Der Jazzpianist Iiro Rantala spielt in Stuttgart Lieder von John Lennon. Foto: Act

Iiro Rantala ist ein Grenzgänger zwischen Jazz und Klassik mit einer Ader fürs Burleske und für schwarzen Humor. Nun interpretiert er mit gebührendem Ernst Songs von John Lennon.

- Herr Rantala, in den skandinavischen Ländern gibt es eine sehr umtriebige und kreative Musikszene – woran liegt das?
Daran, dass es dort kalt und dunkel ist und man nicht viel anderes tun kann. Man kann entweder üben oder anfangen zu trinken. 99 Prozent der Leute fangen an zu trinken, ein Prozent beginnt, Musik zu machen.
Was ist Ihre Geschichte mit John Lennon?
Ich bin Jahrgang 1970, deshalb bin ich nicht mit den Beatles aufgewachsen, sondern mit Lennons Solo-Songs. Ende der 1970er, als ich anfing, bewusst Radio zu hören, kamen „Imagine“, „Happy X-mas, War Is Over“, „Watching The Wheels“, „Just Like Starting Over“. Forscher sagen, dass wir unsere bleibendesten Eindrücke haben, bis wir 16 sind. Ich bin froh, dass ich sehr viel Musik gehört habe, bevor ich 16 war, von Johann Sebastian Bach bis John Lennon. Ich habe auch später viele gute Sache gehört, aber sie haben mich nicht so tief berührt.
Wie haben Sie die Stücke ausgesucht?
Einige hatte ich sofort im Kopf, die genannten und „Working Class Hero“. Dann habe ich alles gehört, was Lennon je aufgenommen hat. Bei den Beatles muss man aufpassen: „Eleanor Rigby“ hätte sich geeignet oder „Penny Lane“, aber die sind offensichtlich von McCartney. Schließlich wurden es dann „All You Need Is Love“, „Because“ und „Norwegian Wood“.
Welche waren leicht zu arrangieren?
In „Because“ stecken viele interessante Harmonien, die beinahe eins zu eins aus Beethovens „Mondscheinsonate“ kopiert sind. Wenn man Harmonien hat, kann man damit spielen. Viel schwieriger sind simple Stücke wie „Imagine“ oder „All You Nee Is Love“, die jeder kennt. Die kann man verhunzen. Man muss die Essenz dieser Songs behalten und etwas von sich selbst hinzufügen. Alles hängt da am Glauben: Man muss als Künstler glauben, dass Leute das hören wollen. Ich hatte unterwegs auch Zweifel, ob ich damit nicht alle ins Koma schicke. Dann habe ich die Stücke live getestet, und zu meinem Erstaunen mochten die Leute sie.
Lennon ist eine Ikone – hat es Ihnen geholfen, dass Sie vorher auf Ihrem Album „Lost Heroes“ schon Komponisten von Jean Sibelius bis Esbjörn Svensson Tribut gezollt hatten?
Ja, ich hätte dieses Album nicht ohne das andere machen können. Weil es mein erstes Album war, auf dem ich wirklich simple Sachen gespielt habe. Alles davor war technisch und karnevalistisch mit viel Energie und vielen Noten. „Lost Heroes“ ist ein geschmeidiges, ruhiges Album, da ist mir klargeworden: Ich muss nicht so schnell spielen, nichts beweisen, die Leute lieben auch Balladen. „Lost Heroes“ hat mir den Mut gegeben, „My Working Class Hero“ zu machen.
Was hat es mit dem finnischen Humor auf sich? Filmregisseur Aki Kaurismäki hat seine Version davon ja in alle Welt verbreitet . . .
Er trifft den Nagel auf den Kopf, das ist der finnische Humor, dunkel und pessimistisch. Mein Lieblingssatz aus einem Kaurismäki-Film ist, als einer erklärt, warum er trinkt: Alles macht Spaß und funktioniert, wenn ich trinke. Auch die finnische Stille existiert, in Helsinki redet niemand in der U-Bahn, das wird als unhöflich empfunden. Das sitzt sehr tief, wir finden, dass Worte nicht verschwendet werden sollten. Natürlich passen wir unser Sozialverhalten an, unter anderen Europäern können wir ganz normal wirken. Ich rede auf der Bühne viel und gerne, aber wenn ich unter Finnen bin, schweige ich.
Was halten Sie von dem Pianisten in Kaurismäkis „Das Leben der Bohème“?
Den spielt mein guter Freund Kari Väänänen, der jetzt in Lappland lebt. Er ist nicht nur ein toller Schauspieler, er kann wirklich gut Klavier spielen und auch singen. Ich habe schon oft mit ihm gespielt.
Sie haben mit dem Trio Töykeät und später mit dem New Trio sehr substanzielle, humorvolle Musik gemacht – spielen Sie diese Sachen überhaupt noch?
Nein, ich bin nicht besonders gut darin zurückzublicken. Ich habe keine nostalgischen Gefühle. Ich vermisse manchmal den ­Humor, jetzt ist alles schon etwas ernster. Das erste Trio bestand 18 Jahre, aber während unsere schwedischen Freunde von E.S.T. in immer größeren Hallen spielten, sind wir nie richtig bekannt geworden. Das New Trio gab es nur zwei Jahre, und es hat großen Spaß gemacht, aber es war schwer, Gigs zu bekommen. Die Promoter haben die Beatbox überhaupt nicht verstanden. Ich bin froh, dass „Shit Catapult“ Millionen Klicks auf You Tube hatte – das ist das ­Bekannteste, was ich bislang gemacht habe.
Fühlen Sie sich als Solokünstler manchmal einsam?
Jazz-Pianisten machen Solo-Alben entweder dann, wenn sie keine Ideen mehr haben oder wenn sie die Gesellschaft anderer ­Musiker nicht mehr ertragen können. Ich hatte beide Motive, keine Band und keinen Plattenvertrag, und traf dann Siggi Loch, den Chef des Jazz-Labels Act. Er hat mir ­angeboten, ein Solo-Album zu machen, das ­Timing war magisch. „Lost Heroes“ war ein guter Einstieg. Bei den ersten Konzerten war ich aufgeregt so alleine auf der Bühne. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte, aber inzwischen genieße ich es.
Sie haben eine klassische Ausbildung und eine große Liebe zum Jazz, besonders aber zum Stride-Piano – woher kommt die?
Im Wesentlichen von Scott Joplin. Stride und Ragtime zu spielen macht einfach Spaß. Dazu kommt: Bei den meisten anderen Jazz-Stilen macht die linke Hand im Trio vielleicht zehn Prozent und schlägt ein paar Akkorde an. Ich wollte sie immer aktiver einsetzen und habe oft die Basslinie gedoppelt oder ein Ragtime-Thema eingebaut.
Sie spielen am 9. Oktober in Stuttgart, an dem Tag, an dem John Lennon 75 geworden wäre – was bedeutet das für Sie?
Es ist etwas ganz Besonderes. Lennon wird den ganzen Tag über auf allen Kanälen sein. Oft verblasst Star-Ruhm ja, aber seine Musik ist nach wie vor lebendig. Werner und Wolfgang vom Theaterhaus waren einfach schnell und haben mich sofort gebucht. Mit ihnen verbindet mich eine Freundschaft, sie laden mich immer wieder ein, ich fühle mich dort wohl, und es kommen Leute. Was will man mehr?

„My Working Class Hero“ ist bei Act erschienen

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: