Interview mit Julian Nida-Rümelin „Wer Maschinen vermenschlicht, liegt falsch“

Von Erik Raidt 

Wahre Zuneigung? Eine Frau umarmt den humanoiden Roboter „Pepper Foto: dpa
Wahre Zuneigung? Eine Frau umarmt den humanoiden Roboter „Pepper Foto: dpa

Der frühere Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin kritisiert Facebook und fordert einen „Digitalen Humanismus“. Maschinen seien heute schon leistungsfähiger als Menschen – und gleichzeitig viel dümmer.

Stuttgart - Digitale Techniken krempeln die Arbeitswelt um und verändern unseren Alltag . Mit der technischen Revolution kommen die Ängste: Verlieren wir unsere Jobs? Werden hochgerüstete Maschinen schlauer sein als wir? Im Interview erläutert der frühere Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin, warum sich Europa von der Ideologie des Silicon Valley emanzipieren sollte. Der Philosoph spricht über eine neue Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz.

Herr Nida-Rümelin, wenn Sie Ihren Alltag anschauen, dient Ihnen die Technik oder sind Sie ihr Sklave?

Sie dient mir, ganz klar. Ich zähle mich zur Generation der digitalen Pioniere, ich habe vor Jahrzehnten an der Uni darum gekämpft, dass Computer angeschafft werden. Die Ataris waren grauenhaft zu bedienen, wenn man das mit heutigen Geräten vergleicht, aber sie waren trotzdem enorm wichtig für unsere wissenschaftliche Arbeit.

Heute spricht man nicht mehr von Pionieren, sondern von Digital Naives, die bedenkenlos mit der digitalen Technik umgehen.

Die Kritik an Internetnutzern, die selbst schuld seien, wenn ihre Daten missbraucht werden, finde ich wohlfeil. Nehmen Sie beispielsweise Facebook: Das Unternehmen erfasst inzwischen einen beträchtlichen Teil der Weltbevölkerung. Facebook hat fast die Rolle einer eigenen Infrastruktur für die digitale Kommunikation. Wer sagt: „Ich will nicht, dass die meine Daten für Marketingzwecke benutzen“, der schließt sich aus dieser Kommunikation aus. Das kann von niemand verlangt werden.

Wie halten Sie es selbst?

Ich bin auch auf Facebook, dennoch kritisiere ich die Machenschaften dieses Konzerns, der in zynischer Weise mit den Daten seiner Nutzer umgegangen ist. Cambridge Analytica hat bekanntermaßen Millionen von Facebook-Nutzerdaten an eine dubiose Marketingfirma verkauft, die die Trump-Kampagne gemeinsam mit dem russischen Geheimdienst vorangetrieben hat. Zuckerberg hat sich vor dem US- Kongress zaghaft dafür entschuldigt – erst die Datenschutzgrundverordnung hat innerhalb von Europa die Spielregeln zulasten von Facebook verschärft.

Die Politik tut sich extrem schwer, auf die Marktübermacht von Amazon, Facebook und Google zu reagieren.

Da war man schon mal schlauer: Während der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert hat der deutsche Staat mit Industrienormen und einer staatlich verantworteten Infrastruktur massiv eingegriffen. Das hat die Spielregeln für Verkehr und Kommunikation geprägt und der Entwicklung seinerzeit gutgetan. Heute ist das amerikanische Modell prägend: Man lässt die Firmen erst mal machen – wenn dann Probleme entstehen, werden hohe Strafzahlungen auferlegt.

Dabei sollte dank des Internets doch alles demokratischer und besser werden.

In den Anfangsjahren haben der amerikanische Computerpionier Jaron Lanier und der LSD-Papst Timothy Leary die Botschaft verbreitet, dass durch das das World Wide Web eine anarchische und nicht hierarchische Form der Kommunikation entsteht. Die Utopien der 1968er-Jugendrevolte sollten endlich Wirklichkeit werden. Ganz ähnliche Utopien gab es übrigens schon bei früheren technologischen Umbrüchen in den USA. Henry Ford hat sich zu der These verstiegen, dass sich mit dem Automobil der Weltfrieden etablieren würde.

