Kurz vor den Präsidentschaftsw ahlen in den USA spürt der designierte Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Stefan Wolf, bei seinen Geschäftspartnern eine „totale Verunsicherung“. Unklare Verhältnisse würden die Beziehungen belasten.
Stuttgart - Vier Standorte hat der Automobilzulieferer Elring-Klinger in den USA. Folglich hat sein Vorstandschef Stefan Wolf hohes Interesse an stabilen transatlantischen Verhältnissen und einem möglichst freien Welthandel. Beides werde es nur mit dem Demokraten Joe Biden als Präsident geben, davon ist der Vorsitzende des Arbeitgeberbandes Südwestmetall überzeugt.
Herr Wolf, kennen Sie einen Unternehmer in Deutschland, der darauf hofft, dass Donald Trump Präsident bleibt?
Es gibt bestimmt welche, aber ich kenne keinen.
Gäbe es Gründe, ihn wiederzuwählen?
Aus meiner Sicht gibt es gar keinen Grund. Innenpolitisch hat er das Land total gespalten. Und dann das ganze außenpolitische Gebaren: Wir leben in einer globalen Wertegemeinschaft. Die hat er zum Teil mit Füßen getreten. Insofern wäre es wichtig, dass wir einen Wechsel kriegen.
Das heißt, Sie würden Biden wählen?
Absolut.
Sie provozieren ja auch mal ganz gerne – können Sie Trumps Stil irgendetwas Positives abgewinnen?
Am Anfang seiner Amtsperiode war es noch ganz okay. Er hat verschiedene Dinge auf den Punkt gebracht, aber jetzt wirkt er auf mich fahrig und unkonzentriert. Es geht ihm nicht mehr darum, die ihm wichtigen Inhalte zu verwirklichen, sondern nur noch um die Frage, wie er mit was punkten kann. Da erscheint nur noch opportunistisch.
Elring-Klinger hat vier Standorte in den USA. Wegen Corona waren Sie dieses Jahr noch nicht drüben. Wie oft reisen Sie normalerweise in die Vereinigten Staaten?
So sieben bis neun Mal pro Jahr. Vier bis fünf Mal zu den Tochter-Beteiligungsgesellschaften und drei bis vier Mal zu Investoren-Roadshows mit den institutionellen Anlegern. Die großen Fondsgesellschaften sitzen ja in New York, Boston, Denver oder San Francisco.
Was hören Sie von Ihren Geschäftspartnern in den USA – wie verunsichert sind die, was ein möglicherweise unklares Wahlergebnis angeht?
Alle sind total verunsichert über das, was da gerade abläuft. Nicht nur wegen der Corona-Problematik. Wenn jetzt bürgerkriegsähnliche Zustände ausbrechen, weil sich irgendwelche Bürgerwehren bemüßigt fühlen, mit Waffen auf die Straße zu gehen, weil sie das Wahlergebnis und einen Regierungswechsel nicht akzeptieren wollen, dann stelle ich mir schon die Frage: Ist das noch ein demokratisches Land? Demokratie lebt davon, dass der Gewählte dann auch regiert und der Unterlegene die Niederlage akzeptiert. Da habe ich die Befürchtung, dass das etwas außer Kontrolle gerät.
Wie polarisiert sind die Belegschaften an Ihren Standorten?
Die gesellschaftliche Spaltung setzt sich in den Betrieben fort. Es gibt niemanden, der ein bisschen Trump will – entweder man ist hundert Prozent für ihn oder hundert Prozent gegen ihn. Ich habe schon im vorigen Jahr versucht, das gar nicht mehr anzusprechen. Die Bereichsleiter oder Geschäftsführer sind eher demokratisch gesinnt. In der Produktion jedoch gibt es unter den Mitarbeitern heftige Trump-Anhänger. Vor allem auch unten im Süden, in unserem Standort Buford bei Atlanta, sind etliche Hardliner tätig. Auch in den Fondsgesellschaften gibt es schwarz und weiß.
Würde so eine Phase, in der sich Trump an sein Amt klammert, die amerikanische Wirtschaft und die Beziehungen mit Europa belasten?
Da bin ich mir sicher. Unklare Verhältnisse sind immer schlecht, und unsichere Situationen haben immer dazu geführt, dass die Börse deutlich nachgibt, weil da Ängste entstehen. Aber auch die Frage von Importen und Exporten dürfte belastet werden. Insofern ist ein klares Ergebnis zu wünschen – was ich auch glaube, denn 80 Millionen Amerikaner haben schon ihre Stimme abgegeben. Das ist mancherorts mehr, als letztes Mal überhaupt gewählt haben. Die Wahlbeteiligung steigt deutlich an – vor allem unter den jungen Leuten, die stärker auf Bidens Seite sind.
Trump hat mit Importzöllen auch auf deutsche Waren die hiesige Wirtschaft verschreckt. Hat er den Handel auch so beeinträchtigt, dass es viele Unternehmen in Baden-Württemberg merken?
