Eine außergewöhnliche aber gleichzeitig ganz normale Frau: Anahita Rehbein während einer kurzen Pause vom Miss-Germany-Training auf Fuerteventura im Februar 2018 Foto: Michael Werner

Die Stuttgarterin Nadine Berneis ist in Rust zur Miss Germany 2019 gekürt worden. Die Krone wurde ihr im Europapark von Anahita Rehbein aufgesetzt, der Miss Germany 2018, ebenfalls aus Stuttgart. Im Gespräch zieht Rehbein eine gemischte Bilanz.

Stuttgart - Bodenständig solle eine Miss Germany bleiben, empfiehlt Anahita Rehbein (24), die am Samstagabend abgedankte Miss Germany 2018, ihrer Nachfolgerin. Denn nach einem Jahr mit vielen Terminen in einer Scheinwelt, jeder Menge Hochzeitsmessen und Jury-Sitzungen in Einkaufszentren könne sich die Rückkehr ins normale Leben schwierig gestalten.

Frau Rehbein, gerade haben Sie Ihrer Nachfolgerin Nadine Berneis das Miss-Germany-Krönchen auf den Kopf gesetzt, das Sie selber bis Samstag ein Jahr lang tragen durften. Was raten Sie Ihrer Nachfolgerin?

Sie sollte einfach schauen, dass sie die Zeit wirklich genießt, und dass sie alle Eindrücke und Erfahrungen mitnimmt, die sie mitnehmen kann. Und sie sollte möglichst schnell verstehen, dass sie in ihrem Miss-Germany-Jahr auch aus all dem lernen kann, wohinter sie nicht zu 100 Prozent steht. Am besten funktioniert das, wenn sie etwas, das sie stört, direkt anspricht.

Was hat Sie persönlich in Ihrem Miss-Germany-Jahr am meisten gestört?

In jedem Beruf und in jeder Beziehung gibt es natürlich etwas, das einen stört. Am Anfang meines Miss-Germany-Jahres habe ich mich vielleicht zu wenig gewehrt, aber so kann man an der Sache nicht wachsen. Deshalb empfehle ich meiner Nachfolgerin, dass sie über ihre Grenzen gehen und den Mumm haben sollte, zu widersprechen, um an Dingen, die sie stören, wachsen zu können. Das gehört zum Erwachsenwerden.

Was für Dinge meinen Sie?

Was mich zum Beispiel enttäuscht hat, war, dass ich das ganze Jahr lang überhaupt nicht als Model gefördert wurde. Ich habe in meinem Miss-Germany-Jahr nicht ein einziges Mal als Model gearbeitet. Das war deshalb so enttäuschend, weil du als Miss-Germany-Kandidatin ja davon ausgehst, dass du als Model vermarktet wirst. Im Vorfeld des Finales hatten wir im Miss-Germany-Camp auf Fuerteventura ein paar Tage lang wahnsinnig viele Fotoshootings. Also geht man davon aus, dass man auch als Miss Germany Fotoshootings hat. Aber bis auf ein Shooting für unseren Sponsor wurden wir nicht ein einziges Mal als Model vermarktet. Da frage ich mich schon: Weshalb dann die vielen Shootings und Versprechungen vor dem Finale? Das fand ich schade.

Wenn Sie als Miss Germany keine Fotoshootings hatten, was haben Sie denn stattdessen gemacht?

Als Miss Germany der Miss Germany Corporation steht man ein Jahr lang in den Brautkleidern von unserem Sponsor auf Hochzeitsmessen. Man arbeitet als Hostess auf einer Brautmesse oder sitzt in einer Jury der Vorauswahl für die nächste Miss-Germany-Wahl. Aber du wirst überhaupt nicht gefördert, schon gar nicht als Model. Dabei ist ja das Modeln das, was den meisten Mädchen Spaß macht. Dazu kommt, dass man als Miss Germany oft auf sich allein gestellt, ohne Begleitung und wahnsinnig viel unterwegs ist - samstags Hamburg, sonntags München.

Das klingt anstrengend.

