Rothaus-Brauerei-Chef Christian Rasch im Interview „Der Biermarkt ist härter umkämpft denn je“

Von Achim Wörner 

Domizil auf 1000 Meter Höhe im Schwarzwald: die Rothaus-Brauerei Foto: Rothaus AG
Domizil auf 1000 Meter Höhe im Schwarzwald: die Rothaus-Brauerei Foto: Rothaus AG

Nicht nur in Deutschland wird immer weniger Gerstensaft getrunken, der Preisdruck in der Branche ist enorm: Christian Rasch, der Chef der Rothaus AG, spricht über die Strategie des Staatsbetriebes, über den Schwarzwald – und die Bedeutung des Craft-Bier-Geschäftes.

Rothaus - Die Rothaus AG ist in doppelter Hinsicht eine der besonderen Brauereien im Südwesten: erstens wegen ihrer Lage auf 1000 Meter Höhe und zweitens weil sie sich in Händen des Landes Baden-Württemberg befindet. Der Alleinvorstand Christian Rasch ist nach einer Reihe von Politikern der erste Mann vom Fach an der Spitze des Staatsunternehmens, das sich auch stark im Tourismus engagiert: „Wenn der Schwarzwald ein gutes Image genießt, geht es auch uns gut“, sagt Rasch.

Herr Rasch, Sie arbeiten hier im Hochschwarzwald, quasi mitten in der Natur. Sehnen Sie sich ab und an nach Stuttgart, wo Sie zuvor lange Jahre tätig waren?
Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Ich genieße die herrliche Luft hier, die Natur, zumal ich als passionierter Mountainbiker und Crossläufer meinen Hobbys vor der Haustür nachgehen kann. Aber ich räume ein: Wenn ich Termine in Stuttgart habe, fährt meine Frau gerne mal mit.
Mönche haben die Brauerei vor 226 Jahren am heutigen Standort gegründet. Würden Sie hier im Niemandsland wieder bauen?
Logistisch betrachtet sicher nicht. Da wäre ein Gelände direkt an der Autobahn viel günstiger. Denn wir fahren alle Rohstoffe, Hopfen und Malz, Gerste und Weizen über kurvige Straßen auf 1000 Meter Höhe – und später das fertige Bier wieder ins Tal. Andererseits brauen wir nach wie vor mit Wasser aus eigenen Quellen, die einst den Ausschlag für den Standort gegeben haben. Und das ist von sehr hohem Wert . . .
. . . weil sich damit gut werben lässt?
Nicht nur, schließlich ist hervorragendes, frisches Wasser als Körper des Bieres von großer Bedeutung. Aber Sie haben schon Recht: Wenn wir Rothaus in der Vermarktung mit intakter Heimat und gesunder Natur in Verbindung bringen, ist das – anders als bei manch anderen – kein Fake, kein Pappmaschee, sondern echt.
Sie vermarkten nicht nur Gerstensaft, sondern das Rothauser Land insgesamt als ein touristisches Highlight. Warum?
Es gibt eine ganz klare, gesunde und schöne Abhängigkeit zwischen unserem Unternehmen und dem Hochschwarzwald. Wenn die Gegend hier ein gutes Image genießt, geht es uns gut. Wenn das Interesse daran im Wettbewerb mit dem Allgäu, Tirol oder anderen Destinationen nachließe, würden wir das
Christian Rasch möchte, dass die Brauerei Rothaus weiter Bodenhaftung bewahrt. Foto: Rothaus
spüren. Das ist der Grund dafür, dass wir uns selbst touristisch engagieren. Wir haben in unserer Brauerei bei Führungen und in unserer Erlebniswelt mit Übernachtungsmöglichkeit mittlerweile an die 200 000 Besucher im Jahr. Da kann man schon sagen, dass wir im unmittelbaren Umfeld des Schluchsees und des Feldbergs selbst ein Leuchtturmprojekt sind und der Region gut tun.
Das scheint als Argument aber nicht ausreichend, dass sich das Land Baden-Württemberg nach wie vor als Eigentümer engagiert. Ist diese Beteiligung nicht überholt?
Ich denke, es gibt gute Gründe dafür, dass ein Verkauf der Brauerei eigentlich nie zur Debatte stand. Denn erstens sind wir in einem sehr strukturschwachen Gebiet mit wenig Industrie ein wichtiger Arbeitgeber. Neben den rund 320 Mitarbeitern, die wir und unser Gasthof unmittelbar beschäftigen, müssen Sie ja auch noch die vielen Aufträge und Investitionen sehen, die wir vergeben oder tätigen, wie jetzt beim Bau unserer zehn Millionen Euro teuren Flaschensortieranlage – und an denen insgesamt rund 1000 Arbeitsplätze hängen. Und wenn, zweitens, das Ganze noch jedes Jahr eine Dividende abwirft – warum sollte das Land sich da zurückziehen? Ich denke, dass sich diese Frage von selbst beantwortet.
Sie sind als Vorstand ein Bier-Fachmann, während Ihre Vorgänger meistenteils Politiker waren. Was machen Sie anders?
Das müssen Sie eigentlich meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fragen. Sicher bin ich mir, dass auch die Politiker unter meinen Vorgängern immer rasch in die Unternehmerrolle geschlüpft sind, so wie das als Chef einer Aktiengesellschaft zwingend notwendig ist. Richtig ist: der Biermarkt ist härter denn je. Die Branche kämpft seit 20 Jahren mit einem stetigen Rückgang des Pro-Kopf-Verbrauchs und einem Preisverfall am Markt. Insofern sind die Herausforderungen immer größer geworden.
Und dennoch halten Sie seit 1972 unverändert an dem stilisierten, eher altbacken wirkenden Schwarzwald-Maidle Biergit als Markenzeichen fest. Warum?
Biergit Kraft, wie der Volksmund sie nennt, ist eine Kultfigur. Sie hat einen Retro-Charme, steht aber vor allem für die Kontinuität unseres Hauses. Da koppeln wir uns ganz bewusst von vielen Wettbewerbern ab, die ständig mit neuen Auftritten und veränderten Produkten versuchen, einen Massengeschmack zu treffen. Wir brauen unser Bier seit mehr als 100 Jahren nach der gleichen Rezeptur und nach dem gleichen Verfahren. Damit werden wir nicht Absatz-Weltmeister – aber das wollen wir auch gar nicht. Wir wollen uns weiter treu bleiben und die Bodenhaftung wahren.
Beim Bierverkauf läuft heute viel über den Preis. Rothaus ist vergleichsweise teuer.
Die Marktmacht der Konzerne ist enorm. Und der Preiskampf in der Branche ist gnadenlos. Mittlerweile werden rund 70 Prozent aller Biere über Rabattaktionen und Zugaben verkauft. Nur: Dieses Spiel machen wir ganz konsequent nicht mit. Wir setzen auf Qualität bei den Zutaten, wo wir beste Ware aus der Region verarbeiten. Das schätzen unsere Kunden, und sie sind bereit, dafür auch etwas mehr zu bezahlen.

