Das Haus und seine Hüterin: Ulrike Groos im Stuttgarter Kunstmuseum Foto: Wolfgang Schmidt

Gemälde abhängen, weil sie unter Sexismusverdacht stehen? Ulrike Groos, die Leiterin des Stuttgarter Kunstmuseums, hält das für den falschen Weg. Eine fundierte Debatte sei nur möglich, wenn man die Freiheit der Kunst gegen Zensurangriffe verteidige.

Stuttgart - Ein Gedicht von Eugen Gomringer an der Fassade einer Berliner Hochschule: übermalt wegen angeblich sexistischer Sichtweise. Eine Ausstellung des Fotografen Bruce Weber in Hamburg: vorläufig verschoben bis zur Klärung von Belästigungsvorwürfen. Ein Gemälde aus dem 19. Jahrhundert in der Manchester Art Gallery: abgehängt, weil die Darstellung der badenden Nymphen nach Ansicht der Kuratorin für den männlichen Blick bestimmt ist. Im Zuge der Metoo-Debatte scheint eine neue Kunstmoral Einzug in den Kulturbetrieb zu halten. Ulrike Groos, die Direktorin des Stuttgarter Kunstmuseums, verteidigt die Freiheit der Kunst gegen Zensurbestrebungen.

Frau Groos, in Manchester wurde das Gemälde eines präraffaelitischen Künstlers abgehängt, auf dem sich nackte Nymphen in einem Teich tummeln. Sie selbst zeigen im Kunstmuseum zur Zeit auch viel nacktes Fleisch. Haben Sie wegen der Patrick-Angus- Ausstellungschon Ärger gekriegt?
Nein. Es ist eher das Gegenteil der Fall. Wir haben erstmals in der Geschichte des Kunstmuseums ein Gästebuch ausgelegt, um Besuchern der Ausstellung die Möglichkeit zu geben, ihre Meinung zu äußern. Die Ausstellung wird sehr gelobt, gerade weil sie ein immer noch tabuisiertes Thema aufgreift, und belegt das enorme Interesse an der Beschäftigung mit sexueller Identität und Diversität. Wichtig ist, dass es sich um den Blick auf einen amerikanischen Maler handelt, der das schwule Leben im New York der 1980er Jahre zeigt. Es wird deutlich, dass es ihm um die Darstellung menschlicher Grundbedürfnisse geht, also Liebe, die Suche nach Geborgenheit, Anerkennung – und eben nicht um Pornografie.
Es ist vielleicht grundsätzlich ein Unterschied, ob man nacktes Männer- oder Frauenfleisch zeigt. Halten Sie einen Fall wie den des Gemäldes „Hylas and the Nymphs“ von John William Waterhouse, das die Manchester Art Gallery abgehängt hat, in Ihrem Haus oder hierzulande für möglich?
Ich bin grundsätzlich gegen das Abhängen oder Verstecken von Kunst. Die Entscheidung, ein Bild zu entfernen, um dann eine Debatte darüber anzustoßen, ist meines Erachtens kontraproduktiv. Ich plädiere für eine Thematisierung der aktuellen Debatten gerade anhand von Kunst. Für mich ist keine Diskussion möglich, wenn das entsprechende Objekt nicht zu sehen ist. Wir als Museen sind gehalten, Tatsachen offenzulegen und nicht Vermutungen zu folgen. Wichtig ist auch, dass Kunst aus ihrer Entstehungszeit heraus verstanden wird, wie gerade das Beispiel Manchester vor Augen führt. Und wir sollten auch nicht vergessen, dass besonders in der älteren Kunst, aber auch in der Gegenwart viele Szenen auf Schilderungen in der Bibel oder der antiken Mythologie zurückgehen. Beide Quellen sind voll von Kriegen, Brutalität, Sexismus. Schriftliche wie bildliche Zeugnisse sind als künstlerische Sinnbilder des Lebens und auch der menschlichen Schwächen zu verstehen. Was heute meistens fehlt, ist das Bewusstsein, die Sensibilität, vielleicht auch das Wissen, ein Werk in seiner Historie zu sehen. Autor, Werk, Betrachter und Kontext müssen gemeinsam, aber auch jeweils für sich bedacht werden.
Gilt das dann auch für Genderfragen, die wir an Kunstwerke stellen?
Natürlich, die Widersprüche zwischen früheren und heutigen Frauenbildern, der Umgang der Geschlechter, das sind Fragen, die wir in Sammlungspräsentationen bisher zu wenig thematisiert haben. Dies gilt übrigens auch für diskriminierende Tendenzen hinsichtlich der Darstellung nationaler und ethnischer Zugehörigkeit. Die Bereitstellung solcher Informationen müssen wir Museen künftig stärker angehen.