Ja. Du sitzt dabei wahnsinnig viel im Auto. Manchmal sind es 800 Kilometer pro Tag gewesen, weil es einen oft am gleichen Tag wieder in die Heimat zieht, wenn man so viel unterwegs ist. So viel Fahrerei finde ich nicht gerade zuverlässig. Zumal ich ja mit 24 eine relativ alte Miss Germany war, aber es gibt auch jüngere, die noch nicht so lange Auto fahren. Das ist nicht gut. Erst gegen Ende meines Miss-Germany-Jahres bin ich meistens geflogen oder mit dem Zug gefahren. Anfangs war mir jedoch gar nicht bewusst, dass ich dermaßen viel unterwegs sein werde.

Ihrer Nachfolgerin droht also eher ein Dauer-Praktikum als Fernfahrerin, als dass ihr eine Model-Karriere winkt?

Sie sollte sich möglichst bald überlegen, ob sie etwas mit diesem Titel erreichen möchte – und wenn ja, was. Ich würde ihr raten, dass sie immer sie selber und authentisch bleibt. Das ganze Jahr als Miss Germany spielt sich nämlich in einer komplett unrealen Welt ab, die nicht dem normalen Umfeld von Normalbürgern entspricht. Insofern muss sie wirklich darauf achten, dass sie nicht abhebt, sondern auf dem Boden bleibt und mit beiden Beinen im Leben steht.

Ist Ihnen das gelungen?

Ja. Weil ich mein Studium weitergemacht habe, hatte ich immer ein Bein im normalen Studentenleben und das irreale Leben nur am Wochenende. Ich glaube, wenn man dieses Unreale zu nahe an sich heranlässt und sich nur noch mit solchen Leuten umgibt, dann ist das einfach eine oberflächliche Welt.

Was an dieser Scheinwelt war so oberflächlich?

Die sogenannten Stars und das Klientel, das der Normalbürger nie kennen lernt, auf irgendwelchen Galas, Events und Veranstaltungen leben ja nicht das normale Leben, das darin besteht, dass du von 8 bis 16 Uhr arbeiten gehst und gucken musst, wie du deine Miete bezahlst und Essen kaufst. Das sind ja die normalen Probleme, die wir normalen Menschen haben. Aber wenn du nur noch mit solchen Leuten zusammen bist, die sich für unglaublich bedeutend halten, und dabei dein normales Leben komplett abschreibst, dann ist es einfach schwer, authentisch zu bleiben. Und nach diesem einen Miss-Germany-Jahr wirst du von Hundert auf Null abgeschrieben.

Wie läuft das, das abgeschrieben werden?

Ab dem Zeitpunkt, an dem es eine neue Miss Germany gibt, also seit Samstagabend, ist natürlich sie diejenige, um die sich die Miss Germany Corporation kümmert. Und die Ex-Miss-Germany ist ab da wieder ganz auf sich alleine gestellt. Um die wird sich dann eben nicht mehr gekümmert.

Ist das schlimm?

Das hängt davon ab, was man will oder auch nicht. Ich bin ganz froh, dass ich jetzt aus dem Vertrag draußen bin – und wieder mein normales Leben zurück zu haben. Wenn man aber während seines Jahres als Miss Germany nicht bodenständig geblieben ist, dann könnte es einem hinterher wirklich schwerfallen, den Übergang zu schaffen. Doch es ist in dieser Welt gar nicht so einfach, bodenständig zu bleiben.

Weitere Tipps für Ihre Nachfolgerin?

Was ich meiner Nachfolgerin vor allem rate, ist, dass sie lernt, Nein zu sagen. Denn es ist sehr wichtig für den eigenen Entwicklungsprozess, nicht zu allem Ja und Amen zu sagen. Das ist mir am Anfang sehr schwer gefallen, weil ich es jedem Recht machen wollte. Aber es ist wichtig, sich selber treu zu bleiben.

Was meinen Sie mit Nein sagen?

Nicht sexuelle Belästigung. Damit bin ich nie in Berührung gekommen. Ich meine, dass ich einfach Nein sagen kann, wenn ich zu einer Veranstaltung keine Lust habe, oder wenn der Aufwand in keinem Verhältnis zum Ertrag steht. Dazu braucht man Mumm: Zu Beginn meines Jahres als Miss Germany habe ich zu allem Ja und Amen gesagt, aber mittlerweile mache ich das, worauf ich Lust habe.

