Mit der MS Wilhelma erkundet das Cannstatt-Team von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten gemeinsam mit ausgewählten Gästen und Gewinnern den vergessenen Fluss. Foto: lichtgut/Achim Zweygarth

Am Freitag, 24. Juli, macht sich das Cannstatt-Team von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten auf, mit Lesern den Neckar zu erleben. Gäste stellen dabei direkt auf dem Wasser ihre Visionen für den Fluss vor – bei einer Schifffahrt mit dem Neckar-Käptn. Im Interview erzählt dieser, wie er zum Fluss steht, auf dem er seit 1997 arbeitet.

Bad Cannstatt - Wie könnte der Neckar besser erkundet werden als mit einer Schifffahrt? Drei Stunden schippern Leser und Gäste am Freitagabend, 24. Juli, mit dem Cannstatt-Team von Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten über den Fluss und erfahren an einigen Stellen, welche Ideen und Visionen es für den Fluss oder die Uferabschnitte gibt. Die Schifffahrt ist der Auftakt der Veranstaltungsreihe „ Neckarafantasien“. Schwimmender Untersatz ist die „MS Wilhelma“ aus der Flotte des Neckar-Käpt’n. Vermutlich kennt keiner den Neckar besser als der Kapitän Wolfgang Thie selbst. Im Interview – geführt in seinem schwimmenden Büro – erzählt der 59-Jährige, wie er zu dem Fluss steht, auf und an dem er seit 1997 arbeitet.
Herr Thie, wann haben Sie als gebürtiger Hamburger den Neckar kennengelernt?
Kapitän Wolfgang Thie Foto: Steinert
Zum ersten Mal war ich mit drei Jahren hier – auf dem Frachtschiff meiner Eltern, die Kohle von Rotterdam zum Kraftwerk in Gaisburg gefahren haben. Ich bin in der Binnenschifffahrt aufgewachsen. Und mit fünf Jahren bin ich schon im Neckar geschwommen. Er war damals sehr schmutzig, gebadet habe ich trotzdem.
Sie sagen, damals war er schmutzig. Auch heute habe das Wasser nicht die nötige Qualität, um darin zu baden, sagen Experten.
Der Neckar hat heute Güteklasse zwei, er hat sich sehr gut entwickelt und ist ein absolut sauberer Fluss. Er wird auch der Wilde genannt wegen der starken Strömung. Daher kann ihn die Stadt einfach nicht zum Baden freigeben. An Stellen wie etwa dem Sicherheitshafen wäre das Baden allerdings kein Problem.
Glauben Sie, dass wir irgendwann erlaubterweise im Neckar baden werden?
Wenn die EU zerbricht und mit ihr die verbürokratisierten Wasserrichtlinien, dann bekommen wir hier vielleicht einen Badestrand.
Bedauern Ihre Fahrgäste, dass der Neckar zu wenig erlebbar ist und die Stadt zu wenig tut?
Stuttgart liegt nicht am Neckar – so ist das in den Köpfen einfach. Die Stuttgarter haben mit dem Neckar immer noch ein Problem, sie kennen ihn nicht. Wenn sie an Bord sind, höre ich dann meist, dass es ganz toll sei. Die Stadt hat entgegen mancher Vorwürfe schon viel getan, sei es die Renaturierung einiger Uferabschnitte, der Spielplatz Neckarine oder das aufgebrochene Neckarufer unter der Eisenbahnhochbrücke in Bad Cannstatt. Trotzdem wäre mit einfachen Mitteln schnell noch mehr getan. Das Ufer müsste mehr freigeschnitten werden. Und die graue Betonwand vor der Sektkellerei Rilling könnte man einfach bemalen. Es gibt so viele Graffiti-Künstler – die könnten etwa die historische Silhouette von Bad Cannstatt aufsprühen.
b>Party-Fahrten und Firmen-Events sind der Renner
Durch den Bau des Rosensteintunnels hat sich das Umfeld ihrer Anlegestelle in eine riesige Baustelle verwandelt, mit dem Bau der neuen Eisenbahnbrücke im Projekt Stuttgart 21 wird es weitergehen. Geht es nach Ihnen: Wie würde es nach dem Abschluss der Bauvorhaben hier aussehen?
Was wir brauchen, ist ein behindertengerechter Abgang zumindest an einer der Anlegestellen. Ich kann mir vorstellen, dass das im Rahmen der Wiederinstandsetzung nach dem Bau der neuen Brücke gleich mit erledigt werden kann. Das wäre eine elegante Sache. Wenn die Baucontainer an der Neckartalstraße wegkommen und die neuen Stadtbahnhaltestelle zwischen der Wilhelma und uns liegt, werden wir oberhalb der Anlegestelle einen verkehrsberuhigten Bereich haben, der auch wieder zum Flanieren einlädt. Das ist im Moment leider nicht der Fall.
Beeinflusst die Baustelle ihr Geschäft stark?
Vor der Baustelle hatten wir mehr Publikumsverkehr. Ich schätze, wir haben 20 Prozent dieser Impulsgäste eingebüßt. Ich habe mich aber noch nicht einen Tag über die Baustelle geärgert, wenn ich auch Sorgen und Befürchtungen hatte und habe. Die Zusammenarbeit mit der Stadt ist aber gut, wir werden mit einbezogen. Wir sind nicht begeistert, aber zufrieden.
Lohnt sich die Neckar-Schifffahrt denn überhaupt noch?
Das Interesse der Fahrgäste ist da, vor allem für Party-Fahrten oder Firmen-Events. Dennoch haben wir in den vergangenen zwei Jahren keinen Überschuss erwirtschaftet. Das lag zum einen am schlechten Wetter im vergangenen Sommer. Zudem mussten wir auf das Mindestlohngesetz reagieren. Wir haben dieses Jahr drei Leute weniger beschäftigt, fahren ein Schiff weniger im Regeleinsatz und haben einige Touren gestrichen. Dennoch haben wir noch viele Ideen für die Zukunft.
Wie sehen die denn aus?
Wir wollen ein neues Schiff bauen, ein größeres, damit wir auch Gesellschaften von 400 Personen auf einem Deck bedienen können. Das wird häufig von Firmen angefragt. Es soll für den Event-Bereich schick und anders ausgestattet sein. Ein weiterer Traum ist es, an Bord dieses Schiffes eine Mikro-Brauerei einzurichten – unser Sohn ist angehender Diplom-Braumeister. Bier zwischen Weinbergen zu brauen, wäre doch eine echte Nische. So ein Schiff kostet allerdings dreineinhalb Millionen Euro, dafür suchen wir Partner, die quasi als stille Kapitäne mit einsteigen. Ebenso habe ich fertige Pläne in der Schublade für ein Schiffhotel – ein Bootel – , ein Parkhausschiff oder eines mit Schwimmbecken. Dann könnte man doch am Neckar baden.
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