In der Pandemie hat die Wissenschaftsskepsis zugenommen. Foto: dpa/Philipp von Ditfurth

Die Angriffe auf Wissenschaftler nehmen zu. Mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit könnte das Verständnis für die Arbeit von Forschenden verbessern, sagt der Wissenschaftshistoriker Jürgen Renn.

Angriffe auf Forschende nehmen zu. Max-Planck-Forscher Jürgen Renn glaubt trotzdem, dass die große Mehrheit der Wissenschaft vertraut. Zugleich plädiert er für einen intensiveren Austausch zwischen Forschung, Gesellschaft und Politik.

 

Herr Renn, unser Leben wird mehr denn je von wissenschaftlichen Erkenntnissen bestimmt. Gleichzeitig gibt es in Teilen der Bevölkerung eine ausgeprägte Wissenschaftsskepsis. Bereitet Ihnen das Sorgen?

In der Breite der Gesellschaft sehe ich diese Skepsis nicht. Doch es gibt eine zunehmende Polarisierung, und die geht insbesondere am rechten Rand des politischen Spektrums oft mit Wissenschaftsskepsis einher. Das haben wir zum Beispiel während der Coronapandemie gesehen oder im Klimadiskurs. Ich glaube aber dennoch, dass die große Mehrheit der Wissenschaft vertraut.

Woher rührt das Misstrauen derer, die an der Wissenschaft zweifeln?

Ein Punkt ist sicher, dass Wissenschaft von außen gesehen nicht leicht zu verstehen ist. Sie ist hochgradig spezialisiert und zugleich ein dynamischer Lernprozess. Es gibt ständig neue Erkenntnisse, die dazu führen können, dass frühere Aussagen revidiert werden müssen. Doch gerade aufgrund der hohen Bedeutung der Wissenschaft für gesellschaftliche Fragen kommt es zunehmend darauf an, dass möglichst viele Menschen verstehen, wie Forschung funktioniert, auf welche Aussagen wir uns verlassen können und wo unser Wissen begrenzt ist.

Wie könnte das Verständnis für Wissenschaft gefördert werden?

Ich glaube, dass wir die Erkenntnisse verschiedener Fachrichtungen noch besser zusammenführen müssen. In der Coronapandemie hat man das deutlich gesehen. Einerseits ging es da um Epidemiologie und Virologie, andererseits um mögliche Folgen für die Wirtschaft oder um die Frage von Schulschließungen. Gerade bei gesellschaftlich relevanten Themen ist es wichtig, Wissen aus allen relevanten Disziplinen zu integrieren. Dabei muss die Wissenschaft vorangehen. Politiker, die nicht mit den fachlichen Details vertraut sind, können das nicht leisten. Wir brauchen auch neue Formate für den Austausch zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Politik.

Sie plädieren für einen transparenten Umgang der Wissenschaft mit Fehlern. Kann das nicht auch nach hinten losgehen? Skeptiker könnten dann sagen: „Diese Forscher haben ja auch keine Ahnung.“

Das kann passieren. Aber es gehört einfach zum Wesen der Forschung, dass sie Irrtümer und Fehleinschätzungen eingesteht, dass es Kontroversen gibt, dass man manche Probleme bis auf Weiteres als ungelöst bezeichnen muss und dass an einigen Stellen weiterer Forschungsbedarf besteht. Unter akutem Handlungsdruck wie etwa in einer Pandemie ist das natürlich besonders schwer zu ertragen.

Die Forschung wird immer spezialisierter. Macht das den Blick auf das große Ganze schwieriger?

Diese Gefahr besteht. Gerade deshalb sind interdisziplinäre Ansätze so wichtig. Das Problem ist nur, dass solche Ansätze oft nicht zu den üblichen Karrierepfaden passen. Es ist zwar nach wie vor wichtig, auf seinem Spezialgebiet neue Erkenntnisse zu gewinnen und zu publizieren. Aber der karrierebedingte Publikationsdruck kann auch zu Scheuklappen führen, sodass man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.

Was könnte man gegen diese Entwicklung tun?

Es ist wichtig, dass die Medien diese Problematik aufgreifen und der Wissenschaft den Spiegel vorhalten. Ich habe aber den Eindruck, dass sich auch in der Wissenschaft selbst etwas bewegt, dass zum Beispiel Forscher verschiedener Disziplinen enger zusammenarbeiten. Der offene Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen im Netz ist dabei hilfreich, und in Zukunft könnte auch Künstliche Intelligenz helfen, wenn wir ihre Entwicklung in die richtigen Wege leiten. Wichtig wäre auch, dass Universitäten und andere Forschungseinrichtungen ihre Karrierepfade noch stärker für fächerübergreifende Ansätze öffnen.

Wissenschaftsskeptiker berufen sich oft auf Außenseitermeinungen – wenn es zum Beispiel um den Klimawandel oder Impfungen geht – nach dem Motto: Galileo Galilei hatte auch alle gegen sich und lag trotzdem richtig.

Abweichende Positionen gehören zur Wissenschaft, aber auch sie müssen sich am Ende der kritischen Prüfung durch andere Forscher stellen. Weil sie das Beispiel Galilei nennen: Galilei war gar nicht so allein, wie manche glauben, das ist weitgehend eine Legende. Eine entscheidende Rolle bei der wissenschaftlichen Revolution der Neuzeit spielten ja auch Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler und zahlreiche andere Wissenschaftler dieser Zeit.

Ist es nicht auch ein Problem, dass viele Menschen gerne einfache Antworten hätten, die die Wissenschaft aber oft nicht geben kann?

Natürlich. Aber ich sehe keinen Ausweg aus diesem Dilemma. Der menschengemachte Klimawandel ist hier ein gutes Beispiel. Die Atmosphäre ist nun mal ein komplexes System, das mit anderen Systemen in Wechselwirkung steht – etwa mit den Ozeanen, Land- und Eisflächen. Das kann zu Extremereignissen und Kipppunkten führen, die auch unsere Lebensbedingungen betreffen. Ich glaube, dass das auch Laien verstehen können, wenn es richtig vermittelt wird. Idealerweise sollten wir damit schon in den Schulen anfangen.

Wissenschaftshistoriker und Physiker

Position
Jürgen Renn (Jahrgang 1956) ist seit 1994 Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Zudem ist der promovierte Physiker Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Geoanthropologie in Jena und Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.