So mancher Mitarbeiter fühlt sich überrumpelt, sagt Daimler-Betriebsratschef Michael Brecht. Foto: Daimler

Gesprächsstoff vor der Daimler-Jahresbilanz 2020 an diesem Donnerstag: Betriebsratschef Michael Brecht fordert, die Kürzung von Arbeitszeit und Lohn zurückzunehmen. Und die Truck-Mitarbeiter sollen bei den Prämien auch nach der Trennung von den Mercedes-Gewinnen profitieren. Das ist noch nicht alles.

Stuttgart - Michael Brecht muss derzeit viel Überzeugungsarbeit leisten. Die überraschende Nachricht, dass Daimler das Geschäft mit Lastwagen und Bussen vom Autogeschäft abspalten will, hat Kritik und Verunsicherung in den Nutzfahrzeug-Werken ausgelöst. Der Daimler-Betriebsratschef versucht, die Gemüter zu beruhigen, indem er unter anderem versichert, dass keine Abstriche bei der Erfolgsbeteiligung nach der Abspaltung von Daimler Truck drohen. Mit Investitionen in Brennstoffzellen- und Batterietechnik sollen die Nutzfahrzeug-Standorte zudem für die Zeit nach dem Diesel aufgerüstet werden.

 

Herr Brecht, im vergangenen Sommer wackelte die im Rahmen des letzten großen Umbaus von Daimler vereinbarte Beschäftigungssicherung bis Ende 2029. Um sie zu retten, arbeiten jetzt mehr als 70 000 Beschäftigte kürzer und bekommen weniger Geld. Im letzten Jahr war der Gewinn höher als erwartet. Werden die Kürzungen jetzt wieder zurückgenommen?

Wir wollen natürlich, dass die Kürzungen möglichst bald wieder zurückgenommen werden, und haben dem Vorstand schon gesagt, dass wir schnellstmöglich darüber verhandeln wollen. Die Auftragsbücher füllen sich wieder, hier und da gibt es schon wieder Überstunden.

Gilt dies auch für die Lkw-Produktion?

Wir arbeiten in Wörth schon an einigen Samstagen. Die Auftragseingänge sind bei den Trucks sehr gut und auf dem höchsten Stand seit einem Jahr. Nicht nur der amerikanische Markt hat deutlich angezogen, auch Europa kommt seit dem Spätjahr wieder zurück. Ohne die Coronabeschränkungen, die unter anderem dazu führen, dass wir die Bänder entzerren müssen, könnten wir angesichts dieser Bestellungen heute schon deutlich mehr produzieren.

Wir erhalten Briefe, in denen Leser sich beschweren, dass Daimler Milliardengewinne macht, zu denen auch beigetragen hat, dass Kurzarbeit gefahren wurde und die Sozialkassen angezapft werden. Die Leser finden es ungerecht, da zugleich viele Selbstständige und Kleinunternehmen keine oder kaum Hilfe vom Staat erhalten. Verstehen Sie die Kritik?

Ich verstehe natürlich den Frust, wenn jemand in Not gerät, weil er keine Hilfe vom Staat bekommt, oder dass jemand sauer ist, wenn die zugesagte Hilfe nicht bei ihm ankommt. Es regt mich aber auf, wenn uns solche Vorwürfe gemacht werden. Wir greifen hier doch nichts ungerecht ab. Die Kollegen erhalten in der Kurzarbeit Leistungen aus einer Versicherung, in die Arbeitgeber und Arbeitnehmer einzahlen. In den letzten zwei oder drei Jahrzehnten haben wir wahrscheinlich viele Milliarden in diese Versicherung – aus der ja auch die Arbeitslosengelder bezahlt werden – eingezahlt und nur zwei- oder dreimal Leistungen in Anspruch genommen.

Frust gibt es auch bei den Beschäftigten von Daimler Truck, wo ein Sparprogramm das nächste jagt. Jetzt sind sie von der Nachricht überrumpelt worden, dass sie bald nicht mehr zum Daimler-Konzern gehören sollen.

Manche Kollegen fühlen sich natürlich überrumpelt. Wir konnten die Kollegen aber nicht früher informieren, weil die strengen Regeln des Kapitalmarkts dies verbieten. Erst nach der Ad-hoc-Meldung konnten wir den Dialog mit den Kollegen beginnen. Ich bin in dieser Woche ständig unterwegs, um die Pläne zu erläutern. Am Montag habe ich mit den Betriebsratsvorsitzenden der Nutzfahrzeugwerke diskutiert, gerade komme ich aus einem Call mit mehr als 1200 Vertrauensleuten aus den Truck-Werken. Die Botschaft war: Daimler Truck ist kein Sanierungsfall! Viele empfinden eine große Unsicherheit, weil sie den geplanten Umbau noch nicht richtig einordnen können. Es gibt auch sehr kritische Stimmen. Ich spüre, dass die Abspaltung viele Emotionen auslöst. Ich komme ja selbst aus dem kleinen Murgtal, wo jeder jeden kennt und das Benz-Werk in Gaggenau für alle extrem wichtig ist.

Der Vorstand hat zugesagt, für den künftigen Lkw- und Busbauer Daimler Truck einen Innovationsfonds für neue Produkte und Technologien mit 1,5 Milliarden Euro zu schaffen. Wie profitieren die Mitarbeiter konkret davon?

Wir werden für die einzelnen Standorte Vorschläge für neue Projekte entwickeln, mit denen zusätzliche Beschäftigung geschaffen und der Wandel hin zu den neuen Antriebstechnologien unterstützt werden kann.