Aber klar. Das merken sie in ihren Kostenpositionen. Früher mögen sie 500 000 Dollar gezahlt haben – heute sind es womöglich fünf Millionen. Trump hat mit seiner Handelspolitik die Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland, Europa und China erheblich belastet. Die Wirtschaft ist total globalisiert – so eine Art von Protektionismus an den Tag zu legen, ist da völlig kontraproduktiv. Das belastet uns wirtschaftspolitisch extrem. Allein bei Elring-Klinger haben wir im vorigen Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag an Zöllen gezahlt. Das ist ja auch völlig undifferenziert ausgestaltet: Wir zahlen zum Beispiel einen Zoll auf Aluminium bei der Einfuhr in die USA, das wir in dieser Qualität bei keinem US-amerikanischen Hersteller bekommen. Zölle sollen ja die lokale Wirtschaft stützen. Wenn aber lokal nicht angeboten wird, was ich brauche, ist es absurd. Solche Dinge passieren zuhauf.
Im dritten Quartal hatte die US-Wirtschaft ein Rekordwachstum. Und bis zum Ausbruch der Pandemie erlebten die Börsen in Trumps Amtszeit einen Boom, die Zahl der Arbeitslosen sank auf den niedrigsten Stand seit 50 Jahren. Ökonomisch ist er vielleicht gar nicht so schlecht?
Protektionismus führt immer erst zu einem extremen Binnenwachstum, weil viele Dinge nicht mehr eingeführt und deswegen lokal produziert werden. Auch wir haben unsere Produktion bei Edelstahl umgestellt und unsere Bedarfe in die USA verlagert. Das führt natürlich zu einem Wachstum im Inland. Aber so etwas hat noch nie auf Dauer funktioniert.
Die Erfolge hatten auch den Preis einer immensen Staatsverschuldung, die auf einen Höchststand von nunmehr 21 Billionen Dollar angestiegen ist. Was bedeutet das für die Zukunft der USA?
Es bedeutet, dass viele junge Menschen diese Hypothek abtragen müssen. Das wollen sie aber nicht und gehen jetzt in einem viel größeren Ausmaß wählen.
Dass Trump die Unternehmenssteuern massiv gesenkt und wachstumshemmende Vorschriften dereguliert hat, müsste Ihnen als Arbeitgeberverbandschef aber gefallen?
Wenn die Unternehmenssteuern runtergehen, kommt das der Wirtschaft natürlich entgegen. Aber es kommt in erster Linie auf die Gesamtschau an. Ich halte es auch für hochproblematisch, dass Trump die Klimafrage so weggeschoben hat. Wir haben da ein globales Problem. USA, China und Indien sind zuständig für 75 Prozent des CO2-Ausstoßes weltweit. So müssen wir gerade in diesen Ländern dafür werben, dass da etwas passiert, um die Erde als Lebensraum zu erhalten. Es ist schon ein starkes Stück von Trump, das einfach zu negieren.
Trump spricht von den Demokraten, als wären sie Sozialisten. Was erwarten Sie von Joe Biden, wenn er ins Präsidentenamt kommt?
Zunächst einmal wünsche ich mir, dass all die Handelshemmnisse zurückgenommen werden. Ich erwarte von Joe Biden, dass er sich zu einem möglichst barrierefreien Welthandel bekennt und vielleicht auch alte Schranken abbaut. Das letztlich gescheiterte transatlantische Freihandelsabkommen TTIP ging da schon in die richtige Richtung – ich könnte mir vorstellen, dass es wieder aufgenommen wird.
Die Erwartungen sind jetzt schon so hoch, dass Joe Biden da nur enttäuschen kann. Auf Protektionismus würde er als Präsident auch nicht ganz verzichten?
Die Veränderungen gehen auch nicht von einem Tag auf den anderen. Aber ich glaube, dass er entsprechende Programme ankündigt und sie in einem überschaubaren Zeitraum umsetzt. Auch die Beschränkungen im Nafta-Bereich mit Kanada und Mexiko müssen weg. Trump hat völlig verkannt, in welcher Abhängigkeit die USA von Mexiko sind. Ich liefere auch aus meinem Werk in Mexiko an Ford und GM. Im Frühjahr hatten wir wegen der Pandemie die Situation, dass die amerikanische Wirtschaft im Bereich der Autoteile nicht wieder anlaufen konnte, weil Mexiko noch einen totalen Lockdown hatte. So eng sind die Beziehungen.
Sollte Bernie Sanders Arbeitsminister werden, dann wird er die Arbeitsbedingungen massiv verbessern und die teils total machtlosen Gewerkschaften stärken wollen. Ist das schon sozialistisch?
Aus meiner Sicht ist das nicht sozialistisch, sondern absolut legitim. Man muss da nur schauen, wie man eine richtige Balance zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerinteressen findet – so wie wir es hier auch machen.
Gibt es etwas, was Sie am amerikanischen Wirtschaftssystem bewundern?
Vor allem gibt es dort nicht so schwierige und ausgefeilte bürokratische Verfahren wie bei uns. Die sind bei uns in den letzten vier Jahren immer schlimmer geworden.
Wie wichtig ist der amerikanische Markt für uns in der Zukunft – gerade im Vergleich mit China?
Der Markt ist extrem wichtig für uns. Allein die deutsche Automobilindustrie hatte in den USA vor einem Jahrzehnt einen Anteil von unter zwei Prozent und liegt jetzt bei fast zehn Prozent. Deutsche Fahrzeuge sind total gefragt in den Vereinigten Staaten. Wir müssen uns an den Märkten in den USA und in China ausrichten – beide sind wichtig. Den einen Markt aufzugeben und den anderen noch stärker zu bearbeiten, hielte ich für falsch.