Seit 2017 leitet der Germanist und Kunsthistoriker Christian Baudisch das Böblinger Fleischermuseum. Foto: Stadt Böblingen

Der Leiter des Böblinger Fleischermuseums, Christian Baudisch, setzt verstärkt auf Gegenwartskunst. Die Mischung, sagt er, kommt an.

Böblingen - Das Deutsche Fleischermuseum in Böblingenist das einzige seiner Art in Deutschland. Neben Schlachtbeilen und Wurstmaschinen ist dort neuerdings auch öfter Gegenwartskunst zu sehen. Christian Baudisch (45) berichtet, wie das ankommt.

Herr Baudisch, in der aktuellen Schau von Anna McCarthygeht es um Fleisch als Schmuggelware und um lebensgefährliche Pizzamaschinen. Das macht nicht unbedingt Lust auf Festtagsbraten . . .

Werbung zum unreflektierten Konsum von Gütern und Lebensmitteln war noch nie die Aufgabe eines Museums! McCarthy spielt mit der Vorstellung, dass irgendwann einmal Fleisch vielleicht in den dunkelsten Ecken einer Stadt genauso vertickt werden könnte, wie das heute bei harten Drogen der Fall ist. Das Video „Bloodless Boutique“ dagegen erinnert an die tierquälerischen Herstellungspraktiken einer Luxushandtasche.

Das Museum richtet sich auch ans Fachpublikum: Was sagen gestandene Metzger zu Ihrem Ansatz?

Nicht jede meiner Ausstellungen gefiel immer allen, das ist logisch und kann auch gar nicht anders sein. Aber gerade die Fachleute des Handwerks verstehen dies. Die konsumkritische Kunst McCarthys wurde jedenfalls mehrheitlich positiv aufgenommen. Wenn Besucher der Ausstellung, die wir ja in der Vorweihnachtszeit eröffnet haben, sorgsamer schenken und schmausen, gewinnen am Ende alle, und kein Metzger muss mehr überlastet stöhnen: „Das ganze Jahr gehen die Leute zum Discounter, aber an Weihnachten soll es dann vom Metzger sein!“

Wie viel Prozent Ihrer Besucher kommen wegen der historischen Metzgerwerkzeuge und wie viel wegen der Gegenwartskunst?

Das wird bei uns keiner gefragt. Wir wissen auch nicht, ob das Haus mehr von Fleischessern oder Vegetariern besucht wird. Für den Eintritt muss einfach nur das Kombiticket für alle drei städtischen Museen hier in Böblingen erworben werden. Oft sind die Kunstinteressierten nachher von den Objekten des Fleischerhandwerks begeistert und umgekehrt.

Es gab mal Forderungen, das Museum zu schließen. Sind die vom Tisch?

Ja, der Gemeinderat hat mittlerweile beschlossen, den diesbezüglichen Antrag der SPD-Fraktion nicht weiter zu verfolgen. Momentan planen wir eine Neukonzeption der gesamten Böblinger Museumslandschaft.

Wie sieht die aus, was Ihr Haus betrifft?

Dem Fleischerhandwerk als Kernthema wollen wir treu bleiben, aber aus anderen Perspektiven. Mir schwebt ein Ort vor, an dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unserer Esskulturen verhandelt und zugleich leiblicher Genuss und Augenschmaus nicht vergessen werden.

Ist ein deftiger Name wie „Deutsches Fleischermuseum“ noch zeitgemäß? Das frühere „Deutsche Brotmuseum“ in Ulm heißt doch jetzt auch „Museum Brot und Kunst – Forum Welternährung“.

Richtig, aber ich nenne Ihnen ein Gegenbeispiel: Das Deutsche Hygienemuseum in Dresden hat seinen eigentlich viel unzeitgemäßeren Namen beibehalten – weil er zu jener Geschichte des Gebäudes gehört, die man in der Ausstellungspraxis kritisch hinterfragen möchte. Das strebe ich auch an.

Das Gespräch führte Georg Leisten.

Ausstellung Anna McCarthy bis 29. März, Marktplatz 27, Mi-Fr 15-18, Sa 13-18, So 11-17 Uhr.

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