Der 1. FC Heidenheim hat seine wichtigsten Leistungsträger in der Offensive verloren. Wie geht Trainer Frank Schmidt vor dem ersten Pflichtspiel damit um? Warum hat er nicht daran gedacht, aufzuhören, wenn es vielleicht am Schönsten ist?
Für den Fußball-Bundesligisten 1. FC Heidenheim beginnt an diesem Samstag (15.30 Uhr) der Pflichtspielernst mit dem DFB-Pokal-Erstrundenspiel beim Regionalligisten FC 08 Villingen. Frank Schmidt äußert sich zu den Zielen des Vorjahres-Achten und zu seiner persönlichen Motivation in seinem 18. Trainerjahr beim FCH.
Herr Schmidt, liegt die herausforderndste Saison Ihrer Trainerkarriere vor Ihnen?
Klar, weil es die nächste ist (schmunzelt). Nein, es ist sicher die herausforderndste – aus vielen Gründen. Aber nehmen wir mal an, wir hätten alle Leistungsträger gehalten und hätten uns nicht für die Play-off-Spiele der Conference League qualifiziert, dann wäre es genauso gewesen. Weil es im Fußball keine Garantie gibt, weiter erfolgreich zu sein.
Schon gar nicht, wenn einem mit den Offensivkräften Eren Dinkci, Niklas Beste und Tim Kleindienst 30 von 50 Saisontoren wegbrechen, dazu noch jede Menge Assists.
Ich wäre ja fast enttäuscht gewesen, wenn die Spieler nicht gegangen wären (lacht), wenn es keinen Markt für sie gegeben hätte und sie sich aus ihrer Sicht nicht hätten verbessern können.
Verbessern ist ein gutes Stichwort. Nach Aufstieg, Klassenverbleib mit Platz acht, dem Erreichen der europäischen Bühne – haben Sie nicht kurz überlegt, aufzuhören, wenn es am Schönsten ist?
Wäre einfach für mich gewesen, gell? Wenn man so denkt, wäre jetzt vielleicht in der Tat der richtige Zeitpunkt gewesen. Aber wir sind anders beim FCH, ich bin anders. Ich spüre Verantwortung. Ich bin hier extrem tief verwurzelt. Ich habe eine Zusage gegeben bis 2027. Und ein Frank Schmidt ist noch nie davongelaufen.
Keine Angst vor dem Absturz?
Angst? Nein, denn Angst hemmt! Ein bisschen Bauchgrummeln, ja, das gehört dazu. Es gibt nichts Schlimmeres für mich im Leben als – der Bayer würde sagen – a gmahde Wiesn vorzufinden. Ich mag diese Herausforderungen, gerade dann, wenn alle Zweifel haben und alles in Frage gestellt wird.
Wie wollen Sie den Aderlass an offensiven Hochkarätern kompensieren?
Da müssen wir kreativ sein. Mein Leben funktioniert so: Ich lasse Jammerei nicht zu. Sondern es geht darum, Lösungen zu finden. Das ist das, was mich auch am meisten reizt und mir am meisten Spaß macht.
„Solche Herausforderungen treiben mich an“
Mit den Mechanismen des Marktes . . .
. . . müssen wir uns arrangieren. Wir können, vielleicht wollen wir auch nicht, bei unseren Neuzugängen ins höchste Regal greifen. Wir greifen gerne ins zweit- oder dritthöchste Regal, wenn wir davon überzeugt sind. Die Liga ist uns dabei relativ egal. Ein Luca Kerber zum Beispiel kommt aus der dritten Liga, hat mit dem 1. FC Saarbrücken im DFB-Pokal aber gezeigt, dass Potenzial da ist. Da darf man die Fantasie haben, dass er sich durchsetzt. Genau solche Herausforderungen treiben mich auch an.
Der Überraschungsmoment für Ihr Team fällt auch weg.
Natürlich fallen im zweiten Jahr ein paar Faktoren weg, so kreuzen zum Beispiel viele gegnerische Spieler nicht mehr das erste Mal in Heidenheim auf. Auf der anderen Seite, um nicht nur die Schwarzmalerei zu haben, wir haben auch dazugelernt. Wir wissen jetzt, was Bundesliga bedeutet. Wir haben den gleichen Torhüter, die Viererkette ist eingespielt, die Sechser-Position steht.
Und am Ende heißt es, der Schmidt wird’s schon richten.
Mit Schweiß, Blut und Arbeit – aber nicht mit Zauberei. Laut Expertenmeinung gehen wir als einer der drei Hauptabstiegskandidaten in die Saison. Es hat uns aber noch nie groß interessiert, was andere für Meinungen haben.
Reizt Sie denn keine andere Aufgabe oder wollen Sie in Heidenheim in Rente gehen?