Das klingt nach der Einstellung einer eigenständig denkenden Frau. Wie fühlt sich solch eine Frau, wenn ihr Miss-Germany-Krönchen unter anderem von Jury-Mitgliedern abhängt, die – wie vor genau einem Jahr der im Feld der ästhetischen Chirurgie tätige Hals-Nasen-Ohren-Arzt Werner Mang – in Anwesenheit der Kandidatinnen über Schönheit folgendermaßen räsonieren: „Die Augen-Abstände müssen stimmen. Und dann der Nase-Kinn-Winkel: ungefähr 110 Grad.“?

Wäre die Jury anders zusammengesetzt gewesen, wäre wahrscheinlich eine andere Frau Miss Germany geworden. Jeder hat ja eine andere Betrachtungsweise von Schönheit. Wenn für diesen Herrn, der in diesem Jahr ja nicht mehr in der Jury saß, Schönheit eben so aussieht, dann ist das für mich in Ordnung. Schließlich ist er Schönheitschirurg. Der hat seine eigenen Ansichten, was Schönheit bedeutet. Andere legen viel Wert auf die Ausstrahlung, wieder andere auf die Fähigkeit der Kandidatin, sich zu artikulieren. Für Jeden bedeutet Schönheit etwas Anderes. Weil jeder andere Schönheitsideale hat, findet ja auch jeder eine andere Frau oder einen anderen Mann attraktiv. Manche finden große Hände schön, andere mögen kleine Hände.

Also finden Sie die solchermaßen geäußerte Vorliebe für einen Nase-Kinn-Winkel von ungefähr 110 Grad in Ordnung?

Darüber möchte ich gar nicht urteilen. Wenn man an einem Schönheitswettbewerb wie einer Miss-Germany-Wahl teilnimmt, dann muss man damit rechnen, dass man mit solchen Äußerungen konfrontiert wird, weil es – wie gesagt – ein Schönheitswettbewerb bleibt.

Finden Sie es gut, dass Ihrer Nachfolgerin und den anderen Miss-Germany-Finalistinnen in diesem Jahr erstmals der Durchgang im Badeanzug erspart geblieben ist? Oder bemitleiden Sie Ihre Nachfolgerin ein bisschen, weil sie nicht wie Sie im vergangenen Jahr im Badeanzug im Europapark herumspazieren durfte?

An sich finde ich es gut, dass die Bademode abgeschafft worden ist – bei den Städte-Wahlen und bei den Wahlen in den Bundesländern. Diese Wahlen vor dem eigentlichen Finale finden zum Teil in stinknormalen Läden oder Einkaufszentren statt, wo ganz normale Besucher sind. Dass bei diesen Veranstaltungen Bademode abgeschafft worden ist, finde ich richtig und gut. Denn ich glaube, es ist keiner Frau angenehm, im Einkaufszentrum in Bademode herumzulaufen, wenn sie sich nicht einmal auf einer richtigen Bühne befindet.

Aber?

Aber ich finde durchaus, dass beim Finale einer Miss-Germany-Wahl ein Bademoden-Durchgang dazugehört. Meiner Ansicht nach muss eine Miss Germany auch einen sportlichen Körper mitbringen. Manche sagen ja, in sommerlichen Kleidern würde man die Figur doch auch sehen. Nein. Das finde ich nicht, denn die Problemzonen kann man mit einem sommerlichen Kleid gut bedecken. Wenn hingegen alle Kandidatinnen beim Miss-Germany-Finale wie im vergangenen Jahr einen einheitlichen, schlichten Badeanzug tragen, finde ich das überhaupt nicht schlimm. Das hat auch nichts mit der #Metoo-Debatte oder mit Fleischbeschau zu tun, weil ein ästhetischer Badeanzug ist ja nicht sexistisch, sondern zeigt einfach die Figur der Frau. Wenn man bei einer Miss-Germany-Wahl mitmacht, dann weiß man, dass es auch um Schönheit geht. Dazu gehört auch der Körper. Also sollte man ihn auch präsentieren können.

Aber mehr als ein Dutzend Kandidatinnen in Badeanzügen – dabei scheint es ja doch stark um eine eher klassische Vorstellung von äußerer Schönheit zu gehen und weniger um die vom Veranstalter dieser Wahl stets betonte Bedeutung innerer Werte wie zum Beispiel Charme, Geist, Humor oder ähnliche Vorzüge.

