Haradinaj ist seit 2017 Premierminister des Kosovo und war wahrend des Kosovokrieges Unterkommandant in der UCK. Foto:  

Der kosovarische Premier Ramush Haradinaj blockiert serbische Waren auf dem Heimatmarkt – und sieht sich von der EU im Stich gelassen.

Belgrad - 20 Jahre nach dem Kosovokrieg scheint die Aufbruchstimmung bei dem Staatsneuling Kosovo verflogen. Mit Thomas Roser sprach Premier Ramush Haradinaj, der seit 2017 im Amt ist, in Pristina über den zähen Dialog mit Serbien, die Risiken von Grenzänderungen – und seine Enttäuschung über die EU.

Herr Haradinaj, 20 Jahre nach dem Krieg scheint Ihr Land noch immer auf der Stelle zu treten. Ist es für das Kosovo schwerer, den Frieden zu gewinnen als den damaligen Krieg?

Das Kosovo erlitt damals enorme Verwüstungen. Heute ist es nicht leicht, das Potenzial unseres Landes zu aktivieren. Es gibt Hoffnung, aber auch Herausforderungen. Washington, Brüssel, Berlin – das war früher auf dem Balkan eine Stimme. Heute haben wir leider nicht mehr so geeinte Partner. Wir begrüßen, dass der Konflikt zwischen Mazedonien und Griechenland beigelegt worden ist. Aber ich vermisse diese Energie bei anderen Fragen in der Region.

Umgekehrt wird Ihre Regierung wegen der hundertprozentigen Strafzölle für serbische Waren von der EU und den USA kritisiert. Warum halten Sie daran fest?

Der von der EU geführte Dialog sollte zu einem Abkommen mit Serbien führen – samt der Anerkennung des Kosovo. Das blieb aber ohne Ergebnis. Stattdessen sah sich das Kosovo zunehmenden Attacken von Serbien ausgesetzt, wie den Lobbyanstrengungen für den Rückzug von Anerkennungen der Unabhängigkeit oder Handelsbarrieren. In dieser Situation blieb uns nichts übrig, als die serbischen Waren für unseren Markt zu blockieren. Wenn Serbien auf unsere Märkte will, ist das möglich – bei der Anerkennung des Kosovo.

Sind die Strafzölle es wert, selbst Kosovos Beziehungen zu den USA zu belasten?

Wir haben großen Respekt vor den USA. Aber wir sind eine souveräne Nation, und einige Entscheidungen sind unsere eigenen. Das ist die Realität.

Sie sind auch von der EU enttäuscht. Warum?

Die letzte Bedingung der EU zur Gewährung eines visafreien Regimes für Kosovaren war ein Grenzabkommen mit Montenegro. Wir erfüllten diese Bedingung. Aber die EU hat nicht geliefert. Unter der Führung der EU-Außenbeauftragten Frederica Mogherini ist der Dialog mit Serbien zudem auf Abwege geraten. Statt über die Normalisierung der Beziehungen wurde über Grenzen und Territorien gesprochen. Niemand hatte erwartet, dass ausgerechnet Brüssel diese Debatten der Vergangenheit wieder aufgreift.

Auch Präsident Hashim Thaci schlägt vor, für ein Abkommen mit Serbien Grenzkorrekturen und einen Gebietstausch in Kauf zu nehmen. Was halten Sie davon?

Keine Grenze auf dem Balkan ist alt oder stabil. Die Grenzfrage erneut zu aufzugreifen würde nicht nur das Kosovo, sondern auch die ganze Region destabilisieren. Das Kosovo ist an einem dauerhaften Abkommen mit Serbien gelegen. Aber wir werden dafür nicht um Gebiete und Grenzen zocken. Das ist keine Lösung, es ist gefährlich – und dazu wird es auch nicht kommen.

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