Carsten Kengeter, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse AG, sieht die geplante Fusion als Geschäft unter Gleichen. Foto: dpa

Carsten Kengeter führt als Vorstandschef seit Juni 2015 die Deutsche Börse. Er will jetzt das Unternehmen und die Londoner Börse zusammenbringen. Der Ex-Investmentbanker sieht in der Fusion die einzige Chance für die Deutsche Börse, Weltspitze zu bleiben.

Frankfurt - Er ist erst seit knapp einem Jahr im Amt, aber er sorgt am Finanzplatz Frankfurt für lange nicht gesehenen Wirbel. Der 49jährige gebürtige Heilbronner Carsten Kengeter führt als Vorstandschef seit Juni 2015 die Deutsche Börse. Und will jetzt das Unternehmen und die Londoner Börse – London Stock Exchange (LSE) – zusammenbringen.

Herr Kengeter, auf der Hauptversammlung am 11. Mai stehen nicht die Zahlen nicht im Mittelpunkt, sondern die Fusion mit der Londoner Börse. Erwarten Sie Zustimmung oder Ablehnung?
Wir haben den Eindruck, dass der geplante Merger positiv gesehen wird. Eine Abstimmung dazu wird es am 11. Mai aber nicht geben. In Deutschland erfolgt anstelle ein Aktientauschangebot; wir benötigen eine Annahmequote von 75 Prozent aller Aktionäre. Bei der LSE wird es dagegen nach britischem Recht eine außerordentliche Hauptversammlung geben, hier reicht die Zustimmung von 75 Prozent der anwesenden Aktionäre.
Sie sind überzeugt, dass es diesmal klappt. Warum und wie erklären Sie das den Aktionären?
Wir haben ein partnerschaftliches Verhältnis mit der LSE. Es geht um ein Geschäft unter Gleichen. Die beiden Firmen sind ähnlich groß. Sie ergänzen sich gut, sowohl im Blick auf die Regionen und die Produkte als auch die Kunden. Und: Der eine Partner sitzt in Frankfurt, also fest verankert in der Euro-Zone, der andere außerhalb der Euro-Zone. Eine gemeinsame Börse könnte die verschiedenen Räume mit einer Liquiditätsbrücke verbinden.
Am Finanzplatz Frankfurt ist man skeptisch. Vorbehalte gibt es auch in der Politik. Vor allem, weil als Sitz der Obergesellschaft und des Top-Managements London vorgesehen ist. Wo liegen die Vorteile für den Finanzplatz Frankfurt und Deutschland?
Bei der Zusammenführung der Gruppe Deutsche Börse und der LSE unter einem gemeinsamen Dach bleiben diese Gesellschaften sowie die betriebenen regulierten Handelsplätze bestehen, in Frankfurt also die Frankfurter Wertpapierbörse und die Derivate- und Termin-Börse Eurex und andere Geschäftsbereiche. Auch die bestehende Regulierung und die regulatorischen Zuständigkeiten ändern sich nicht. Wir verbinden Frankfurt als das europäische Stabilitätszentrum mit London als dem wichtigsten Kapitalumschlagplatz der Welt. Das hat Vorteile für beide Finanzplätze.
Sie wollen mit der Fusion 450 Millionen Euro einsparen. Das kostet Arbeitsplätze. In Frankfurt? In London?
Zunächst mal: Dieser Betrag soll nach drei Jahren in der zusammengeführten Gesellschaft erreicht werden. Dabei wird rund die Hälfte durch Effizienz-Gewinne im Technologie-Bereich erzielt. 30 Prozent sollen durch Verzicht auf Doppelfunktionen im Corporate Center und in Servicefunktionen erreicht werden. 20 Prozent werden aus organisatorischen Verbesserungen in den Geschäftsbereichen stammen. Zur Umsetzung dieser Ziele werden wir zeitgleich 600 Millionen Euro investieren.
Was wird nach der Fusion aus der Börse in Frankfurt? Was wird an die Themse verlagert? Was bleibt? Oder kommen Bereiche von London nach Frankfurt?
Wie gesagt: Wir werden keine Handelsplätze verlagern. Zudem spielt besonders die Nähe zur Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt auch in der fusionierten Gesellschaft eine wichtige Rolle.
Wo liegen die Vorteile der Fusion für die deutsche Volkswirtschaft und für deutsche Unternehmen? Und für die Aktionäre?
Sell-Side-Unternehmen auf der Verkäuferseite. . .
. . .also zum Beispiel Investmentbanken. . .
etwa können wir als Partner helfen, Kosten und Kapital und regulatorische Auflagen effektiv zu verwalten. Im Bereich Risikomanagement sind wir der richtige Partner, zum Beispiel bei den sich schnell ändernden Anforderungen von Händlern und Kunden beim Fixed Income. . .
