Dirk Notheis, früherer Deutschland-Chef von Morgan Stanley, hat aus dem umstrittenen EnBW-Deal gelernt, aber er würde das Mandat wieder übernehmen. Heute ist der 48-Jährige Chef von Rantum Capital. Foto: Rantum Capital

Dirk Notheis ist einer der bekanntesten Finanzmanager weltweit. Der milliardenschwere EnBW-Deal kostete ihn den Chefposten bei Morgan Stanley, dann zog er sich zurück. Nun ist er wieder da – als Chef bei Rantum Capital in Frankfurt. Und bricht sein jahrelanges Schweigen.

Stuttgart -

Herr Notheis, kennen Sie den aktuellen Stand Ihres Flugmeilenkontos?
Um ehrlich zu sagen: Nein. Aber es dürfte noch immer ziemlich hoch sein.
Und wächst weiter. Als Chef von Morgan Stanley waren Sie schon permanent in der Welt unterwegs, nun an der Spitze von Rantum Capital scheinen Sie nicht weniger zu fliegen. Haben Sie den EnBW-Deal abgehakt und genießen es, in den weltweiten Finanzströmen unterwegs zu sein?
Ich war bei Morgan Stanley in angestellter Funktion mit großer Freude aktiv. Nun bin ich in der Selbstständigkeit. Das ergibt mehr Freiheitsgrade und in manchen Situationen zusätzlichen Sinn. Damals war ich sehr zufrieden, heute bin ich glücklich.
Der Fall des umstrittenen EnBW-Aktiendeals hat Sie letztendlich den Job gekostet, Ihr Image beschädigt, die Familie stark belastet. Was denken Sie im Rückblick?
Ich habe das Kapitel schon vor langer Zeit für mich abgeschlossen. Der Blick zurück bringt grundsätzlich nichts, ich schaue nach vorne. Aber da gibt es schon Wunden, die ihre Zeit gebraucht haben, um zu heilen. Die in der Öffentlichkeit erzeugte Vorstellung, dass ich als Berater den damaligen Ministerpräsidenten Stefan Mappus an Fäden wie eine Marionette durch die Arena gezogen hätte, war und ist völlig absurd gewesen. Jeder, der Herrn Mappus kennt, weiß, dass er nicht nur ein sehr gescheiter und eigenwilliger Kopf ist, sondern vor allem ein äußerst selbstbewusster Entscheider.
Würden Sie das Geschäft mit der EdF noch einmal machen?
Wenn man für ein solches Mandat angefragt wird, würde man es sicher wieder annehmen. Ob man alles so macht, wie es damals lief, steht auf einem anderen Blatt. Dass ich da im Eifer des Gefechts die eine oder andere flapsige Formulierung in E-Mails unachtsam und unsensibel verwendet habe . . .
. . . wie die Formulierung von Angela Merkel als „Mutti“ zu sprechen?
Das würde ich natürlich unterlassen. Im Moment des hektischen Tippens auf dem Blackberry denken Sie einfach nicht daran, dass das Jahre später einmal völlig aus dem Zusammenhang gerissen irgendwo in der Zeitung stehen könnte. Ich habe daraus gelernt.
In welcher Form?
Ich überlege heute sehr genau, wem ich was mit welchen Worten mitteile.
Eigentlich müssten Sie sich den Stress – heute Frankfurt, morgen New York, übermorgen Shanghai, und weiter um die Erde, doch gar nicht antun. Sie könnten sich um Ihre Kinder kümmern, die Bordeaux-Schätze im Keller pflegen und die Welt gut sein lassen. Was reizt Sie so sehr an dem Job in der Finanzbranche?
Erstens fühle ich mich mit 48 noch ein wenig zu jung, um nur noch Bordeaux zu trinken und meine Meilen mit der Familie abzufliegen. Zweitens hat es mich immer fasziniert, dass Kapital weltweit helfen kann, Wachstumsprozesse auszulösen, neue Technologien anzustoßen, Wettbewerb zu unterstützen. Deswegen war es für mich auch konsequent, nach dem Ausstieg bei Morgan Stanley dem Kapitalmarkt in der neuen Rolle als Investor treu zu bleiben. Heute international Kapital für den deutschen Mittelstand einzusammeln macht Sinn und Freude zugleich.
Sie haben sich nach dem EnBW-Deal, den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, dem Untersuchungsausschuss und den anderen Folgen des Geschäfts völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Dies ist Ihr erstes Interview seit Jahren. Haben Sie die Zeit gebraucht, um die Dinge zu verarbeiten?
Absolut.
Ein harter Finanzmanager ganz sensibel?
