30 Jahren einer OP unterzog, hörte er auf dem rechten Ohr schwer und konnte kaum sagen, als welcher Richtung ein Geräusch kam. Da feierte er aber längst große Erfolge mit Kiss.

Starchild auf Abwegen: In Toronto spielte er 1999 für einige Wochen die Rolle des Phantoms in einer sehr erfolgreichen Produktion von Andrew Lloyd Webbers „Das Phantom der Oper“.

Auf der Kiss-Welttour 1976 zerstörte er unglaubliche 205 Gitarren auf der Bühne. Bis heute geben er und seine Kollegen alles für die Show: Ihr gestreamtes Konzert aus Dubai brach gleich zwei Rekorde aus dem Guinness-Buch: Den für die höchsten Flammen – und den für die meisten Flammen gleichzeitig.