Genau. Es ist und bleibt ein Schönheitswettbewerb, Ich glaube zwar, dass auch die Ausstrahlung wirkt, aber bei einem Schönheitswettbewerb erkennt man keinen Humor.

Die Präsentation weiblicher Schönheit bei einem entsprechenden Wettbewerb halten manche Zeitgenossen immer noch per se für frauenfeindlich. Das feministische Argument gegen Schönheitswettbewerbe im Allgemeinen und den Einsatz von Bademoden im Speziellen lautet dann, auf diese Weise würde versucht, Frauen zum Objekt männlicher Projektionen zu degradieren. Den Miss-Germany-Kandidatinnen wird vorgeworfen, sie würden mit ihrer offensiv präsentierten Schönheit den Kampf der Feministinnen behindern. Wie sehen Sie das?

Ich verstehe nicht, was ein Schönheitswettbewerb mit Frauenfeindlichkeit zu tun haben soll. Sonst wäre es ja männerfeindlich, wenn die Stripper der Chippendales irgendwo auftreten. Jede Frau kann ja selbst entscheiden, ob sie bei einem Schönheitswettbewerb mitmacht, oder nicht. Natürlich wird dabei die Schönheit bewertet. Natürlich ist eine Frau auf der Bühne sexy, sonst wäre es kein Schönheitswettbewerb. Und natürlich ist man dabei für Männer das Objekt der Begierde, aber das hat nichts Anstößiges oder gar Obszönes.

Aber die Feministinnen…

… deren Kampf wird überhaupt nicht behindert. Klar, man hat jetzt versucht, den Badeanzug wegzulassen, um die Kritik von dieser Seite zu minimieren. Aber ich finde das nicht richtig, weil der Badeanzug eigentlich zu einem Schönheitswettbewerb gehört. Ich finde, es hat viel mit Mut und Selbstbewusstsein zu tun, dass man bei einem Schönheitswettbewerb mitmacht - und mit sehr viel Fraulichkeit und Femininem. Denn im Mittelalter wäre es nicht vorstellbar gewesen, dass sich die Frau von irgendeinem Burgherren auf einer Bühne läuft und sich präsentiert. Heute darf jeder mitmachen! Selbst in Ländern wie Indien oder Kolumbien, wo strengere Sitten gelten als hier in Deutschland, wird ein Schönheitswettbewerb bis zum Geht-nicht-mehr gestaltet und ausgearbeitet. Im Vergleich dazu ist die Bedeutung einer Miss-Wahl in Deutschland richtig klein. Wenn jemand diese Argumente gegen Schönheitswettbewerbe äußert, dann vielleicht aus Neid.

Wenn Sie vorher gewusst hätten, was Sie in Ihrem Miss-Germany-Jahr erwartet: Hätten Sie vor einem Jahr die Krone dennoch angenommen?

Ja, auf jeden Fall. Das Jahr hat mich einfach geprägt, und ohne es wäre ich nicht der Mensch, der ich jetzt bin. Man lernt Stärken, Schwächen und Verhaltensweisen an sich kennen, die man vorher nicht kannte, und die man im normalen Leben wahrscheinlich nie kennen gelernt hätte. Für meine persönliche Entwicklung war das Wahnsinn.

Die Studentin und die Missen-Macher

    

Oberschwäbin Anahita Rehbein (24) stammt aus Inzigkofen in Oberschwaben, lebt in Stuttgart und studiert in Ludwigsburg Bildungswissenschaften. Derzeit konzentriert sie sich auf ihre Bachelor-Arbeit. Im Februar 2018 erklärte sie direkt nach ihrer Wahl zur Miss Germany: „Ich fühl mich jetzt grad wie so ne kleine Prinzessin.“ Sie freue sich „tierisch“ auf das Jahr, sagte sie. Mittlerweile sieht sie die Zeit zwischen Hochzeitsmessen und Autobahnen nüchterner.

Miss Germany Alljährlich lädt die Miss Germany Corporation Ticketinhaber (189 Euro mit viel Essen und näher dran, 99 mit weniger Essen und weiter weg) zum Finale im Europapark Rust. Das Oldenburger Großvater-Vater-Sohn-Familienunternehmen organisiert auch die deutschlandweiten Vorwahlen und wickelt außerdem die Kür des Mister Germany sowie der Miss Germany 50plus ab.

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