Mario Adorf ist eine Schauspielerlegende – und auch mit 88 Jahren noch topfit. Im Mai startet er in Stuttgart seine Abschiedstournee, doch schon jetzt bilanziert er sein Leben. Der Gedanke ans Sterben macht ihm zu schaffen.
Stuttgart - Wie viel Theater und Kino, wie viele Tourneen und Preise, wie viel Nachkriegsgeschichte passen in ein Leben? Wenn jemand die Antwort weiß, dann Mario Adorf, der seit fast sieben Jahrzehnten in Theater und Film auftritt. Als Santer erschoss er Nscho-tschi, Winnetous Schwester, als Alfred Matzerath zeugte er Oskar, den Blechtrommler – und als Fabrikant Haffenloher drohte er in „Kir Royal“ dem Klatschreporter Baby Schimmerlos mit zwei Sätzen, die zum Klassiker geworden sind: „Junge, ich scheiß dich zu mit mein’ Jeld! Ich bin dir einfach über.“ Beim Treffen in einem Münchner Hotel denkt Adorf aber auch über die Zeit nach, die ihm noch bleibt.
Herr Adorf, auch wenn Sie nicht mehr auf der Bühne stehen, begegne ich Ihnen in schöner Regelmäßigkeit jeden Sommer im Theater. Ahnen Sie, wo?
Nein.
In Worms. Bei den Nibelungenfestspielen.
Ach so! Natürlich besuche ich als Mitglied des Kuratoriums die Festspiele. Mitgewirkt habe ich aber nur in der ersten Produktion, Moritz Rinkes „Nibelungen“ 2002, wo ich Hagen spielte. Regie führte Dieter Wedel, mit dem ich bald gebrochen habe, weshalb ich während der Jahre seiner Intendanz nicht mehr in Worms war und erst unter seinem Nachfolger Nico Hofmann 2015 zurückgekehrt bin.
Im Mai eröffnen Sie in Stuttgart Ihre Abschiedstournee mit dem Titel „Zugabe“. Was präsentieren Sie dem Publikum?
Ich erzähle, lese und singe, eine Art Best-of-Programm aus meinem Leben als Künstler. Aber ich möchte die Gelegenheit auch für eine Wiedergutmachung nutzen, die mir am Herzen liegt: Mein internationaler Durchbruch gelang mir 1957 mit dem Film „Nachts, wenn der Teufel kam“ des deutschen Exil-Regisseurs Robert Siodmak. Er spielt während der Nazi-Zeit und handelt von einer Figur der Zeitgeschichte, dem debilen Serienmörder Bruno Lüdke, den ich – preisgekrönt – gespielt habe. Heute weiß man: Lüdke war kein Serienmörder, ihm wurden die Morde von den Nazis untergeschoben, weil sie Fahndungserfolge vorweisen wollten. Meine Darstellung der Figur war ein Irrtum, was auch an meinem eigenen Denkmal rüttelt: Ich hatte Erfolg damit, einen Unschuldigen als Täter abzustempeln.
Diesen Irrtum wollen Sie auch nach mehr als sechzig Jahren noch korrigieren?
Ja. Bruno Lüdke wurde von den Nazis ermordet, seine beiden in Köpenick lebenden Schwestern als Schwestern eines Massenmörders stigmatisiert. Auch sie haben unendlich gelitten. Mit meiner Darstellung im Film habe ich mich, wenn auch unbewusst, an einem Unrecht beteiligt, das ich wiedergutmachen möchte.
Sie spüren eine Verantwortung gegenüber den Figuren, die Sie in Film und Theater spielen?
Wenn diese Figuren real und nicht wie Hamlet oder Othello fiktiv sind: ja.
„Was Marx analysierte, war ich ja selbst: ein Lohnsklave“
Wie sah Ihre Verantwortung gegenüber der historischen Figur Karl Marx aus, den Sie im vergangenen Jahr im Fernsehen in einem Biopic verkörpert haben?
Ich habe mich Marx nicht nur mithilfe der Maske, sondern auch der Sprache genähert. Er ist in Trier aufgewachsen, ich in der Eifel. Die Verwandtschaft der beiden Dialekte hat mir geholfen, ihm einen besonderen, markanten Zungenschlag zu geben. Zur geografischen Nähe kommt aber auch eine inhaltliche. Ich stamme aus einfachsten Verhältnissen. Trotzdem schaffte ich es nach dem Krieg, Philosophie in Mainz zu studieren. Um mein Leben zu finanzieren, musste ich parallel zum Studium in einem Steinbruch schuften. An der Uni also die Marx-Lektüre, bei der Arbeit das, was er analysiert hat: den ausgebeuteten Lohnsklaven mit 99 Pfennig in der Stunde. Zur Theorie kam die handfeste Praxis, was dazu führte, dass ich Marx als Philosoph und Ökonom sehr zu schätzen wusste.
Auch heute noch?
Marx ist der am meisten missverstandene Philosoph der jüngeren Geschichte. „Ich bin kein Marxist“, hat er selbst von sich gesagt – und den Sowjetmarxismus und die Sowjetunion hat er ja auch nicht erfunden. Ich halte ihn noch immer für einen großen Denker, weshalb er mich zeitlebens auch als Person interessiert hat. Jahrelang wollte ich einen Spielfilm über eine unbekannte Episode aus seinem Leben auf den Weg bringen: die letzte Reise des Karl Marx nach Algier. Das ist mir missglückt.
