Bleibt gut gelaunt: die Göppinger Kleinverlegerin Grit Richter Foto: David Knospe/davidknospe.de

Für Kleinverlage ist die Absage der Leipziger Buchmesse wegen Corona ein echtes Problem. Doch jetzt hilft die Online-Soli-Aktion #Bücherhamstern. Die Göppinger Verlegerin Grit Richter erklärt, wie.

Göppingen - Wegen des Corona-Virus gibt es keine Leipziger Buchmesse 2020. Mit dem Hashtag #Bücherhamstern stemmen sich Kleinverlage gegen die Einbußen, die ihnen dadurch entstehen. Die Verlagsinhaberin und Autorin Grit Richter hat die Online-Aktion mit ins Leben gerufen. Im Interview erzählt sie, ob das #Bücherhamstern wirklich etwas bringt und mit welchen Problemen kleine Verlage nach der Leipziger Absage zu kämpfen haben.

Frau Richter, #Bücherhamstern verbreitet sich seit einigen Tagen rasant in den sozialen Netzwerken. Sie gehören zu den Erfinderinnen – was hat es mit dem Hashtag auf sich?

Nachdem die Leipziger Buchmesse abgesagt wurde, regierte zunächst einmal der Frust in Verlagen, unter Autoren und Autorinnen. Wir haben innerhalb unseres Autorennetzwerkes PAN begonnen, darüber zu sprechen, wie wir mit der Situation umgehen sollen. Ich habe vorgeschlagen, ein Hashtag zu erfinden und das auf Twitter zu teilen. Gebündelt unter einem Begriff sollten kleinere und unabhängige Verlage und Selfpublisher ihre Bücher vorstellen und Leser wiederum Buchtipps geben. Die Schriftstellerin Sabrina Železný hatte die Idee, das ganze #Bücherhamstern zu nennen. Das haben wir dann verbreitet – und viele Menschen haben sofort mitgemacht.

Was haben Sie sich von der Aktion erhofft?

Wir wollen damit die Auswirkungen abfedern, die der Ausfall der Buchmesse für Verlage und Autoren hat. Es fehlt ja auf einmal die Möglichkeit, sich vor großem Publikum zu präsentieren, finanzielle Nachteile bringt die Absage außerdem. Wir wünschen uns, dass die Buchfans sich unter dem Hashtag online austauschen und vernetzen und sich somit zuhause mit den Büchern beschäftigen, die sie sonst auf der Messe zur Hand genommen hätten.

Und wieso ausgerechnet „hamstern“?

Das hat gleich mehrere Ebenen! Das Hamstern von Lebensmitteln und Hygieneartikeln ist momentan wegen des Corona-Virus ein großes Thema. Der Virus ist wiederum der Grund dafür, dass die Messe abgesagt wurde. Was tut man also? Zuhause nicht nur Klopapier, sondern auch bedrucktes Papier hamstern – Bücher! Das Bücherhamstern hat jedenfalls einen Nerv getroffen, von Twitter ist es zu Facebook und Instagram herübergeschwappt und mittlerweile berichten große Medien und Agenturen.

Wie schwer trifft die Absage einen Verlag wie Ihren?

Für mich und meinen Eine-Frau-Verlag ist der Messeausfall nicht existenzbedrohend, aber dennoch ein ziemliches Problem. Ich habe Reisekosten verplant, Programmhefte drucken lassen und natürlich einen Messestand gebucht und bezahlt. Ich habe für die Buchmesse einen vierstelligen Betrag vorgestreckt.

Gibt es Standgebühren von der Buchmesse zurück?

Davon gehe ich aus. Aber noch habe ich dazu, wie auch andere, nichts gehört. Ein weiteres Problem sind die fehlenden Einnahmen. Im Gegensatz zu großen Publikumsverlagen, für die der Bücherverkauf auf der Leipziger Buchmesse oft ein Nebeneffekt sein dürfte, sind viele Kleinverlage auf diese Verkäufe angewiesen – Messen und Conventions, der Direktvertrieb, werden immer wichtiger für uns. Die Absage der Buchmesse kommt sowieso zu einer Unzeit. Die Kleinverlage haben ein schwieriges Jahr hinter sich.

Der Grossist KNV, ein Zwischenhändler, ist im vergangenen Jahr beinahe Pleite gegangen, was viele Kleinverlage sehr getroffen hat…

… er wurde zwar am Ende zum Glück gerettet, aber ich zum Beispiel warte noch immer auf Geld aus dem Weihnachtsgeschäft 2018. Ich habe Bücher geliefert und nicht bezahlt bekommen, weil KNV Insolvenz angemeldet hatte. Und dann gab es ja noch die Entscheidung von Libri, dem zweiten großen Grossisten, Lagerbestände zu reduzieren und viele Titel auszulisten. Als Geschäftsfrau kann ich die Entscheidung zwar in Teilen nachvollziehen, dennoch ist das problematisch. Die Verfügbarkeit vieler Titel sinkt und damit ihre Sichtbarkeit und Bestellbarkeit in Computersystemen, die Buchhandlungen nutzen. Es gab im vergangenen Jahr einige Verlage, die aufgegeben haben und viele stehen nach wie vor finanziell mit dem Rücken zur Wand. Die Stärke kleiner Verlage ist, dass wir oft Nischengenres bedienen, und viele deutschsprachige Autoren und Autorinnen bekommen hier ihre erste Chance. Die Literaturwelt wird jedes mal ärmer, wenn ein Verlag aufgeben muss.

Wie sehr hilft #bücherhamstern da?

Es gibt auf jeden Fall jede Menge positiver Rückmeldungen. Ob die Aktion den Verlagen und Selfpublishern in der Breite finanziell etwas bringt, kann ich nicht sagen – da fehlt mir noch der Überblick. Ich selbst habe aber den Eindruck, dass die Leute mehr bestellen. Das bestätigen mir auch befreundete Verlage. Der Amrûn Verlag hat zum Beispiel seinen Kunden getwittert:, „Ihr macht uns sehr glücklich damit“. Der Ohneohren-Verlag sagt, die Leute hätten in den vergangenen Tagen „fleißig bestellt“. Auf jeden Fall ist es gelungen, die Frustration in jede Menge positive Energie zu verwandeln!

Zur Person: Grit Richter ist 33 Jahre alt und staatlich geprüfte Grafik-Designerin. Anno 2012 beschloss sie, ihren Verlag Art Skript Phantastik zu gründen, der in Salach bei Göppingen beheimatet ist. Der Verlag ist auf fantastische Untergenres wie Steampunk, Dark Fantasy und Space Opera spezialisiert. Grit Richter hat außerdem unter Pseudonym eigene Bücher veröffentlicht und ist Fördermitglied des „Phantastik-Autoren-Netzwerkes“ (PAN). Das Netzwerk ist Mitgliedsverband der Deutschen Literaturkonferenz und die wichtigste Interessensvertretung von Autorinnen und Autoren der Fantastik im deutschsprachigen Raum.

Das Gespräch führte Peter Meuer.

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