b>„Bilder sind oft die ersten Opfer, auf die mit dem Finger gezeigt wird“
Sexuelle Freiheit gehört ja zu den wichtigen Errungenschaften der Moderne. Worauf führen Sie diesen Rückfall in eine überwunden geglaubte Verklemmtheit zurück?
Die Metoo-Debatte hat in diesem Zusammenhang sehr viel ausgelöst. Kultur wird bei gesellschaftlichen und politischen Bewegungen am ehesten angegriffen. Und Bilder sind – das hat sich in der Vergangenheit häufig gezeigt – oft die ersten Opfer, auf die mit dem Finger gezeigt wird. Denken Sie an diese unmögliche Aktion 2016 in Rom, wo bei einem Besuch des iranischen Präsidenten die antiken Statuen verhüllt wurden. Oder, anderes Beispiel, das Plakat mit der nackten Venus von Lucas Cranach, mit dem die Royal Academy vor ein paar Jahren für eine Ausstellung mit Werken des Malers warb und das die Londoner Verkehrsbetriebe verbannten, weil sie ihren Fahrgästen so viel Nacktheit nicht zumuten wollten. Sie sehen, die Debatte ist gar nicht so neu. Für uns als Museen gilt, dass wir für die Freiheit der Kunst stehen. Wir werden Teile der Kunstgeschichte nicht ausradieren, indem wir Bilder entfernen, sondern möchten bestimmte Gesellschaftsbilder und Lebensweisen anhand von Kunst diskutieren.
Es fällt auf, dass einerseits mit dem Finger auf Kunst gezeigt wird, wir andererseits aber in der Werbung, in Medien, im Internet mit einer Flut sexualisierter und pornografisierter Bilder konfrontiert sind. Muss die Kunst etwas kompensieren, dessen wir anderswo nicht mehr Herr zu werden meinen?
Ich würde unterscheiden zwischen Werbung und Internet. Gegen sexualisierte, frauenfeindliche Werbung hat es in jüngerer Zeit immer wieder erhebliche Proteste gegeben. Da beginnt eine Sensibilisierung sowohl bei den Konsumenten als auch bei den Unternehmen. Anders verhält es sich mit der anonymen Öffentlichkeit im Internet, wo mit gefälschten Bildern gearbeitet wird, mit Unterstellungen und Falschbehauptungen – das Internet ist im Zusammenhang mit Debattenkultur hochproblematisch, und auch im Museum müssen hier noch Wege des Umgangs gefunden werden.
Sie selbst planen im Herbst eine Ausstellung mit dem Titel „Ekstase in Kunst, Tanz und Musik“. Was haben wir zu erwarten? Wieder viele nackte Körper?
(lacht) Unlängst hat die FAZ eine Doppelseite mit Kunstwerken veröffentlicht, deren Entfernung aus Museen oder auch Kirchen in der aktuellen Sexismus-Debatte ebenfalls gefordert werden könnte, um damit zu demonstrieren, dass die halbe Kunstgeschichte im Giftschrank verschwinden müsste, wenn man sie vermeintlich nur nach Sitte und Anstand beurteilt. Einige dieser Werke werden wir im Herbst in unserer Ausstellung präsentieren. So zeigen wir zum Beispiel eine Studie von Gian Lorenzo Berninis berühmter Skulptur „Die Verzückung der heiligen Theresa“, die in einer römischen Kirche steht und die unio mystica, die mystische Vermählung mit Gott zeigt. Der entrückte Gesichtsausdruck der Heiligen wurde häufig sexuell, also als körperliche Lust gedeutet. Oder wir stellen Picassos Radierung eines Minotaurus, der eine schlafende Frau liebkost, aus. Unsere Ausstellung wird auch nackte Bacchantinnen oder Warhols Film „Blow Job“ zeigen, dies alles sind wichtige kunsthistorische Belege für unser Thema. Denn Ekstasen sind so alt wie die Menschheit, deshalb wird die Ausstellung diesem Zustand des „Außer-Sich-Seins“ in seiner kulturellen Bedeutungsgeschichte nachspüren. Dionysischer Kult, religiöse Verzückung, brasilianischer Candomblé, sexuelle oder drogeninduzierte Ekstasen: das werden die Themenbereiche sein, die das anthropologisch universelle Bedürfnis nach Entgrenzung veranschaulichen. Damit leisten wir durchaus einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Debatte.
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