„Eine Zahl habe ich schon im Kopf“: Da der Sportwagenbauer Porsche wieder auf Rekordkurs ist, denkt Betriebsratschef Uwe Hück schon an Mitarbeiterboni. Foto: dpa

Der mächtige Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück will, dass VW-Kollegen, die ihre Jobs verlieren, zu Porsche kommen können.

Volkswagen steht vor einem massiven Sparprogramm: Weltweit will der Konzern bis zu 30 000 Jobs streichen, den Großteil in Deutschland. Uwe Hück, Betriebsratschef bei der Konzerntochter Porsche, sagt, wie er helfen will.

Herr Hück, bei VW in Deutschland sollen 23 000 Arbeitsplätze abgebaut werden. Kann Porsche VW-Beschäftigte übernehmen?
Selbstverständlich können und werden wir Kollegen von VW auch übernehmen. Wir gehören zum Volkswagen-Konzern. Und wir stehen bereit um Konzernhilfe zu leisten. Das ist wie bei einer großen Familie, jeder hilft im Rahmen seiner Möglichkeiten. So haben wir bei Porsche schon in der Vergangenheit entschieden. Zum Beispiel wurden im Sommer 152 Mitarbeiter von VW Sachsen befristet in die Porsche Leipzig GmbH übernommen. Um Beschäftigung bei VW Osnabrück zu sichern, laufen dort 2017 insgesamt 6000 Cayman vom Band. Und wir helfen 100 Leiharbeitern, deren Verträge im Dezember bei Audi Neckarsulm auslaufen, indem wir anbieten, sie bei Porsche in Zuffenhausen befristet in der Produktion einzustellen. Das können wir machen, weil wir Wachstum haben. Wir helfen so gut es geht und soweit wir das stemmen können, weil jetzt Solidarität angesagt ist.
Porsche hat einige Derivate und andere Zukunftspläne in der Schublade. Stehen diese durch das Sparpaket zur Disposition?
In aller Deutlichkeit: alles was mit Zukunftsprodukten zu tun hat, steht nicht zur Disposition. Damit würden wir unsere eigene Zukunftsfähigkeit gefährden. Das würde niemandem helfen. Deshalb kann ich auch nur alle warnen, die über Maßnahmen nachdenken, die unser Wachstum gefährden, nur um schnell ein paar Euro einzusparen.
Die Betriebsräte deutscher Autohersteller schlagen Alarm, weil bei der Herstellung von E-Fahrzeugen weniger Personal gebraucht wird als bei der Produktion von Verbrennern. Wie beurteilen Sie die Lage? Wie viele Jobs stehen auf dem Spiel?
Die Branche war lange im Tiefschlaf und muss jetzt rasch wach werden. Die Zeit drängt. Wenn wir nicht schnell reagieren und uns auf die Zeitenwende einstellen, dann geht es uns wie zum Beispiel den Fotoherstellern Agfa oder Kodak, die wichtige Trends einfach verschlafen haben und dann von der Bildfläche verschwunden sind.
Was wollen Sie damit sagen?
Wir müssen aufhören zu heulen und endlich die Taschentücher wieder einsammeln. Wir werden die Digitalisierung nicht aufhalten, deshalb müssen wir sie gestalten. Neue Antriebe und immer mehr Computer gesteuerte Technik in den Fahrzeugen und Fabriken wird kommen. Und ­­­sie muss kommen, davon bin ich überzeugt. Der Schlüssel ist die Bildung. Hier müssen die Arbeitgeber die Millionen, die auf irgendwelchen Konten liegen, in die Qualifizierung ihrer Mitarbeiter investieren. Bei Porsche bauen wir gerade entsprechende Trainingscenter auf. Das heißt, aus einem Motorenbauer wird zu Beispiel ein Spezialist für Batterien. Unsere Aufgabe als Gewerkschafter ist dabei, darauf zu achten, dass die Menschen nicht zu Knechten der Technik werden.
Was hat Deutschland falsch gemacht, wenn es um den Einstieg in die E-Mobilität geht?
Wir haben den Wandel nicht gesehen, obwohl er längst begonnen hatte. Es wurde zu lange zugeschaut und gezögert. Ich glaube sogar, die Profitgier hat manchem Manager das Sehvermögen beeinträchtigt. Viele sehen durch ihre Brille nur die Wirtschaftlichkeit. Aber Batteriezellen sind das beste Beispiel, hier geht es nicht um Wirtschaftlichkeit, sondern darum, die Hoheit über die Technik zu haben. Mit der Technikhoheit, wird es auch automatisch wirtschaftlich. Der Unterschied zwischen Betriebsräten und Managern ist doch, dass wir Betriebsräte zusammen mit der IG Metall immer langfristig denken. Manager dagegen denken meist sehr kurzfristig, was wohl auch an ihren Verträgen liegt. Aber auch die Politik ist in der Pflicht. Sie muss die Rahmenbedingungen für den Wandel schaffen. Momentan wird sie der Verantwortung nicht immer gerecht. Mir sind die Maßnahmen zu zaghaft und die Umsetzung zu langsam.
