Tipp für den VfB-Sportvorstand: Auf den Nachwuchs setzen. Foto: dpa

Einst war er ein Junger Wilder beim VfB – nun rät Kevin Kuranyi seinem Ex-Verein, wieder verstärkt auf die eigenen Talente zu setzen.

Vor der Partie des VfB Stuttgart am Samstag (18.30 Uhr/Sky) in Wolfsburg scheint klar: Der Verein ist gewillt, wieder mehr auf junge Spieler aus der eigenen Jugend zu setzen – was ein prominentes Mitglied der einst Jungen Wilden durchaus freut. „Das passt zum Verein“, sagt Kevin Kuranyi.

Stuttgart - Herr Kuranyi, Sie haben einst die Marke der Jungen Wilden beim VfB geprägt. Was zeichnet die Stuttgarter Jugendarbeit denn aus?
Dass sie eine Strategie verfolgt, ein durchgängiges Konzept hat – und das seit vielen Jahren. Es wird taktisch erstklassig geschult, aber auch darauf geschaut, wie sich die Spieler außerhalb des Platzes verhalten. Die Jugendabteilung wird gut geleitet, sie hat auch tolle Trainer. Und geht auch den Weg der Jungen Wilden weiter.
Sie meinen die jungen Spieler wie Rani Khedira, Antonio Rüdiger und Timo Werner . . .
. . . ja, aber ich denke auch an die Trainer. Mein Freund Andy Hinkel ist der erste ehemalige Junge Wilde, der als Jugendcoach eingebunden ist. Wer könnte diesen Geist besser vermitteln als ein Ehemaliger?
Wenn Sie zurückblicken: Was haben Sie mitgenommen von der Ausbildung beim VfB?
Ich glaube, sehr vieles, was mich heute ausmacht. Der VfB war eine perfekte Schule für mich, nicht nur fußballerisch. Wie schon erwähnt: Es wurde immer auch großer Wert darauf gelegt, wie man sich abseits des Fußballs richtig verhält.
Unterscheidet sich darin die Jugendarbeit des VfB von anderen Clubs? Oder haben Sie auf Schalke und in Moskau auch Dinge gesehen, die der VfB übernehmen könnte?
Das ist schwer zu sagen, da ich bei Schalke 04 und bei Dynamo Moskau die Jugendarbeit ja nicht persönlich erlebt habe. Was ich dort aber gesehen habe und sehe: Auf junge Spieler aus den eigenen Reihen zu setzen ist nichts Außergewöhnliches mehr.
Mit Blick auf die aktuellen Talente: Muss der VfB in der jetzigen Phase den Weg mit vielen Nachwuchsspielern noch stärker vorantreiben – auch, um das Profil mit den Jungen Wilden wieder zu schärfen?
Klar sollte er das, weil es zum Verein passt. Ich habe vor ein paar Jahren sogar bei einer Kampagne des VfB mitgemacht, um dieses Profil zu schärfen. Ich finde aber auch: Es ist Vorsicht angebracht.
Weshalb?
Man darf da nicht zu viel Druck aufbauen und muss Geduld haben. Die Jungen haben das bisher ganz gut gemacht, das wird aber nicht konstant so weitergehen. Es kommen auch Tiefs und andere Gegner. Man sollte den Jungs schwächere Phasen zugestehen.
Ist es dann sogar kontraproduktiv, eine dritte Generation der Jungen Wilden auszurufen. Die Messlatte liegt jedenfalls sehr hoch.
Aus Sicht des VfB ist es tatsächlich gar nicht so einfach. Einerseits sind die Jungen Wilden eine Marke, ja sogar die Marke des VfB. Andererseits ist es natürlich ein großer Druck für jeden jungen Spieler, wenn er an großen Spielern wie Sami Khedira, Mario Gomez oder Alexander Hleb gemessen wird. Das ist ein ganz schöner Spagat.
Was war zu Ihrer Zeit beim VfB entscheidend, dass der Weg mit den jungen Spielern wie Timo Hildebrand, Andy Hinkel und Philipp Lahm erfolgreich beschritten werden konnte?
Zuerst einmal war es damals ja keine Entscheidung für die Jungen. Es war der einzige Weg. Da es keine richtige Alternative gab, war es natürlich einfacher für uns Spieler und für den Verein. Dazu kam, dass wir uns in Ruhe entwickeln konnten, weil die Ansprüche nicht zu hoch waren. Und ein wichtiger Punkt war natürlich auch, dass wir Spieler wie Zvonimir Soldo und Krassimir Balakov hatten, an denen wir uns orientieren konnten und die uns Halt gaben.
Wie haben Sie die damalige Zeit in ­Erinnerung?
Es war wie im Rausch. Wir waren die Sensation der Liga, sind ebenso überraschend wie verdient Vizemeister geworden. Alle dachten: Besser kann es nicht mehr werden.
Aber . . .
. . .es konnte! Wir sind zum Saisonstart 2003/04 in der Bundesliga acht Spiele lang ohne Gegentor geblieben. 15 Partien ohne Niederlage, wir kamen ins Achtelfinale der Champions League, wir spielten attraktiven Offensivfußball – und das alles mit einer ganz jungen Mannschaft. Andy Hinkel, Christian Tiffert, Alex Hleb und ich waren damals allesamt erst 21, Philipp Lahm als jüngster Stammspieler sogar erst 19. Es war einfach unglaublich.
Mit dieser Erfahrung: Welche Mischung aus Jung und Alt braucht eine gut funktionierende Mannschaft?
Hmmm. Patentrezepte gibt es sicher nicht. Ich halte aber Extreme prinzipiell für nicht gut. Die Mischung muss stimmen. Eine gute Mannschaft benötigt hungrige, junge Spieler, die Druck machen und körperlich im Vorteil sind – aber auch ein paar Recken, die ein Team führen können, besonnen bleiben und die mit ihrer Erfahrung wettmachen, dass sie nicht mehr die Schnellsten sind.
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