Wenn man unberechtigt in der Öffentlichkeit angegriffen wird, dann ist das schmerzhaft. Die viel größere Aufgabe in dieser Zeit war aber die Bewältigung der schweren Krankheit meiner Frau und die Stabilisierung unserer kleinen Familie. Das hat mich mehr Kraft gekostet als die zum Teil unsäglich geführte öffentliche Debatte um die EnBW.
Wie hat sich das gezeigt?
Vorteilsnahme durch den politischen Wettbewerber ist in einer Demokratie völlig legitim, muss aber auch Grenzen kennen, weil Wettbewerb nicht zur skrupellosen Gegnerschaft verkommen darf. Meine Frau ist in dieser Zeit ob der öffentlichen Hetze schwer an Krebs erkrankt. Dieser Preis ist durch nichts zu rechtfertigen und schlicht zu hoch. Auch Politik muss sich in ihrem Umgang einer Ethik der Menschlichkeit unterwerfen.
Spüren Sie Rachegefühle gegenüber Ihren Kritikern, von denen Sie über Monate hinweg angegangen wurden?
Nein. Einerseits wäre es durchaus angemessen gewesen, den einen oder anderen, der mir vorschnell und polemisch unberechtigte Vorwürfe gemacht hat, juristisch zur Rechenschaft zu ziehen. Da wäre etwa der Professor aus München mit seinem unverantwortlichen Gutachten, bei dem er sich durch einen Formelfehler um über eine Milliarde Euro Kaufpreis verrechnet hat und Stefan Mappus und mir damit der Vorwurf gemacht wurde, wir hätten auf Kosten des Landes einen zu hohen Preis für den Rückkauf der EnBW-Anteile bezahlt. Aber andererseits gilt: Sie können nicht als Christ abends am Bett mit ihren Kindern das „Vaterunser“ beten und dabei auch den Satz „wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“ sprechen, um dann Vergeltung zu üben. Zum Christsein gehört eben auch Verzeihen.
Haben Sie heute einen anderen Blick auf die Politik als vorher? Gerade in der CDU haben Sie viele verstoßen.
Keine Sorge, ich habe immer noch fast genauso viele Freunde in der Politik wie vorher, nur eben die wahren. Die Politik hat sich in diesem Fall jedoch in einem extremen Grenzbereich abgespielt.
Was heißt das?
Da wurde in der öffentlichen Arena mit Bandagen gekämpft, die Fakten schlicht negiert hat und auf die pure Polemik setzte. So etwas kennt man in der freien Wirtschaft nicht.
Hat Sie das darin bestätigt, trotz vieler Möglichkeiten in den vergangenen Jahren nie in die Politik zu gehen?
Ich habe mich immer politisch engagiert, aber ich wollte von der Politik nie abhängig sein. Es war für mich immer klar, dass die Finanzierung meines Hauses oder die Ausbildung meiner Kinder nicht davon abhängig sein darf, ob ich das Wohlwollen einer Partei habe. Man läuft sonst Gefahr, an einem bestimmten Punkt biegsam zu werden. Das wollte ich nie.
Was hat der ganze Fall mit Ihnen persönlich gemacht: Sind Sie vorsichtiger geworden, wägen Sie Ihre Entscheidungen mehr ab, hat sich manches relativiert?
Wenn man so wie ich für eine kurze Zeit durch den Ausstieg bei Morgan Stanley aus diesem Beschleunigungsrad herauskommt, erlebt man das Leben einmal ganz anders. Da verschieben sich schon die Perspektiven. Mir wurde klar, dass ich mich lange Zeit zu wenig um meine Familie und meine Eltern gekümmert hatte. Das habe ich geändert und versuche es konsequent beizubehalten. Bei Morgan Stanley war ich sieben Tage rund um die Uhr im Einsatz. Das Telefon war nie ausgeschaltet, auch nicht auf dem Nachtischschränkchen. Dieses Geschäft macht eben vor Zeitzonen nicht halt.
Und jetzt führen Sie in dem neuen Job eine andere Art des Lebens?
Ja, in gewisser Weise schon. Das Leben ist selbstbestimmter. Heute entscheidet nicht mehr der Kunde, dass ich übermorgen um 17 Uhr in Hongkong sein muss, jetzt entscheide ich selbst, ob ich fliege oder einen Mitarbeiter schicke. Insofern war der Ausstieg bei Morgan Stanley nach all den Turbulenzen um den EnBW-Deal für mich auch eine Art Geschenk.
Stefan Mappus hat in mehreren Verfahren vor Gericht versucht, die Dinge in seinem Sinn klarzustellen. Warum haben Sie das nicht gemacht?
Ich habe die Notwendigkeit nicht gesehen. Die Dinge haben sich auch so aufgeklärt und das damalige Vorgehen bestätigt.
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