Ein zentrales Element bei der Herstellung von E-Autos ist die Batteriezelle. Porsche hat sich nun entschieden, diese von LG in Korea zu beziehen. Wie glücklich sind Sie damit?
Überhaupt nicht! Weil ich mit meinen Kollegen von der IG Metall und mit den Betriebsräten der Automobil- und Zulieferindustrie immer noch dafür kämpfe, dass die Batteriezelle in Deutschland hergestellt wird. Wir brauchen das Produktions-Know-how bei uns. Und das beginnt eben mit der Batteriezelle, die bislang ausschließlich aus Japan und Südkorea stammt. Wir müssen auch in Zukunft die gesamte Wertschöpfung des Autos in Deutschland haben, davon bin ich überzeugt. Es ist falsch, sich hier komplett von asiatischen Herstellern abhängig zu machen. Aber klar ist auch, Porsche kann das alleine nicht stemmen. Das geht nur zusammen mit dem Konzern. VW hat den ersten Schritt gemacht und neben der Batteriefertigung in Braunschweig nun angekündigt, künftig in Salzgitter eine Pilotfertigung für Lithium-Ionen-Batterien zu bauen. Dort soll außerdem die nächste Technologiestufe, die Feststoffzelle, entwickelt werden.
Gibt es das Bestreben, für den Mission E Batteriezellen made in Germany zu kaufen, sobald es auf dem Markt entsprechende Angebote gibt?
Ja, ja, ja und nochmals ja. Weil wir uns unabhängig machen müssen von asiatischen Herstellern.
Porsche will bis Ende des Jahrzehnts den Mission E auf den Markt bringen. War’s das dann oder hat Porsche im Hinblick auf Elektromobilität noch mehr auf Lager?
Glauben sie mir, Porsche hat immer gute Ideen. Aber wie der Schwabe sagt: immer ein Schritt nach dem anderen, sonst kommen wir ins Stolpern. Der Mission E soll zum Ende des Jahrzehnts in Zuffenhausen vom Band laufen. Dazu bauen wir den Standort komplett um, bauen bei laufender Produktion unserer zweitürigen Sportwagen in Zuffenhausen eine neue Fabrik in der Fabrik. Porsche investiert dafür eine Milliarde Euro und schafft alleine an seinem Stammsitz über 1000 neue Arbeitsplätze. Es ist ein gewaltiger Kraftakt, den wir stemmen müssen. Aber ich bin stolz darauf, dass es uns gelungen ist, den Mission E zu uns zu holen. Am Anfang waren davon nicht alle überzeugt und einige gar nicht begeistert von dem Vorhaben. Sie dachten, der Glatzkopf sei jetzt völlig verrückt. Aber wir konnten sie überzeugen. Das wir das geschafft haben und jetzt alle gemeinsam anpacken, das ist der einzigartige Porsche-Geist.
Welches Modell wird als nächstes elektrifiziert. Daimler setzt mit dem EQ ja auf einen Publikumsliebling: einen SUV…
Wissen sie, es gibt Momente, in denen sogar ich als Schwabe die Überschrift gut finde, „jetzt halt ich mal lieber mei Gosch“. Aber ich kenne die Antwort, da können sie sich sicher sein. Es ist bei uns allerdings gute Tradition, dass sich der Betriebsratschef nicht zur Modellpolitik äußert. Das ist für mich ganz klar Chefsache, also kann diese Frage nur unser Vorstandsvorsitzender Oliver Blume beantworten.
Wird 2016 wieder ein Rekordjahr?
Gehen sie etwa nicht davon aus? Porsche steht gut da und es sieht so aus, als könnten wir 2016 im Vergleich zum Rekordjahr 2015 noch etwas zulegen. Ich bin auch davon überzeugt, dass wir unserer Mutter VW mit hervorragenden Produkten und Ergebnissen am besten helfen. Das sieht übrigens mein Freund und VW-Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh auch so.
Werden dann auch die Mitarbeiterboni für 2016 wieder intergalaktisch oder streicht Wolfsburg diese zusammen?
Jetzt werde ich sauer. Keiner streicht uns die Sonderzahlung. Das geht gar nicht! Nur der Vorstand und der Gesamtbetriebsrat von Porsche entscheiden über die Höhe. Das war in der Vergangenheit so und daran wird sich nichts ändern. Wir nehmen im Frühjahr die Verhandlungen auf. Die werden nicht einfach. Eine Zahl habe ich schon im Kopf. Die Kunst ist jetzt, den Vorstand davon zu überzeugen. Fakt ist: unsere intergalaktische Belegschaft erarbeitet das tolle Ergebnis und hat sich mit ihrem unermüdlichen Einsatz einen intergalaktischen Bonus verdient. Ich habe größten Respekt vor dieser Mannschaft, denn ohne die engagierten Männer und Frauen wäre Porsche nicht Porsche und wären auch solche Ergebnisse nicht möglich. Ich verneige mich schon jetzt vor der Leistung, die zum Ergebnis 2016 beigetragen hat.
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