Karoline Herfurth spielt die Hauptrolle in der Verfilmung von Ottfried Preußlers „Die kleine Hexe“. Foto:  

Karoline Herfurth spielt die Hauptrolle in der Verfilmung von Ottfried Preußlers „Die kleine Hexe“. Was das Kinderbuch mit Feminismus zu tun hat, erzählt die Schauspielerin im Interview.

Stuttgart - Wenig vorbildlich geht Karoline Herfurth vor dem Gespräch noch mal eine rauchen, bevor sie über ihren neuen Kinderfilm „Die kleine Hexe“ nach der gleichnamigen Romanvorlage von Ottfried Preußler spricht. Doch schnell wird klar: Die 33-jährige Schauspielerin macht sich viele Gedanken über den pädagogischen Wert des Stoffs – und erklärt, warum sie sich beim Dreh weigerte, ihren Hexenbesen „zuzureiten“.

Frau Herfurth, hatten Sie als Kind manchmal den Wunsch, Hexenkräfte zu besitzen?
Nicht nur als Kind. Bei den Dreharbeiten lagen die Drehorte häufig sehr weit auseinander – und wenn ich im Stau stand, habe ich mir häufig gewünscht, einen Hexenbesen zu haben.
Im Film macht Ihr Hexenbesen bei Ihrem ersten Flug ja nicht wirklich, was Sie sagen.
Und das ist auch gut so. Das war die einzige Szene im Roman, bei der ich Einwände hatte, da es mir aus der Mode gekommen schien: den Besen zuzureiten. Das hat mich an das Zureiten von Pferden erinnert, wobei es früher darum ging, den Willen des Tieres zu brechen. Heute ist man da klüger, und ich finde nicht, dass man Kindern vermitteln sollte, dass es okay ist, jemandem seinen Willen aufzuzwingen.
Aus heutiger Sicht sind manche Werte, die klassische Kinderbücher vermitteln, durchaus umstritten.
Bei „Die kleine Hexe“ ist das sonst glücklicherweise nicht der Fall, wie bei manchen Kinderbuchklassikern: Da geht es eher um universelle Werte. Die es sich in der heutigen Zeit lohnt zu erzählen, wie ich finde. Leider werden auch heute noch in vielen Kinderbüchern klare Geschlechterrollen vermittelt – da stehen mir die Haare zu Berge!
Erklären Sie.
Wenn Papi von der Arbeit kommt und Mami den Haushalt schmeißt, spricht das nicht dafür, dass sich die Autoren mit den manifestierten Geschlechterrollen beschäftigt haben.
Sagen Sie als Feministin?
Sind Sie denn ein Feminist?
Ja. Aber wir reden über Sie.
Für mich ist Gleichberechtigung die normalste Sache der Welt. Man sollte Kinder von Anfang an dazu erziehen – egal welchen Geschlechts. Wir sehen ja immer wieder, dass das in manchen Generationen leider überhaupt nicht selbstverständlich ist.
Sie spielen auf die Sexismus-Debatte an.
Das gehört bestimmt auch dazu. Einerseits bin ich froh, dass diese Debatte geführt wird. Es ist gut, dass Männer, die Gewalt ausüben, an den Pranger gestellt werden.
Aber?
Die Debatte finde ich dann unsinnig, wenn sie auf eine Klatsch-Ebene abdriftet. Wir haben hier ein strukturelles Problem mit Machverhältnissen, das sich unbedingt ändern muss. Frauen und Männer müssen endlich gleichberechtigt sein, überall und in jeder Branche.
Sie spielen nicht nur eine unabhängige Frau, sondern haben auch eine eine große Hexennase aufgeklebt bekommen. Was war dafür der Anlass?
Ich finde es gut, dass die kleine Hexe nicht darauf reduziert wurde, hübsch auszusehen, sondern genauso eigenständig, stark und lustig erzählt wird wie im Roman. Von Schönheitsidealen in Kinderbüchern halte ich genauso wenig wie von der Reproduktion der traditionellen Geschlechterrollen.
Wollen Sie Kindern Mut machen, die diesen Schönheitsidealen nicht entsprechen?
Als Kinder einmal in einer Studie befragt wurden, was sie sich wünschten, was an ihrem Körper anders wäre, nannten sie keine zu großen Nasen oder zu kurzen Beine; nein, sie wünschten sich zum Beispiel, Flügel zu haben, um zu fliegen! Das fand ich sehr erfrischend. Es zeigte, dass Kinder, bevor sie mit Schönheitsidealen in Berührung kommen, wissen, worum es wirklich geht: nämlich um das, was in uns steckt.
Gibt es eine Szene, die das verdeutlicht?
Da gibt es diesen Jungen, Konrad, der einen Schneemann kaputt machen will, den die anderen Kinder gebaut haben. Die kleine Hexe erweckt ihn zum Leben, und der Schneemann wehrt sich.
Und dann?
Dann geht die kleine Hexe der Sache auf den Grund, warum der Junge so zornig ist – und erfährt, dass der gewalttätige Vater der Grund ist. Dann hilft sie dem Jungen. Sie verurteilt ihn nicht einfach, sondern glaubt an einen guten Kern und guckt hinter die Kulisse. Die kleine Hexe ist ja selbst in einer ähnlichen Situation. Die anderen Hexen erwarten von ihr, dass sie Böses tut. Sie kommt aus einer bösen Welt, definiert sie aber für sich um. Zu zeigen, dass das möglich ist, halte ich für eine schöne und wichtige Aussage in diesem Film.
Was haben Sie für sich daraus gelernt?
Diese Aussage, dass Du die Welt mitbestimmen kannst, in die Du hineingeboren wirst, gibt es ja nicht nur in „Die kleine Hexe“, sondern in vielen Kinderbüchern. Ich glaube tatsächlich, dass mich die Kinderbuchautoren und -autorinnen meiner Kindheit wie Preußler, Astrid Lindgren, Michael Ende oder Erich Kästner zur Demokratin gemacht haben, die ich heute bin.
b>Schauspielerin, Regisseurin und studierte Soziologin

Karoline Herfurth wurde 1984 in Ostberlin geboren, wo sie die Waldorfschule besuchte. Ihre erste Filmrolle spielte sie im Alter von zehn Jahren in der ZDF-Produktion „Ferien jenseits des Mondes“. Größere Bekanntheit im deutschen Kino erlangte Herfurth durch ihr Mitwirken in der Komödien „Mädchen, Mädchen“ und „Fack ju Göhte“. Auf der großen internationalen Bühne machte Herfurth in Tom Tykwers Verfilmung von „Das Parfüm“ auf sich aufmerksam. Für ihre Rolle des Mirabellenmädchens wurde sie von der Kritik gelobt.

Ihr Regiedebüt in einem Spielfilm feierte sie im Jahr 2016 mit „SMS für Dich“. Neben ihrer Arbeit als Regisseurin und Schauspielerin studiert Karoline Herfurth Soziologie und Politikwissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität.

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