dem Geschäft mit Anleihen. . .
Emittenten erhalten in der fusionierten Gesellschaft Zugang zu einem größeren Liquiditätspool und einer breiteren Investorenbasis. Damit entsteht ein ‚Ecosystem’ für Unternehmen in allen Entwicklungsphasen. So wird auch die Idee der Kapitalmarktunion der EU unterstützt. Und Buy-Side-Kunden. . .
Zum Beispiel Pensionsfonds. . .
profitieren von weltweiten Lösungen und Produkt-Innovationen durch die Kombination von Stoxx und FTSE Russel. . .
den wichtigsten Börsenindizes in Frankfurt und London. . .
im neuen Börsenkonzern. Insgesamt profitieren unsere Kunden also durch ein globales Serviceangebot in Europa, USA und Asien über verschiedene Asset-Klassen hinweg.
Wäre die Deutsche Börse alleine überlebensfähig? Oder würde ohne die Fusion die Übernahme drohen? Der Wettbewerb der Börsenbetreiber gilt als hart.
Die geplante Fusion ist im Kern ein Bekenntnis zur europäischen Einheit. Wenn sie nicht kommt, besteht die Gefahr, dass die europäische Kapitalmarktinfrastruktur nicht mehr konkurrenzfähig sein wird.
Erwarten Sie noch ein Gegenangebot für London aus den USA? Und wenn: Wie werden Sie reagieren?
Wenn London und Frankfurt zusammengehen, wird das neue Unternehmen sehr attraktiv sein für Kunden, Aktionäre und Mitarbeiter. Wir haben die jüngsten Bekanntmachungen der US-Börse ICE verfolgt. . .
sie will kein Angebot vorlegen. . .
. . .wissen aber auch, dass der Weg bis zum Closing, also dem Abschluss, noch lang ist.
Hilft Größe einem Börsenbetreiber? Groß-Unternehmen sind oft träge.
Als Kapitalmarktinfrastrukturanbieter ist Größe sehr wichtig. Zum einen können sie ihre Kostenbasis besser verteilen. Zum anderen zieht Liquidität meist weitere Handelsaktivität und damit neue Liquidität an. Zudem: Beim Unternehmenswert waren wir vor rund zehn Jahren die Nummer eins auf der Welt, heute sind wir die Nummer vier. Wollen wir nicht noch weiter zurückfallen, dann müssen wir größer werden. Die Fusion mit London ist dazu der richtige Schritt. Träge werden wir dadurch nicht. Im Gegenteil.
Sie werden Chef der neuen Obergesellschaft. Werden Sie von Frankfurt nach London ziehen? Sie haben lange dort gelebt. Und Ihr Stellvertreter wohnt schon lange in London. Frankfurt ist also offenbar weniger wichtig.
Frankfurt ist wichtig, London ist wichtig. Deswegen werden wir das neue Unternehmen mit zwei Hauptquartieren an beiden Finanzplätzen betreiben.
Der Brexit, also der Austritt Großbritanniens aus der EU, über den am 23. Juni abgestimmt wird, schwebt wie ein Damoklesschwert über dem Fusionsprojekt. Scheitert es beim Brexit? Schließlich hätte dann die neue Börse ihren Sitz nicht nur außerhalb der Eurozone, sondern außerhalb der EU.
Ich hoffe, dass sich das Vereinigte Königreich für den Verbleib in der EU entscheidet. Wir haben aber vorgesorgt und ein Referendum-Komitee mit je drei Vertretern der britischen und der deutschen Seite gegründet, welches sich intensiv mit dem Ergebnis beschäftigen wird und eventuelle Auswirkungen auf die fusionierte Gesellschaft untersucht. Dort werden dann Empfehlungen für das Management erarbeitet. In jedem Fall gilt aber: Ein Standort, nämlich Frankfurt, läge innerhalb der EU.
Wie bewertet man in London die Fusion? Skepsis, möglicherweise sogar Ablehnung? Schließlich gilt das Verhältnis zwischen Deutschen und Briten gerade bei solchen Vorhaben als nicht ganz problemlos.
Die LSE und die Deutsche Börse AG haben sich zu einem partnerschaftlichen Miteinander in einer fusionierten Gesellschaft entschlossen. Wie die Aktionäre das bewerten, werden wir nach der entsprechenden Abstimmung bei der LSE beziehungsweise dem Umtauschangebot der Deutsche Börse AG wissen.
Herr Kengeter, Sie stammen aus Baden-Württemberg, sind in Heilbronn geboren und zur Schule gegangen. In Ihrem Berufsleben waren und sind Sie global unterwegs. Welche Beziehung haben Sie heute noch zu Heilbronn und zu Baden-Württemberg?
Eine Gute! Ich bin gerne in der Region, und nicht nur wegen meiner Verwandten dort.

Das Gespräch führte Rolf Obertreis

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