Martin Daum, Chef von Daimler Truck, hat diesen Innovationsfonds als Cash-Reserve bezeichnet, eine Art Geldtopf, mit dem man bei günstigen Investitionsgelegenheiten schnell zuschlagen könne. Werden damit amerikanische Start-ups gekauft, die eine clevere Software für das autonome Fahren mit Lastwagen entwickelt haben? Das würde in Wörth und den anderen deutschen Fabriken keine zusätzliche Arbeit bringen.

Das Geld ist nicht für irgendwelche Zukäufe da. Die Vorschläge dürften eher von der Arbeitnehmerseite kommen. Es geht darum, welche Investitionen in unsere Standorte bei der Elektrifizierung oder den anderen Transformationsthemen für uns wichtig sind. Es wird kein Blödsinn damit gemacht. Das Geld wird unternehmerisch und beschäftigungspolitisch sinnvoll eingesetzt. Zusätzlich gibt es den Transformationsfonds, aus dem 250 Millionen Euro der Daimler Truck AG zukommen.

Worum soll es dabei konkret gehen?

Im Nutzfahrzeugbereich sind wir bei der Elektrifizierung des Antriebsstrangs noch nicht sehr weit gekommen. Wir sind zwar bei der Brennstoffzelle gut unterwegs und haben auch schon eine elektrifizierte Achse im Markt, aber so ein richtiges EATS, also ein komplettes elektrifiziertes Antriebssystem, haben wir noch nicht. Wir haben uns auch noch nicht um die Leistungselektronik gekümmert und haben auch keine eigenen Elektromotoren. In den nächsten zehn Jahren haben wir an unseren Standorten noch einiges zu tun.

Was meinen Sie damit?

Jeder Standort soll eine eigene Identität bekommen. Für Wörth ist die Frage einfach zu beantworten: In Wörth müssen alle unsere elektrifizierten Trucks montiert werden. Wir müssen jetzt klären, welche Technologiezentren an unseren drei Aggregate-Standorten Mannheim, Gaggenau und Kassel aufgebaut werden. Da geht es um die Brennstoffzelle, die E-Achse, die Batterie und vieles mehr.

Der Brennstoffzellenantrieb wird gemeinsam mit Volvo Truck entwickelt. Volvo könnte fordern, dass die Serienproduktion in Schweden angesiedelt wird. Das Daimler-Management hat gesagt, dass bei der Standortwahl die Verfügbarkeit von Grundstücken und die Kosten eine große Rolle spielen werden. Dies spricht nicht gerade für die deutschen Daimler-Standorte.

Für mich ist klar: Der Brennstoffzellenantrieb muss an einem unserer Standorte produziert werden. Da gibt es gar keinen Zweifel.

Bisher gab es die Möglichkeit, dass Mitarbeiter vom Nutzfahrzeugbereich in die Autoproduktion wechseln. Nach der Abspaltung von Daimler Truck fehlt der Verbund. Dann müssen sich die Mitarbeiter bei den Bewerbungen anstellen wie jeder andere Stellensuchende.

Vom Grundsatz her haben Sie recht. Wir sind uns mit dem Vorstand aber einig, dass weiterhin ein einfacher Wechsel zwischen den Gesellschaften möglich sein muss, wie wir ihn auch schon in Krisenzeiten genutzt haben, wenn es beispielsweise einen konjunkturellen Abschwung bei den Lastwagen gab und die Autokonjunktur gut lief. Diesen Personalaustausch wollen wir aufrechterhalten. Das müssen wir in den nächsten Wochen mit dem Vorstand regeln.

Änderungen wird es auch bei der Erfolgsbeteiligung geben müssen. Wenn Daimler Truck abgespalten und an der Börse ist, werden die Beschäftigten im Lastwagen- und Busbereich kleinere Brötchen backen müssen. Dann zählen nur die Gewinne im Nutzfahrzeugbereich, nicht jedoch die hohen Profite von Mercedes-Benz.

Wir haben vor einigen Jahren im Rahmen des ‚Projekts Zukunft‘ vereinbart, dass die Beschäftigten bei Daimler Truck und bei Mercedes-Benz mindestens bis 2025 die gleiche Erfolgsbeteiligung erhalten. Das gilt weiterhin. Für das Jahr 2021 ist es ohnehin kein Problem, weil Daimler Truck in diesem Jahr noch zum Daimler-Konzern gehört.

Ist das rechtlich zulässig? Es sind später doch zwei getrennte Unternehmen, die nicht zu einem Konzern gehören. Mercedes-Benz soll nur eine Minderheit an Daimler Truck halten.

Wir müssen natürlich schauen, wie wir das organisieren. Bisher ist die Höhe der Ergebnisbeteiligung immer zur Jahrespressekonferenz im Februar bekannt gegeben worden. Die Gelder dafür wurden schon im Vorjahr zurückgestellt. Dies ist künftig wahrscheinlich so nicht mehr möglich, weil sich die beiden Unternehmen dann nicht gegenseitig in die Bilanzen schauen dürfen. Wir werden aber einen Weg finden, wie wir eine gute Ergebnisbeteiligung mit gleichen Beträgen bis mindestens 2025 hinbekommen.

Änderungen muss es sicher auch bei den Jahreswagen geben. Wenn es zwei getrennte Unternehmen gibt, können die Mitarbeiter von Daimler Truck nicht alle paar Jahre einen neuen Mercedes zu Vorzugskonditionen kaufen.

Diese Frage treibt viele Kollegen um, aber ich kann Sie beruhigen. Wegen den Jahreswagen bekomme ich keinen Ärger, glauben Sie mir. Dieses Thema beschäftigt mich am wenigsten. Wir werden eine Lösung finden, dass die Kolleginnen und Kollegen weiterhin einen Jahreswagen fahren können.