Gerhard Thiele kartierte während eines zehntägigen Fluges an Bord des Space Shuttles im Februar 2000 die Erdoberfläche. Foto: Esa/Nasa

Der Astronaut Gerhard Thiele ist an Bord eines Shuttles im All gewesen. Später hat er Alexander Gerst mit ausgewählt, der nächstes Jahr zum zweiten Mal zur Raumstation fliegt. Im Interview spricht Thiele darüber, wie sich dieser Beruf verändert.

Stuttgart - Früher war das Kontrollzentrum der einzige Kontakt der Astronauten zur Erde – heute twittern Raumfahrer wie Alexander Gerst täglich aus dem All. Der Alltag in der Schwerelosigkeit hat sich enorm gewandelt. Gerhard Thiele hat diese Entwicklung aus nächster Nähe verfolgt. Er leitete das europäische Astronautenkorps fünf Jahre lang und übt heute Kritik daran, dass man dort einen Fehler wiederholt, den man zu seiner Zeit schon einmal gemacht hat: die Auswahl des Nachwuchses immer wieder zu verschieben.

Sie haben Abitur in Ludwigsburg gemacht, Alexander Gerst kommt aus Künzelsau, Ernst Messerschmid stammt aus Reutlingen, Ulf Merbold hat in Stuttgart studiert – erstaunlich viele der elf deutschen Astronauten sind Baden-Württemberger. Liegt das am Tüftler-Gen?
Nicht zu vergessen Hans Schlegel, der kommt aus Überlingen. Und Reinhold Ewald lehrt in Stuttgart. Aber nein, das glaube ich nicht. Gute Leute gibt es nicht nur in Baden-Württemberg.
Sie haben trotzdem einen besonderen Bezug zu Alexander Gerst, denn Sie haben ihn und die anderen fünf damals als Leiter des Astronautenkorps mit ausgewählt.
Ja, da bin ich auch sehr stolz darauf. Wenn ich auf mein berufliches Leben zurückblicke, muss ich sagen: Die Auswahl der letzten Astronautenklasse 2009 ist für mich ein wirklicher Höhepunkt.
Diese Astronauten wurden bewusst für Langzeitmissionen ausgewählt. Welche Eigenschaften mussten sie mitbringen?
Aus meiner Sicht macht es keinen Unterschied, ob jemand für zwei Wochen oder für Monate ins All fliegt. Medizinisch betrachtet mag das anders sein. Um das zu erklären, muss man etwas weiter ausholen. Zur Zeit der Mercury Seven war man ein „man in the can“, ein Mensch in der Dose also, und der hatte zu funktionieren. Man wusste ja nicht, was einen im All erwartet. Deshalb wurden extrem hohe Anforderungen gestellt. Das, was ich als soziale Kompetenz bezeichne, stand anfangs nicht im Vordergrund. Man war der Auffassung: Für zehn Tage können die sich zusammenreißen.
Das blieb nicht immer so.
Ich habe in Houston mitbekommen, wie eine Crew den Simulator verließ und getrennt essen ging. Und ein Astronautenkollege sagte zu mir: Weißt du, ich hatte drei Flüge. Der erste war gut, der zweite war sehr gut, der dritte war nicht notwendig. Wir kamen nicht klar miteinander. So etwas ist unwahrscheinlicher geworden. Wir legen großen Wert auf die soziale Kompetenz der Bewerber. Schon die Auswahl, die ich 1987 beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) durchlaufen habe, war anders. Nach meiner Beobachtung hat man in Europa und Russland früher Wert auf solche Dinge gelegt. Russland hat früh Erfahrung mit Langzeitmissionen gesammelt. Und gerade dort habe ich viel gelernt.
Sie sprechen von der niederländischen Delta-Mission, bei der Sie 2004 Nachrücker waren.
Man bekam für seinen Flug zum Beispiel eine bestimmte Anzahl Shirts, die man selbst aussuchte. Den Rest wählten die Kollegen aus. Denn die mussten mich angucken. Damals hieß es immer: Bitte auch an die anderen denken.
Was genau an der jüngsten Astronauten-klasse macht Sie denn so stolz?
Wir haben lange darauf hingearbeitet, dass wir sie überhaupt bekommen. Als ich 2005 Leiter des Astronautenkorps wurde, lag das Durchschnittsalter der europäischen Astronauten bei 49 Jahren. Wir brauchten eine Verjüngung. Das ließ anfangs niemand gelten. Das Durchschnittsalter musste erst auf 51 Jahre ansteigen, bevor wir grünes Licht für eine neue Auswahl bekamen.
Jetzt sind alle sechs im Einsatz gewesen.
Frank de Winne, der derzeitige Leiter, sagte nach der Rückkehr von Tim Peake zu mir: Ihr müsst da etwas verdammt gut gemacht haben. Alle, ohne Ausnahme, kommen mit den bestmöglichen Bewertungen heim. Darauf bin ich stolz.
Luca Parmitano ist bei seinem Weltraumspaziergang beinahe ertrunken, weil Wasser in seinen Helm lief. Das war eine der kritischsten Situationen der letzten Jahre.
Ja, absolut. Nicht jeder hätte das so gelöst wie er. Aber Luca ist eben Luca. Ich habe ihn damals bei den Interviews erlebt.
Und Sie haben gleich gewusst, das ist einer der Auserwählten?

