Gillian Anderson als Lady Edwina Mountbatten. Foto: Verleih

Die Schauspielerin Gillian Anderson über Gleichberechtigung in Hollywood, ihren neuen Film „Der Stern von Indien“ und ihre Schwäche für kaputte Frauen.

Die Rolle der FBI-Agentin „Dana Scully“ in „Akte X“ macht Gillian Anderson weltberühmt. Jetzt ist die 48-Jährige wieder im deutschen Kino zu sehen. Im historischen Drama „Der Stern von Indien“ spielt sie Lady Edwina Mountbatten, die Frau des indischen Vizekönigs Lord Mountbatten, der die britische Kolonie in die Unabhängigkeit führen soll.

Frau Anderson, Sie meditieren regelmäßig. Heute morgen auch?
Witzig, dass Sie das fragen, denn ich habe tatsächlich meditiert. Sieht man das nicht? Wirke ich irgendwie unausgeglichen?
Ist es vor einem Pressetag besonders wichtig zu meditieren?
Sagen wir es so: Es hilft. Aber tatsächlich empfinde ich die Meditation in meinem Privatleben als viel wichtiger, denn ich habe Kinder, und da will ich nicht die Nerven verlieren, wenn es mal anstrengend wird. In der Regel meditiere ich gut 20 Minuten. Aber ich muss gestehen, der Effekt ist jetzt im Laufe des Tages doch schon etwas aufgebraucht . . .
Sie wirken als Frau des Vizekönigs sehr überzeugend. Wo haben Sie die Eigenschaften der britischen Oberschicht in sich gefunden?
Für mich war es sehr hilfreich, historisches Filmmaterial zu sichten. Es existieren einige Aufnahmen von ihr. Und das ist ein Geschenk, wenn man einen historischen Charakter spielt. Grundsätzlich glaube ich, dass Menschen beinahe jede Art von Charaktereigenschaften in sich tragen. Und wir Schauspieler gehen ihnen bewusst auf den Grund, holen sie aus der Tiefe und leben sie für die Dauer der Dreharbeiten.
In einer Zeit, in der Frauen noch wenig Freiheiten hatten, war Mountbatten eine Feministin. Wollten Sie die Rolle deshalb spielen?
Ich habe bei meiner Rollenauswahl eindeutig eine Vorliebe für liberale und feministische Frauen. Und dann habe ich noch die Tendenz, Frauen mit angeschlagener Psyche zu spielen, kaputte Typen. Ich stürze mich gerne in die emotionalen Abgründe. In dieses Muster passt Lady Edwina allerdings nicht wirklich, jedenfalls nicht so, wie sie in unserem Film zu sehen ist. Edwina und Lord Mountbatten lebten ja eine offene Ehe. Sie hatte eine Affäre mit dem ersten indischen Ministerpräsidenten Nehru. Und als bekannt wurde, dass ich die Rolle spiele, dachten viele, es ginge um diesen Aspekt ihrer Beziehung. Aber das kommt nicht vor, weil wir einen anderen Schwerpunkt haben. Die indische Regierung ist sehr sensibel, wenn es um solche Geschichten geht. Hätten wir solche Geschichten im Drehbuch gehabt, hätten wir nicht in Indien drehen dürfen.
Lady Edwina gibt ihr Leben in Großbritannien auf, um mit ihrem Mann in Indien zu leben. Sie mussten als Kind aus England zurück in die USA ziehen. Konnten Sie sich auch deswegen mit ihr identifizieren?
Bis zu einem gewissen Grad haben Sie recht. Ich erinnere mich, dass ich immer die Fremde war. In England wurde ich in meiner Kindheit als „Yank“ beschimpft, weil meine Eltern Amerikaner waren. In den USA dachte man, ich sei Britin, wegen meines Akzents. Deswegen gehörte ich auch nicht dazu. Ich war immer die Außenseiterin. Ich fühlte mich verloren. Und in solchen Situationen suchst du dir neue Identitäten, mit denen du dich identifizieren kannst. Ich bin fest davon überzeugt, dass meine Vorliebe für die Rollen dieser isolierten Einsiedlerinnen in dieser Zeit wurzelt. Ich bleibe bis heute lieber im Hintergrund. Aber ich habe das irgendwann als meine Normalität akzeptiert und versucht, das Positive zu sehen. Es ist mein Leben, dass mich geprägt hat. Ich wäre sonst eine andere geworden.
Heute kämpfen viele Ihrer Kolleginnen für die gleiche Bezahlung, die Ihre Kollegen bekommen. Sie haben sich zu „Akte X“-Zeiten in den 90er Jahren dafür eingesetzt, als noch niemand davon gesprochen hat . . .
Ich war in einer privilegierten Position, weil die Serie schon sehr erfolgreich war. Die Produzenten hatten also keine Wahl, denn ich habe gesagt, wenn ich nicht so viel bekomme wie David Duchovny, höre ich auf. Und das wollte niemand. Viel interessanter finde ich aber , dass ich dieselbe Diskussion noch einmal führen musste, als die Gagen für die neuen „Akte X“-Episoden ausgehandelt wurden. Sie hatten nicht nur nichts dazugelernt, sie besaßen auch die Dreistigkeit, mich noch einmal im Preis drücken zu wollen, und dachten allen Ernstes, ich würde das akzeptieren.
So viel hat sich für Frauen im Filmgeschäft seit den Neunzigern doch nicht verändert?
Ich wundere mich immer wieder. In der Fernsehserie „The Fall: Tod in Belfast“ spiele ich eine Polizeibeamtin, die ihre Sexualität frei auslebt und in einer der ersten Folgen einen jüngeren Kollegen abschleppt. Das war das Hauptthema in den meisten Interviews, die ich zum Start der Serie gegeben habe. Und da frage ich mich: Leben wir wirklich im Jahr 2017? Was ist so schockierend daran, wenn eine Frau ihre Sexualität selbstbewusst auslebt?
Wie viele Liebesbriefe bekommen Sie?
(Lacht) Die Mitarbeiterin, die sich um meine Webseite kümmert, schickt mir regelmäßig eine Auswahl von Briefen und E-Mails. In der Regel geht es darin um meine Arbeit, die den Zuschauern gefällt. Aber hin und wieder sind Männer, aber auch Frauen mutig genug, mir ihre Telefonnummer zu schicken, mit dem Zusatz: Wenn du einmal in meiner Stadt sein solltest: Ruf mich an.
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