Von den illegalen Drogen wird häufig Kokain konsumiert. Eine Suchtberatung ist oft der letzte Ausweg für Junkies. Foto: dpa

Die Rauschgiftdelikte in Stuttgart sind laut aktueller Kriminalstatistik der Polizei deutlich gestiegen. Waren es im Jahr 2013 noch 3518 Fälle, so verzeichnete die Polizei 4468 Delikte der Rauschgiftkriminalität im Jahr 2014 und damit einen Anstieg von 27 Prozent. Ein Interview.

Frau Kimuli, bedeuten die gestiegenen Zahlen der Rauschgiftdelikte, dass in Stuttgart mehr Drogen konsumiert werden?
Rauschgiftkriminalität ist eine sogenannte Holkriminalität. Strafanzeigen kommen darüber zustande, dass die Polizei ermittelt. Deshalb ist meine Erklärung für den Anstieg der Rauschgiftkriminalität, dass die Polizei mehr ermittelt. Ansonsten ist die Zahl der Cannabis-Konsumenten auf gleichbleibend hohem Niveau.
Welche Drogen konsumieren die meisten Jugendlichen, mit denen Sie zu tun haben?
Von den illegalen Drogen werden nach wie vor Amphetamine und Kokain konsumiert. Die meisten Menschen, die schon einmal mit illegalen Drogen in Kontakt gekommen sind, haben aber Erfahrungen mit Cannabis gemacht. Das belegen auch die Zahlen der Jugendlichen, die zu uns zur Beratung ­kommen.
Cannabis wird häufig als Einstiegsdroge bezeichnet. Wie schätzen Sie das ein?

Ich finde es falsch, Cannabis eine Einstiegsdroge zu nennen. Erstkontakt mit Rauschmittel haben Jugendliche nach wie vor mit Alkohol und Tabak. Aber natürlich kaufen die Konsumenten Cannabis auf dem Schwarzmarkt und können dadurch in Kontakt mit anderen illegalen Drogen kommen. Es gibt aber auch viele Jugendliche, die ausschließlich Cannabis konsumieren.

Welche Folgen des Drogenkonsums bekommen Sie mit?
Das wirkt sich individuell ganz unterschiedlich aus. Manche erleben negative Folgen, wenn sie wegen ihres Konsums eine Strafanzeige bekommen oder den Führerschein abgeben müssen. Bei den meisten, die jeden Tag Drogen konsumieren und nicht nur an den Wochenenden, hat das negative Auswirkungen auf Beruf oder Schule. Nicht alle Menschen, die Kontakt zu Drogen haben, sind abhängig. Viele konsumieren nur an den Wochenenden sogenannte Partydrogen, haben ihr Leben aber ansonsten im Griff. Oft staunen wir darüber, wie gut sie trotzdem den Alltag meistern.
Welche Rauschmittel werden als Partydrogen eingenommen?
Dazu gehören beispielsweise Amphetamine, Ecstasy oder Kokain, die wach machen. Die meisten Konsumenten sind zwischen 18 und 30 Jahre alt. In dieser Altersspanne macht man unterschiedliche Phasen durch und ­experimentiert vielleicht. In der Freizeit werden diese Partydrogen dann funktional eingesetzt, um beim Feiern gut drauf zu sein. Um später wieder runterzukommen, konsumieren viele Cannabis. Mit unserem neuen Projekt Take versuchen wir die Jugendlichen und jungen Erwachsenen deshalb auch dort zu erreichen, wo sie die Drogen konsumieren: bei den Partys.
Haben die Jugendlichen Interesse daran, sich auf Partys mit Suchtberatern auszutauschen?
Wir haben dazu eine Bedarfsanalyse unter Drogenkonsumenten gemacht. Dabei kam heraus, dass wir bisher hauptsächlich Konsumenten von Cannabis und Heroin erreichen, aber nicht die vielen Partydrogenkonsumenten. In den Clubs oder bei Festivals wollen wir mit ihnen ins Gespräch kommen und mit Infoständen präsent sein. Tatsächlich interessieren sich die Jugendlichen für sachliche glaubwürdige Informationen, mit denen sie ihr Risiko minimieren können. Wir gehen davon aus, dass wir mit dieser aufsuchenden Arbeit viele junge Menschen erreichen können. Nun geht es uns noch darum, Kontakte zu den Clubbetreibern zu knüpfen. Wir wollen möglichst viel Beteiligung aus der Partyszene.
Wie kommen die Jugendlichen zum ersten Mal in Kontakt mit den Drogen?
Die häufigsten Einstiegssituationen geschehen im Freundeskreis. Oft spielt die eigene Neugierde eine Rolle.
Durch die Medien geistert immer wieder Metamphetamin – besser bekannt unter dem Szenenamen Crystal Meth – als neue, gefährliche Modedroge. Ist diese Droge auch in Stuttgart angekommen?
Die Drogenstatistiken der Polizei decken sich mit unseren Erfahrungen: Crystal Meth ist in Stuttgart bisher kein Massenproblem. Bei unseren Beratungen von Release U21 in der Haftanstalt Stammheim war im vergangenen Jahr eine Person dabei, die von Crystal Meth abhängig ist.