Mir war sofort klar, das ist jemand, der alles und sogar mehr mitbringt, als wir suchen und brauchen. Es hat Spaß gemacht, mit diesen Leuten zusammenzusitzen.

Läuft denn bereits die Auswahl der nächsten Astronautenklasse?
Leider nicht. Hier läuft aus meiner Sicht etwas grundlegend falsch. Wir müssen es schaffen, in Europa regelmäßiger Astronauten auszuwählen. Sonst schließt man viele geeignete Kandidaten aus, die bei der ersten Auswahl zu jung und bei der nächsten zu alt sind. Zwischen den beiden letzten Auswahlverfahren lagen volle 16 Jahre! Wir sind damals von vier neuen Astronauten ausgegangen, es wurden dann sechs. Das ist jetzt das Problem. Wir haben inklusive Matthias Maurer sieben. Deshalb verschiebt man die nächste Auswahl und macht damit den gleichen Fehler noch einmal.
Ihre Leidenschaft ist auf Ihre Tochter übergesprungen. Sie wurde von einer privaten Initiative als Astronautin nominiert.
Es war nie eine Frage, dass sie sich als Astronautin bewerben würde. Als wir in Houston gewohnt haben, hörte ich einmal, wie sie am Telefon sagte: „Hey, du sprichst mit der ersten Frau auf dem Mars – sei vorsichtig.“ Da war sie vielleicht zwölf Jahre alt. Es gibt, glaube ich, sowohl bei den Amerikanern als auch bei den Russen ein Vater-Sohn-Paar. Aber es gab vor uns noch kein Vater-Tochter-Paar.
Wann fällt die Entscheidung, ob sie fliegt?
Soweit ich weiß, ist die Mission für 2020 geplant. Bis dahin muss Claudia Kessler, die Initiatorin des Projekts, noch das Geld für die Mission auftreiben.
Ist der Flug bei Elon Musk schon gebucht?
Das weiß ich nicht. Aus meiner Sicht wäre es das Beste. Ich fände es gut, wenn die privaten Firmen in Europa und den USA in Zukunft mehr zusammenarbeiten würden.
Was die Umsetzung betrifft, hinkt das private Unternehmen seinem Zeitplan hinterher.
Natürlich setzt er sich sehr ambitionierte Ziele, die er auch nicht immer wie vorgesehen erreicht. Aber wenn ich das vergleiche mit den Zielen, die wir uns gesetzt und auch nicht fristgerecht erreicht haben, dann sehe ich nicht, dass er schlechter dastünde als die institutionelle Raumfahrt. Die erste Stufe einer Rakete sicher zu landen, vor dieser Leistung ziehe ich den Hut.
Zurück zur Raumstation: Vieles deutet darauf hin, dass sie für die letzten Jahre privaten Firmen übergeben werden könnte.
In den strategischen Überlegungen der Esa hieß es immer: Alles, was im erdnahen Orbit passiert, soll im Wesentlichen nutzergetrieben sein, also auch privatwirtschaftlich. Alles, was weiter entfernt ist, etwa der Mond, wäre der institutionellen Raumfahrt vorbehalten. Ich kann mir gut vorstellen, wenn die Privaten im erdnahen Orbit erfolgreich sind, werden sie auch schneller zum Mond vordringen, als wir glauben.
Und wie sieht es mit Ihnen aus? Würden Sie noch einmal ins All fliegen?

Die Kollegen von der Nasa werden mich nicht mehr fragen – und Esa-Direktor Jan Wörner auch nicht. Ich setze meine Hoffnung also auf Elon Musk. Wenn er irgendwann mal Leute sucht, dann bin ich dabei.

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