Da hat er sich verschätzt. Heute gibt es negative Utopien im Sonderangebot: Der israelische Historiker Yuval Harari vertritt die These, dass der Homo sapiens demnächst durch einen technisch aufgerüsteten Homo deus abgelöst werde.

Das folgt für mich der Silicon- Valley-Ideologie. Nehmen Sie die Debatte über den Transhumanismus: Die vermittelt die Vorstellung, wir könnten in naher Zukunft als Cyborg, als technisch-menschliches Mischwesen, unsere Zukunft gestalten. Oder – weniger entrückt – man könnte dank digitaler Technologien den Welthunger bekämpfen und Kriege verhindern.

Sie setzen der amerikanischen Silicon-Valley-Ideologie die Idee eines digitalen Humanismus entgegen. Was genau verstehen Sie darunter?

Was der Humanismus früherer Zeiten geleistet hat, ist auch jetzt wieder gefragt. Der Humanismus hat gezeigt: Der Mensch ist der Autor seines eigenen Lebens, er trägt Verantwortung für sich selbst und für andere. Heute steht der Mensch in Zeiten der Digitalisierung vor einer neuen Herausforderung: Das bloße Wissen von etwas ist entwertet durch die Zugänglichkeit von Informationen, beispielsweise über Wikipedia. Der Mensch muss aus einem Überangebot von Informationen auswählen und ein begründetes Urteil fällen, um vernünftig zu handeln. Die digitalen Technologien werten in meinen Augen den Menschen mit seinem Urteilsvermögen auf – und nicht ab.

Viel mehr Sex-Appeal als menschliche Intelligenz hat derzeit die Debatte über die Künstliche Intelligenz (KI). Mit Schlagzeilen wie: „Demnächst regieren die Roboter.“

Dahinter steckt ein fundamentaler Denkfehler. Die Software-Systeme einer Künstlichen Intelligenz werden von manchen als erkennende, wertende und zu Entscheidungen befähigte Systeme wahrgenommen. Dabei haben wir sie nur so designt, dass sie eine gewisse Ähnlichkeit mit unseren Entscheidungsprozessen aufweisen. Viele Menschen werten dies als Ergebnis eines Nachdenkens. Man überinterpretiert Softwaresysteme und gibt ihnen eine quasi-menschliche Gestalt.

Forscher, die sich mit KI beschäftigen, sprechen von rasanten Fortschritten. Sie versuchen, Maschinen beizubringen, ähnlich zu lernen wie Kinder.

Ich halte die Debatte, wann Künstliche Intelligenz menschliche Fähigkeiten übertreffen wird, für völlig abwegig. Das tut sie natürlich längst. Jeder Taschenrechner hat bessere Rechenkapazitäten als wir. Aber eines muss man sich klarmachen: Schon kleine Kinder sind sehr schnell dazu in der Lage, Dinge zu erkennen, weil sie den Sinn dahinter verstehen. Menschen können die Welt strukturieren. Software hingegen erkennt gar nichts, man simuliert lediglich Erkenntnis, indem man ihr beispielsweise Millionen von Verkehrsschildern zeigt, damit sie selbst welche „erkennen“ kann.

Also menschelt es nicht in den Maschinen?

Das Besondere, das wir als wertende und fühlende Menschen haben, droht in der Debatte über die vermeintlich allmächtige Künstliche Intelligenz unterzugehen. Das wertet Menschen zu Maschinen ab – und umgekehrt vermenschlicht es Maschinen. Beides ist aus meiner Sicht grundfalsch. Einer der Botschaften des digitalen Humanismus ist, die Frage zu stellen: Was ist für eine menschliche Existenz wesentlich? Können wir durch Technologien eine menschenwürdige Existenz befördern? Wir sprechen aber keineswegs davon, dass Technik den Menschen ersetzt.

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