Sie werden von zwei Seiten in die Zange genommen: von den Großen der Branche mit preiswerten Angeboten – und von kleinen, feinen Craft-Beer-Brauereien mit individuellen Produkten. Wird Ihnen da nicht bange?
Ob Sie’s glauben oder nicht: Ich bin froh und glücklich, dass es diesen Trend zu den kleinen Hausbrauereien gibt. Die Craftbrewer kommen ja ursprünglich aus den USA, und diese Brauereien sind dort etwa so groß wie wir. Das Positive an dieser Entwicklung ist, dass das Bier plötzlich wieder einen ganz anderen Stellenwert bekommen hat. Es ist keine Ramschware mehr, sondern ein liebevoll gemachtes Produkt, über dessen Rezepturen, über dessen Zutaten vom Aromahopfen bis hin zu den Röstaromen des Gerstenmalzes, über dessen Geschmack gesprochen wird. Und das tut uns ungemein gut, weil wir uns in diesem Sinne auch als eine Craft-Brauerei verstehen: bei uns im Haus spielt das Handwerk eine große Rolle. Insofern hoffe ich, dass die Craft-Brauereien weiterhin ein Thema bleiben.
Apropos, bekommen Ihre Mitarbeiter eigentlich auch einen sogenannten Haustrunk als Teil der Entlohnung?
Das ist ja sogar tariflich ganz klar geregelt und für unsere Mitarbeiter äußerst wichtig. Dabei geht es nicht um die Menge, sondern darum, den Stolz auf das Produkt nach außen zu zeigen.
Auch wenn wir über die unbestreitbaren Gefahren des Alkohols reden?
Diese darf man nicht verharmlosen. Denn natürlich ist es in verschiedenerlei Hinsicht riskant, im Übermaß Alkohol zu trinken. Deshalb sind wir beispielsweise auch bei der bundesweiten Initiative „Don’t drink an drive“ mit dabei. Aber ich möchte doch auch betonen, dass bei Rothaus das Bier als Kulturgut und echtes Genussmittel im Vordergrund steht, was einen verträglichen, bewussten Konsum einschließt. Wir beteiligen uns nicht an Rabattaktionen. Wir haben bei Großveranstaltungen wie Fußball-Welt- oder Europameisterschaften keinen signifikant höheren Ausstoß. Und in unserer Werbung verführen wir niemanden aktiv zu höherem Alkoholkonsum.
Wenn die Legende stimmt, haben die Benediktiner Rothaus ja sogar gegründet, um schlimmere Alkoholexzesse zu vermeiden.
Fürstabt Martin Gerber hatte damals im 18. Jahrhundert im Sinn, die Schwarzwälder vom Trinken des selbstgebrauten Schnapses abzuhalten und ihnen dafür ein „gesundes“ Getränk zu offerieren. Das ist übrigens keine Legende, sondern verbürgt.

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