In Berlin findet vom 6. bis zum 10. April die Turn-EM statt. Foto: dpa

Bundestrainerin Koch über die Heim-EM in Berlin und Probleme des deutschen Frauenturnens.

Berlin - In Berlin beginnt am Mittwoch die Turn-Europameisterschaft. Dank Philip Boy und Marcel Nguyen haben die Männer Siegchancen, Frauen-Trainerin Ulla Koch wäre dagegen schon mit Finalplätzen zufrieden: "Wir wollen uns bei der Heim-EM gut präsentieren."

Frau Koch, wie groß ist die Vorfreude auf die EM in Berlin?

Wir freuen uns alle auf die Heim-EM, und um ehrlich zu sein, sind wir froh, dass das ganze Augenmerk auf die Männer gerichtet ist. Uns lässt man schön in Ruhe, wir können uns auf unsere Ziele konzentrieren.

Und wie lauten diese?

Ein Erfolg wäre, wenn wir uns für zwei Geräte- und zwei Mehrkampffinals qualifizieren. Elisabeth Seitz und Kim Bui könnten das Einzelfinale am Barren schaffen, Oksana Tschussowitina am Sprung. Solche Ziele sollte man sich setzen, nicht nur hinfahren und sagen: Jetzt machen wir eine schöne Heim-EM. Am Boden und vor allem am Balken sehe ich kaum eine Finalchance. Noch nicht.

Noch nicht?

(Lacht) Wir starten gerade eine Balken-Offensive. Wir werden nicht viel schwieriger turnen, aber wir fallen nicht mehr runter.

Welchen Stellenwert hat die EM für Sie?

Mir wäre es lieber, es wäre eine Mannschafts-EM, weil ich dann mehr Leute einsetzen könnte. Andererseits kämpft in Berlin jede für sich. Und wir brauchen gute Einzelkämpferinnen, weil das Team nur so stark ist wie die Einzelnen. Wir wollen uns bei der EM gut präsentieren, aber der Blick geht ganz klar Richtung WM in Tokio, wo es im Herbst um die Olympia-Qualifikation geht. Wir müssten mit der Mannschaft mindestens Achter werden, um uns direkt für London 2012 zu qualifizieren. Die Plätze neun bis 16 kämpfen im Januar bei den Vorolympischen Spielen um die letzten vier Startplätze.

Wie groß sind die Chancen für die direkte Olympia-Qualifikation?

Das wird eng. China, die USA, Russland, Rumänien, Australien, Großbritannien und Japan werden wohl die Plätze eins bis sieben unter sich ausmachen. Um den achten Platz streiten wir uns mit Frankreich, Italien, Holland, der Schweiz, Brasilien, Kanada und der Ukraine. Wer die wenigsten Fehler macht, ist in London dabei.

Der Wettkampf im Januar ist also eingeplant?

Das Team ist fest entschlossen, Achter zu werden, damit wir Weihnachten zu Hause feiern können. Wenn wir es nicht schaffen, sind wir vom 12. Dezember bis zum Wettkampf zur Vorbereitung in Kienbaum. Nur am 24. könnten die Mädels zu Hause sein.

Kim Bui ist in Berlin dabei, Marie-Sophie Hindermann fehlt verletzt, in Giulia Hindermann, Pia Tolle und Adina Hausch stehen noch drei weitere Stuttgarterinnen im erweiterten WM-Kader. Welche Bedeutung hat dieser Standort für das deutsche Turnen?

Eine ganz große. Die Stuttgarter Kaderturnerinnen sind dominant - auch im Nachwuchsbereich. Dies gilt aber auch für die anderen beiden Zentren in Baden-Württemberg, Mannheim und Karlsruhe.

Weil die Strukturen dort stimmen?

Und weil die handelnden Personen sehr engagiert sind. Das Kunstturnforum Stuttgart ist gesegnet mit sechs hauptamtlichen Trainern, das gibt es an keinem anderen Stützpunkt. In Mannheim zum Beispiel trainieren die Turnerinnen von Jahrgang 2000 bis zu den Aktiven mit Elisabeth Seitz in einer Trainingsgruppe. In Stuttgart gibt es dafür vier. Da kommt manchmal ein wenig Unmut auf, bei denen, die sich das nicht leisten können. 

"Mit dem Spagat kennen wir uns ja aus"

Bei der Nominierung der vier EM-Turnerinnen mussten Sie aus 14 Kandidatinnen vier auswählen. Wird der Konkurrenzkampf auch bei den Frauen immer größer? 

Das hoffe ich. Das ist ja auch der Vorteil bei den Männern: Dort ist der Konkurrenzkampf so groß, dass die sich gegenseitig aufheizen.

Wie weit sind die deutschen Frauen von den deutschen Männern entfernt?

Ganz weit. Unsere Männer sind Weltklasse. Wir können vielleicht hin und wieder - wie zuletzt Elisabeth Seitz am Barren - da oben anklopfen. Uns würde ich eher im Mittelfeld ansiedeln, gemeinsam mit Nationen, die ähnliche Trainingsbedingungen haben wie wir.

Was machen große Turnnationen anders als die Deutschen?

Manche trainieren 35 Stunden oder mehr in der Woche. Die Chinesen zum Beispiel sind acht Stunden in der Halle - jeden Tag. Da gibt es kein Wochenende, keine Ferien und auch kaum Schule. Mit solchen Nationen können wir uns einfach nicht messen.

Was müsste sich in Deutschland ändern?

Die einzige Möglichkeit wäre es, die Schulausbildung zu vernachlässigen. Dieses Risiko können wir aber nicht eingehen, weil man im Turnen - zumindest bei den Frauen - keine Profikarriere starten kann. Deshalb müssen wir weiterhin den Spagat machen zwischen Schule und Training. Aber mit dem Spagat kennen wir uns ja aus.

Warum haben die deutschen Männer den Sprung in die Weltklasse der Turner dennoch geschafft?

Männer können sich länger im Turngeschäft halten, bei denen geht es erst mit 18 richtig los. Wenn dann Talent und Trainingsfleiß zusammenkommen, können sie in die Bundeswehr eintreten. Dann sind sie Profis, das ist ein Riesenunterschied. Außerdem habe ich das Gefühl, dass den Mädels die Schule wichtiger ist als den Jungs. Sie wissen, was sie wollen, und planen ihre Zukunft nach der Karriere zielgerichteter.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: