Schlagerstar Roland Kaiser zur Lage im Land „Eine Demokratie muss sozial sein“

Von Christoph Forsthoff 

Roland Kaiser  – eher im Unternehmer-Schick – beim Auftakt seiner Arena-Tour  Mitte November im säschsischen Riesa Foto: dpa
Roland Kaiser – eher im Unternehmer-Schick – beim Auftakt seiner Arena-Tour Mitte November im säschsischen Riesa Foto: dpa

Am Freitag, 7.12.2018, tritt Roland Kaiser in der Stuttgarter Porsche-Arena auf. Aber der Schlagerkönig macht nicht nur Unterhaltung, er zeigt auch Haltung. Das bekennende SPD-Mitglied warnt vor Altersarmut und Raubtierkapitalismus.

Stuttgart - Über vier Jahrzehnte ist Roland Kaiser nun schon eine große Marke im deutschen Musikgeschäft. Er ist erfolgreich mit Schlagern, deren Fans gemeinhin als tendenziell eher konservativ gelten. Das hält Kaiser aber nicht von couragierten politischen Statements ab. Vor seinem Konzert in der Stuttgarter Porsche-Arena am 7. Dezember 2018 haben wir mit ihm gesprochen: „Ich bin ein Kämpfer“, sagt der 66-Jährige, „ich trete auch dann nicht aus der SPD aus, wenn sie am Boden liegt.“

Herr Kaiser, was zeichnet denn einen Grandseigneur des Schlagers aus?

Ich habe mir den Titel nicht gegeben . . .

. . . aber unangenehm ist Ihnen die Bezeichnung auch nicht, sonst würde sich auf Ihrer Webseite nicht das Zitat vom „Grandseigneur des deutschen Schlagers“ finden.

Wenn sich Journalisten entschlossen haben, dies zu schreiben, kann ich es ihnen ja nicht verbieten. Freundlichkeit und Höflichkeit charakterisieren einen Grandseigneur, Stil und Niveau.

Zweifellos spielt dabei auch die Kleidung eine Rolle. Sie treten mit Anzug, Einstecktuch und Krawatte auf.

Ich habe mich vor vielen Jahren entschlossen, diesen Weg zu wählen. Erstens trage ich gerne Anzüge, zweitens muss ich nicht lange nachdenken, welcher Modetrend gerade angesagt ist, sondern kann einfach meinen Anzug anziehen – und ich möchte den Menschen auch so erscheinen, dass es ein angenehmer Anblick ist.

Gentleman und Schlagerwelt stehen für Sie nicht im Widerspruch?

Nein – so wie auch Schlagerwelt und Meinungsäußerung kein Widerspruch sind. Nur weil man in diesem Bereich arbeitet, muss man kein Paradiesvogel sein.

Dennoch hat der Schlager kein Image, das man mit Gentlemen in Verbindung brächte.

Schlager ist musikalische Unterhaltung, die wir betreiben – ebenso wie es Rock-, Pop- und Folksänger, Rapper und Jazzer tun. Sie alle unterhalten Menschen und versuchen Mehrheiten in ihrem Bereich zu erreichen. Nichts anderes tun wir auch.

Was zeichnet denn einen Schlager aus?

Ein Schlager ist über die gesamte Bevölkerung betrachtet mehrheitsfähig. Heute findet sich weniger reflektierter Zeitgeist im Schlager als in früheren Epochen, aber vielleicht ist das der Geist der Zeit.

Erleben Sie unseren aktuellen Zeitgeist als weniger reflektiert?

Ich habe nur Sartre zitiert, der sagt: „Kunst ist reflektierte Gegenwart“ – und wenn diese Schlager momentan mehrheitsfähig sind, spiegelt das den Geist unserer Zeit. Letztlich müssen die Menschen selber wissen, was sie mögen: Mir persönlich fehlt diese Reflexion, dieses augenzwinkernde Aufzeigen der Verhältnisse wie etwa in „Ein ehrenwertes Haus“ von Udo Jürgens.

Sie engagieren sich für sozial Benachteiligte in unserer Gesellschaft und machen sich für sie als SPD-Mitglied auch politisch stark. Wie ist es dazu gekommen?

Ich interessiere mich schon immer für Politik und war auch schon früh bei den Jusos. Zudem bin ich in Berlin-Wedding neben dem SPD-Gebäude groß geworden, dem alten Kurt-Schumacher-Haus, wo Willy Brandt sein Büro hatte . . .

. . . und Ihre Pflegemutter gearbeitet hat.

Ja, als Raumpflegerin. Sie hat behauptet, ich hätte auf Brandts Schoß gesessen, aber das muss nicht stimmen . . . Meine Nähe zur SPD hat eine lange Tradition, weil ich einfach an die Sozialdemokratie als wichtige politische Kraft glaube.

Wie gelangten Sie zu dieser Überzeugung?

Eine Demokratie, die für alle Menschen lebenswert sein will, muss sozial sein. Das ist der Grundgedanke der sozialen Marktwirtschaft, der einst auch von der CDU mitgetragen wurde. Wir haben uns aber davon entfernt: Weltweit betrachtet, herrscht heute eher ein Raubtierkapitalismus.

Wo zeigt sich das?

Unserer Gesellschaft könnte in einigen Jahren eine dramatische Altersarmut drohen, doch in den großen politischen Parteien bewegt diese Perspektive offenbar niemanden dazu, sich hier stark zu engagieren. Wenn aber eine Krankenschwester heute 1300 Euro netto verdient, können wir uns ausrechnen, was die Dame später an Rente bekommen wird. Davon müssen Sie erstmal versuchen zu leben. Das ist bitter, wenn man 45 Jahre gearbeitet hat.

Steht die SPD noch für diese Menschen ein?

Da müssten Sie mit dem SPD-Vorstand reden. Natürlich gehen die Leute dort konform mit meiner Meinung, aber die Frage ist, was sie parlamentarisch durchsetzen können. Das wiederum hängt vom Koalitionspartner und den nötigen Mehrheiten ab. Ein schwieriges Geschäft – und ich bin nun mal kein gewählter Volksvertreter.

Schmerzt es Sie, den Niedergang der SPD zu beobachten?

Ja, natürlich.

Woher resultiert der Niedergang?

Wenn ich das wüsste, hätte ich es denen schon gesagt . . . Es werden verschiedene Aspekte sein. Da ist die innere Zerrissenheit der vergangenen zwei Jahre: Wenn eine Partei sich so präsentiert und eine Parteiführung sich untereinander nicht einig ist, führt das zu Verlusten bei Wahlen. Zudem war die SPD immer eine Partei der Visionen, Pragmatismus ist nie ihre Stärke gewesen. Schon die Gründungsidee war eine Vision, die Gleichstellung von Arbeit und Kapital . . .

Da klingt Frust durch. Haben Sie schon mal überlegt, Ihr Parteibuch zurückzugeben?

Nein! Die Ratten mögen das sinkende Schiff verlassen, ich tue das nicht. Ich bin eingetreten in die SPD, als ihre Umfragewerte am Boden waren – und ich werde garantiert nicht austreten.

Sind Sie ein Kämpfer?

Ja, das bin ich. Ich bin jemand, der für Dinge kämpft, an die er glaubt – nicht mit Verbissenheit, aber mit Zielstrebigkeit.

Ihren größten Kampf haben Sie gewonnen: den Kampf gegen Ihre schwere Lungenkrankheit. Hat Ihnen dieser Erfolg einen neuen Blick auf das Leben eröffnet?

Ja, ich bin entspannter geworden. Früher hatte ich beruflich oft mit Lampenfieber zu kämpfen. Heute sehe ich meine Auftritte als pure Freude an und sage mir: Was soll schon passieren? Ich bin mit einem wunderbaren Gefühl unterwegs, das Leben ist nur noch schön.

Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an . . .

. . . auch so ein unvergessliches Lied von Udo Jürgens mit einem wunderbaren Text von Michael Kunze. Das habe ich sogar in meinem Programm, schließlich kann ich den Titel ja nur noch ein Jahr lang bis Mai 2019 singen . . .

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