Ortstermin bei der Schafherde im Strudelbachtal: der Markgröninger Ortsschäfer Edmund Wörner (links) debattiert mit Markus Rösler über Schafe und Wölfe Foto: factum/Bach

Der Wolf hat ein schlechtes Image. Seit bei Lahr ein totes Tier gefunden wurde, sind die Schäfer alarmiert. Der Markgröninger Stadtschäfer Edmund Wörner und der Nabu-Wolfsbeauftragte Markus Rösler fragen sich, ob Naturschutz, Schafzucht und der Wolf eine friedliche Koexistenz finden können.

Markgröningen - Herr Wörner, haben Sie Angst vorm Wolf?
Wörner: Ich weniger, aber meine Schafe.
Hat Sie der jüngst in Baden-Württemberg gefundene Wolf alarmiert?
Wörner: Bei uns in der Gegend hat es soviel Verkehr und so wenig Wald, dass da kein Wolf herkommen wird.
Was sind für Ihre Schafe im Moment die realen Gefahren?
Wörner: Bis jetzt ist das höchstens Mal ein entlaufener oder wildernder Hund, der sich an die Schafe ranmacht. Aber wenn wir Wölfe hätten, wäre das schon anders.
Ist der Autoverkehr ein Problem?
Wörner: Da bin ich ja dabei, da muss ich halt aufpassen. In Markgröningen muss man oft über die Straße. Hier gibt es keine großen zusammenhängenden Flächen. Da muss man täglich laufen. Jetzt, wo es so trocken ist, muss man die Schafe auch zum Wasser bringen.
Ist der Wolf bei den Schäfern ein Thema?
Wörner: In der Schäferzeitung schon. Und im Schwarzwald, wo der Wolf eher hinkommen kann.
Können Sie diese Angst nachvollziehen, Herr Rösler?
Rösler: Natürlich. Man weiß ja, dass der Wolf Schafe fressen kann. Und wenn er welche erwischt, kann er entsprechende Schäden anrichten.
Reden wir von einem Phantom oder ist es wahrscheinlich, dass der Wolf durch den Landkreis Ludwigsburg spaziert?
Rösler: Im Augenblick ist es wahrscheinlich ein Phantom. Aber es ist irgendwann möglich. Am ehesten wird er durch den Nordteil spazieren. Sprich: durch den Naturpark Stromberg-Heuchelberg, wo ja 1847 der zweitletzte Wolf von Baden-Württemberg nachgewiesen worden ist. Aus wissenschaftlichen Untersuchungen, weiß man, dass Wölfe erstaunlich präzise dort wieder auftauchen, wo sie vor Jahrhunderten einmal das letzte Mal nachgewiesen oder abgeschossen worden sind.
Wie das?
Rösler: Es gibt wahrscheinlich gewisse Landmarken, die einfach günstig sind für das Wanderverhalten. Der Wolf kann in 24 Stunden über 70 Kilometer zurücklegen. 2011 ist ein Wolf aus der alpinen Population quer durch Süddeutschland oder die Vogesen bis nach Nordhessen und Nordrhein-Westfalen und dann quer durch Norddeutschland gelaufen. Kein Mensch hat ihn gesehen auf dem Weg. Das heißt: Wölfe können da sein, ohne dass sie jemand bemerkt. Wir haben in Deutschland derzeit rund 300 Wölfe. 60 davon sind seit 2015 schon überfahren worden. Das ist die häufigste Todesursache nach dem - derzeit offensichtlich zunehmenden - illegalen Abschuss.
Der Wolf bringt sich also selbst in Gefahr, wenn er sich in die Zivilisation begibt?
Rösler: In eine spezielle Form von Zivilisation. Es ist der Autoverkehr, der ihn am meisten gefährdet. Die ein, zwei Wölfe, die vielleicht schon unerkannt in Baden-Württemberg rumlaufen, was ich für sehr wahrscheinlich halte, kommen eher aus der alpinen Population. Entweder aus den Vogesen oder aus der Schweiz, wo nur 60 Kilometer südlich von Baden-Württemberg ein Rudel lebt. Das heißt: an einem Tag können sie da sein. Baden-Württemberg ist quasi schon eingekreist, von Süd und West, auch in Südhessen wurden kürzlich Wölfe beobachtet und ganz aktuell recht sicher auch in Rheinland-Pfalz. Also irgendwann in den nächsten zehn Jahren werden Wölfe recht wahrscheinlich nicht nur als Einzeltiere im Ländle leben.
Herr Wörner, wie würden Sie Ihre Herde schützen?
