Jana Rückert-John isst mittags auch mal nur einen Becher Joghurt auf die Schnelle. Foto: Rebecca Beiter

Die Soziologie des Essens ist Jana Rückert-Johns Steckenpferd. Die Wissenschaftlerin, die in Hohenheim gelehrt hat, spricht im Interview über Angewohnheiten und Empfehlungen. Weitere Stimmen kommen in unserem Audiobeitrag zu Wort.

Zwei Gastronomen aus Degerloch haben bemerkt, dass ihr klassischer Mittagstisch deutlich weniger Anklang findet, während der Snack vom Bäcker oder Metzger an Beliebtheit gewinnt. Ist das ein allgemeiner Trend?
Ja, man kann es als Trend bezeichnen, dass die flexiblen To-Go-Angebote und Zwischendurch-Mahlzeiten in ihrer Beliebtheit stetig steigen. Das geht in der Tat zu Lasten der sogenannten Bediengastronomie.
Warum ist mittags die kleine Mahlzeit so beliebt?
Die Snacks beim Bäcker, Metzger oder beim Imbissladen sind flexibler. Man bindet sich zeitlich kürzer, kann das Essen auch auf die Hand nehmen. In der Bediengastronomie muss man hingegen wesentlich mehr Zeit einplanen. Außerdem haben die Preise eine größere Spannbreite. Sie erreichen zwar durchaus auch das Niveau der Bediengastronomie, sind im Durchschnitt aber günstiger.
Allerdings beweist die Stuttgarter Slow-Food-Messe eine Gegenentwicklung – hin zum bewussten Essen.
Genau, Slow Food bedeutet ja langsames Essen. Und das geht einher mit einer stärkeren Reflexion darüber, was ich esse und was in den Lebensmitteln enthalten ist. Das bewusste Essen kann als ein Gegentrend zur Flexibilisierung des Essens verstanden werden. Je nach sozialer Schicht sind diese Ernährungsformen unterschiedlich nachgefragt.
Welche soziale Schicht isst denn was?
Das ist natürlich eine komplexe Frage. Leute, die wie hier auf der Slow-Food-Messe auf qualitativ hochwertige und regionale Lebensmittel Wert legen, verfügen eher über einen höheren Bildungsstand und ein höheres Einkommen. Außerdem gehören zu dieser Gruppe auch Personen in der Familienphase, also die gesellschaftliche Mitte, und tendenziell auch eher die Jüngeren.
Sie waren mehrere Jahre Wissenschaftlerin an der Universität Hohenheim. Wie ernähren sich denn Studenten mittags?
Das ist interessant, denn es gibt zum Beispiel eine Differenzierung hinsichtlich der Fachbereiche. Studierende der Agrarwissenschaften zum Beispiel legen Wert auf eine fleischbetonte Ernährung. Bei Sozial- und Kulturwissenschaftlern hingegen ist das weniger ausgeprägt. Sie legen mehr Wert auf pflanzliche Nahrung, indem sie zum Beispiel mehr Obst und Gemüse essen. Außerdem gibt es Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Letztere greifen eher zu Wurst- und Fleischprodukten. Das lässt sich auch in Hohenheim beobachten.
Und wie ernährt sich der durchschnittliche Berufstätige?
Die Ernährung im Berufs- und Ausbildungsalltag folgt vor allem funktionalen Bedürfnissen. Man geht essen, um schnell satt zu werden. Die Strukturen sind häufig so, dass die Essenszeit knapp bemessen ist und dann alle essen gehen wollen. Wenn so eine Mensa oder Kantine überfüllt ist, macht es natürlich keinen Spaß, dort zu essen. Die Genusskomponente kommt dabei leider oft zu kurz.
Was ist denn ein gesundes Essverhalten mittags?
Meine persönliche Meinung ist, dass man sich beim Essen Zeit nehmen sollte und in Gemeinschaft essen wichtig ist. Niemand isst gern alleine. Auch auf die Qualität des Essens sollte man schauen. Gutes Essen muss ja nicht zwingend teuer sein. Dieses Argument wird gerne vorgeschoben.
Sie sind selbst berufstätig. Wie essen Sie unter der Woche zu Mittag?
Wenn ich an der Hochschule bin, habe ich nur wenig Zeit mittags. Da bin ich auch nicht frei davon, mir schnell etwas auf die Hand zu holen, ein Joghurt oder ein Müsli. Ich denke, das sind maßgebliche Strukturen, die geändert werden sollten. Daher kann man den Konsumenten nicht den Vorwurf machen, dass sie sich ungesund ernähren. Das Essverhalten wird auch von den Essverhältnissen bestimmt, die ein ruhiges Mittagessen ermöglichen müssen.
Das Gespräch führte Rebecca Beiter.
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