Seltsam: Mir stellt sich Ihr Leben als einzige Erfolgsgeschichte dar, aber Sie räumen gerade nur Fehler, Irrtümer und Misserfolge ein.
Auch wenn man viel erreicht hat: Man muss ehrlich zu sich sein. Das habe ich in meinem Leben immer beherzigt.
Dieses Leben währt nun 88 Jahre, trotzdem sind Sie geistig und körperlich fit. Worin liegt das Geheimnis Ihrer Vitalität?
Als ob ich das wüsste! Wenn ich andere Menschen in meinem Alter sehe, sehe ich manchmal tatsächlich richtige Greise. Dazu gehöre ich noch nicht. Das ist schon ein Geschenk – und keine Gnade, wie manchmal gedankenlos gesagt wird. Ich fand es immer falsch, wenn Kohl von der „Gnade der späten Geburt“ sprach und damit meinte, zu jung für den Nazi-Krieg gewesen zu sein. War Kohl denn Gottes Gnade, weshalb auch immer, besonders teilhaftig geworden? Und waren die ein paar Jahre älteren Jungs, die sich totschießen lassen mussten, unbegnadete Idioten? Unsinn! Mein Alter ist keine Gnade, sondern ein Geschenk, es ist Glück und Zufall und auch Fügung.
Fügung?
Als ich bei meinem Schauspiellehrer in München, Peter Lühr, zu oft das Wort „Zufall“ benutzt habe, wies er mich zurecht: Herr Adorf, Zufall ist gar nichts. Das ist alles Fügung, nicht im religiösen, sondern im handfesten, handwerklichen Sinn. Da fügt sich im Leben etwas zusammen wie die Kanten bei einem Möbelstück, sagte er. Ich sehe das heute auch so. Mir persönlich half bei diesen glücklichen Fügungen, dass ich die mir bietenden Chancen meistens erkennen, packen und festhalten konnte. Aber mein Alter hängt natürlich auch von den Genen ab: Meine Mutter ist 92 geworden.
„Nach dem ersten Seitensprung fängt die Ehe erst an“
Ist es auch eine glückliche Fügung, dass Sie seit fünfzig Jahren mit derselben Frau zusammenleben? Und trägt dieses stabile Privatleben zu Ihrer Robustheit bei?
Sicher. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die sagen: Ich bin unglücklich, also nehme ich mir eine andere und jüngere Frau. Ich will mit meiner Ehefrau Monique durchs Leben gehen und sehen, wie sie und ich, die wir mal jung waren, gemeinsam alt werden – eine schöne und wertvolle Erfahrung. Nicht, dass ich unbedingt an die klassische Ehe, bis der Tod uns scheidet, glaube. Ich habe einmal gesagt: Nach dem ersten Seitensprung fängt die Ehe erst an. Man muss immer um eine Beziehung kämpfen und fragen, wo die eigene Schuld bei Problemen liegt, man muss diese Beziehung wachsen lassen und dazu stehen. Das gilt übrigens auch fürs Alter: dazu stehen, zu Altersflecken, Zipperlein und Gebrechlichkeit und nicht jünger sein zu wollen, als man ist.
Wie alt wollen Sie werden?
Das Alter meiner Mutter, 92, wäre ein schönes Ziel. Ich will nicht unbedingt 100 werden, überhaupt nicht. Ich will kein elendes Alter erleben müssen.
Setzen Sie sich mit dem Tod auseinander?
Dass der Tod irgendwann kommt, ist eine Tatsache. Aber der Gedanke ans Sterben an sich macht mir schon zu schaffen. Es sollte kein langwieriger und schmerzhafter Prozess sein, ich möchte kein Pflegefall werden oder im Rollstuhl enden, nur um weiterzuleben. Aber man kann sich das Wie seines Sterbens nicht wünschen.
Auf der Bühne und im Film haben Sie schon häufig den letzten Schnaufer gemacht . . .
. . . aber da merkt man natürlich, wie oberflächlich Schauspielerei sein kann. Da ändert die beste und glaubhafteste Darstellung des Todes nichts. In den letzten Stunden meiner Mutter saß ich bei ihr am Bett und habe ihr Dahinscheiden als Vorerfahrung meines eigenen Sterbens erlebt. Aber auch eine Vorerfahrung ersetzt nicht die Erfahrung, das Sterben lässt sich nicht probeweise vorwegnehmen.
Zurück ins Leben und in die Politik. Bei unserem letzten Gespräch vor vier Jahren haben Sie erklärt, dass Sie sich nach dem Krieg nicht vorstellen konnten, es gebe jemals wieder Nazis in Deutschland.
Da habe ich mich gründlich getäuscht. Und leider werden es immer mehr Nazis in Deutschland und drum herum. Ich mache die Erfahrung, dass es in der Geschichte der Menschheit nichts gibt, was ein für alle Mal feststeht. Alles kann wieder ins Bröckeln geraten. Womit ich immer gerechnet habe, war, dass der Kapitalismus mal untergeht, weil das Wachstum nicht endlos sein kann, aber stattdessen könnte jetzt unsere Demokratie untergehen. Wir müssen sie wie eine empfindliche Pflanze verteidigen und hegen, zusammen mit der Idee des geeinten Europas, hinter der ich seit Jahrzehnten stehe. Zu beidem, zu einem demokratischen Europa, sehe ich weit und breit keine Alternative, die besser wäre.
Treffe ich Sie dieses Jahr wieder in Worms?
Mit großer Wahrscheinlichkeit.