Unser Vorstandsvorsitzender Holger Sanwald sagt immer: Jeder Verein darf mich anrufen, aber nicht wegen Frank Schmidt. Natürlich würde ich mir auch etwas anderes zutrauen. Aber klar ist doch: Ich predige meinen Spielern Werte wie beispielsweise Verlässlichkeit. Ich würde ja meine Seele verkaufen, wenn ich meinen Vertrag bis 2027 nicht erfüllen würde. Was danach kommt, wer weiß? Aber ich will nicht ausschließen, dass sich der Markus (Anm. d. Red.: blickt zu Pressesprecher Markus Gamm, der teils beim Interview dabei war) weiter mit mir rumschlagen muss. (lacht).
Wie lange wollen Sie denn überhaupt Trainer sein?
Klar ist für mich: Mit 60 bin ich kein Trainer mehr, auch diesbezüglich ist Christian Streich ein gutes Vorbild.
„Ich halte es mit Hermann Gerland“
Wie schalten eigentlich Sie ab?
Für eine ausgewogene Work-Life-Balance bin ich nicht geboren worden. Ich halte es mit Hermann Gerland: Erst belasten, dann steuern. Aber ich habe schon gelernt, eher mal abzuschalten. Früher gab es sieben Tage Fußball in der Woche, jetzt bin ich zumindest einen Tag daheim bei der Familie.
Ihre Frau und Ihre Töchter sind alle in Pflegeberufen tätig. Wie sehr prägt Sie das?
Ja, beide Töchter arbeiten drüben im Klinikum Heidenheim. Meine Frau arbeitet in der ambulanten Pflege. Das erdet einen schon. Man kriegt Dinge von diesem harten Job mit, bei denen man sich fragt, über welche Dinge regen wir uns denn eigentlich auf. Das hilft mir schon. Manche denken, der Fußball sei das wichtigste auf Erden, es gibt schon noch Wichtigeres. Das merkt man vor allem dann, wenn man plötzlich auf Hilfe angewiesen ist.
Wie Sie nach Ihrer Operation wegen einer Arthrose am Sprunggelenk am Ende der vergangenen Saison.
Der liebe Gott wollte es wahrscheinlich so, dass Frank Schmidt entschleunigt und mal nicht nur ständig auf dem Sprung ist. Sechs, sieben Wochen bin ich fast nur gelegen. Aber meine Frau hat es richtig gut gemacht, und ich war ein echt guter Patient, das hat sie selbst gesagt. Sie dachte, es wird eine echte Zerreißprobe, aber wir sind sehr gut klargekommen.
Sie wirken in Ihrer Art nicht anders als zu Oberligazeiten. Wie schaffen Sie das?
Ich muss keine Rolle spielen, sondern bin wie ich bin. Das ist doch das einfachste im Leben. Kommunikation ist für mich dabei entscheidend, genauso Ehrlichkeit. Natürlich habe ich mich weiterentwickelt, aber als Mensch bin ich unverändert. Wenn ich mich mit Teammanager Alexander Raaf, Torwarttrainer Bernd Weng und Holger Sanwald austausche – dann ist das nicht anders als damals, als wir in der Verbandsliga in einer schimmligen Kabine saßen. Da hat sich nichts verändert, und da können wir echt stolz darauf sein.
„Auch VfB braucht Zusammenhalt“
Wer wird deutscher Meister?
Keiner marschiert weg, es wird ein spannender Meisterschaftskampf – allerdings ohne uns.
Und der VfB Stuttgart?
Hat ein ähnliches Los wie wir. Es ist schon bemerkenswert, das auch ein Vizemeister und Champions-League-Teilnehmer sich mit Marktmechanismen auseinandersetzen muss. Der VfB muss Rückschläge einkalkulieren, in solchen Phasen zeigt sich der Zusammenhalt. Der VfB braucht einen ähnlichen Zusammenhalt wie wir diese Saison.
In der Sie dem VfB wieder vier Punkte abluchsen wollen?
Das würde ich unterschreiben. Diese Duelle haben uns lebendiger gemacht, auch in der Wahrnehmung bei dem einen oder anderen VfB-Fan. Viele haben sich mitgefreut, dass da jemand aus dem unmittelbaren Umfeld auch in der Bundesliga mitmischt.
Zur Person
Karriere
Frank Schmidt wurde am 3. Januar 1974 in Heidenheim geboren. Als Profi spielte er zwischen 1994 und 2007 unter anderem für den TSV Vestenbergsgreuth, Alemannia Aachen und den SV Waldhof Mannheim, später für den Heidenheimer SB. Nach seiner Karriere wechselte Schmidt 2007 in Heidenheim kurze Zeit als Co- und dann als Cheftrainer auf die Trainerbank. Er führte den Club von der Oberliga bis in die Bundesliga 2023. Der Aufstieg in die zweite Liga war 2014 gelungen. Sein aktueller Vertrag läuft bis zum Juni 2027.
Persönliches
Frank Schmidt ist verheiratet mit Nadine. Das Paar hat die Töchter Julia (25) und Lara (21). Alle drei arbeiten in Pflegeberufen. In seiner Freizeit fährt der Erfolgstrainer gerne Mountainbike. (jüf)