Wörner: Es gibt Elektrozäune. Aber wer soll die jeden Tag aufstellen, wenn man jeden Tag woanders hinzieht. Das sind jeden Tag drei Stunden mehr Arbeit. Man braucht die Fläche für die Befestigung. Das muss man ja um den normalen Pferch herum aufstellen. Denn wenn der Wolf, den Zaun berührt, bekommen die Schafe ja Panik und schmeißen den Zaun um. Das ist viel Arbeit zusätzlich zum anderen Geschäft hinzu.
Sie haben doch aber einen Hund?
Wörner: Ja, aber einen Hütehund.
Würden Sie dann sagen: der Wolf muss abgeschossen werden? Wie würden Sie sich zur Wehr setzen?
Wörner: Da muss man jetzt mal abwarten, ob was passiert. Aber zumindest sollte man einen schießen dürfen, wenn was ist. Man muss ja nicht gleich sagen, dass der Wolf gar nicht abgeschossen werden darf. Aber man muss auch nicht gleich alle totschießen, wenn sie kommen. Dafür bin ich auch nicht. Man muss abwägen, wie sich das entwickelt. Wenn es zu viele werden, muss halt mal geschossen werden.
Sehen Sie das auch so Herr Rösler?
Rösler: Der Unterschied ist gar nicht so groß. Im Moment darf man den Wolf nicht abschießen. Das kann man erst, wenn es eine stabile Population gibt. Das sind 1000 Tiere. Die haben wir im Moment noch nicht. Aber man darf auch jetzt einen Wolf, der Tollwut hat oder sich merkwürdig verhält, abschießen – da gibt’s den Paragrafen 45 im Bundesnaturschutzgesetz, auf dessen Basis wir selbst geschützte Tiere in begründeten Fällen abschießen können.
Dürfte Herr Wörner einen Wolf abschießen, der seine Herde angreift?
Rösler: Nein, so einfach geht das nicht. Da muss man einen Antrag laut Naturschutzgesetz stellen.
Sie würden sich aber im Grunde freuen, Herr Rösler, wenn der Wolf hier auftaucht.
Rösler: Dann würde ich sagen, er gehört zur biologischen Vielfalt. Aus der Sicht des Naturschutzes ist das eine erfreuliche Nachricht. Und für die Schäfer ist das eine problematische Nachricht. Als Landespolitiker sehe ich beides. Deshalb muss man beides unter einen Hut bringen.
Wie?
Rösler: Es gibt jetzt schon einen Wolfsfonds, der mit 10 000 Euro bestückt ist. Wenn morgen ein Wolf irgendwo in Baden-Württemberg Schafe reißt, wird daraus der Schaden erstattet. Außerdem stehen im Landeshaushalt 2015/2016 auf meine Initiative hin nun 200 000 Euro für ein Projekt, bereit, dass der Landesschafzuchtverband federführend und in Kooperation mit dem Nabu betreibt. Es geht erstens darum, ob man unter baden-württembergischen Verhältnissen Herdenschutzhunde gegen Wölfe einsetzen kann. Das erproben wir gerade. Dann geht es zweitens um das Thema Herdenschutzzäune - etwa mit Untergrabschutz. Und ein ganz wichtiges drittes Thema ist die Kommunikation mit den Schäfern, den Ziegen-, Pferde-, Mutterkuhhaltern – sie sind alle dabei – sowie mit der breiten Gesellschaft. Das läuft in Baden-Württemberg wirklich erfreulich gut. Ein Lob an Schäfer und Naturschützer zugleich.
Herr Wörner, Geld ist das eine. Das Schaf ist für Sie ein Wirtschaftsgut, aber doch wohl nicht nur, oder?
Wörner: Es geht ja nicht nur um das eine Schaf, das der Wolf frisst. Es sind auch die Schäden, die entstehen, wenn die Schafe aus Panik auf die Straße oder die Gleise rennen. Da haftet bisher immer der Tierhalter.
Können Sie sich vorstellen, mit einem Herdenschutzhund zu arbeiten?
Wörner: Das funktioniert hier nicht. Die Flächen sind zu klein, und es gibt hier zu viele Hunde. Der Herdenschutzhund macht keinen Unterschied, ob ein Wolf kommt oder ein Hund. Heute Morgen bin ich fünf Hunden mit ihrem Halter mit der Herde begegnet. Wie soll das gehen?
Was muss passieren, dass Sie ein zufriedener Schäfer sind?
Wörner: Da muss viel passieren. Aber ich glaube einfach nicht, dass es funktionieren kann: Da die Schafe und dort ein Rudel Wölfe. Das geht nur mit einem hohen Personalaufwand. Da muss ja dann immer jemand bei der Herde sein.
Wäre es besser, wenn der Wolf nicht kommt?
Wörner: Ja. Aus Sicht des Schäfers wäre es besser, er würde gleich überfahren.
  
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