André Herrmann verreiste als Erwachsener noch mal mit Mutter und Vater, die in der Ferne einiges auf den Kopf stellten. Im Gespräch gibt er nicht durchweg ernst gemeinte Tipps für Nachahmer
Wenn kleine Kinder Ferien machen, dann meistens in Begleitung der Erziehungsberechtigten. Irgendwann ist damit Schluss. Sohn oder Tochter werden erwachsen und gehen ihrer eigenen Wege. Eigentlich schade, denn so ein Familienurlaub mit volljährigen Beteiligten kann ein besonderes Erlebnis sein, wie André Herrmann feststellte.
Herr Herrmann, würden Sie das Konzept generationsübergreifender Ferien jedem empfehlen?
Prinzipiell auf jeden Fall, würde ich sagen. Aber nur, wenn man sich vorher nicht komplett hasst.
Warum haben Sie sich das angetan: Mitleid, Nostalgie oder um zu beweisen, dass man selbst nun überlegen ist?
Letztes auf keinen Fall. Ich war eben mal in der Wüstenstadt Petra, meine Eltern haben die Fotos aus Jordanien gesehen und wollten da auch hin. Aber sie könnten ja nicht mehr, weil sie seien ja so gebrechlich. Dann sagte ich: Ihr seid überhaupt nicht gebrechlich, und ich organisiere alles für euch. Dann haben sie sich aber nicht alleine getraut. Also sollte ich mit, und sie wollten alles bezahlen. Auf gar keinen Fall – war meine erste Reaktion. Dann haben sie mich aber so lange belabert, bis ich dachte: Also gut. Wie schlimm kann’s denn sein? Und es war ja auch nicht schlimm. Man ist es halt nicht mehr gewohnt, mit den eigenen Eltern in den Urlaub zu fahren.
Hatten Sie Sorge, automatisch in alte Rollenmuster zu fallen?
Nö. Meine Eltern haben kapiert, dass wir alle drei jetzt erwachsen sind. Ich kam mir eher vor wie ein Reiseleiter. Oder wie ein Schäferhund, der sich ständig darum sorgt, dass keiner zu weit wegläuft.
Es ging gleich gut los: Die Aufregung vor der ersten Flugreise der Oldies war so groß, dass Mutter und Vater fünf Stunden vorher am Flughafen waren. Dafür packten sie versehentlich die Pässe in einen Koffer und merkten das gerade noch bei der Gepäckabgabe am Flughafen. Wie sind Sie da gelassen geblieben?
Erst mal überhaupt nicht. Dann fing ich an, darüber zu twittern, und bekam viele aufmunternde Reaktionen. Die Leute schrieben: Bei uns wäre das genauso. Also merkte ich, wir sind nicht die einzigen Verrückten. Meine Eltern haben das ja nicht absichtlich gemacht.
Na ja, Ihr Vater kletterte wie Hilfs-Spider-Man über den Balkon ins Nachbarzimmer, um eine Kaffeemaschine zu holen. Denn die in seinem Zimmer war kaputt. Ich würde von Absicht sprechen.
Gut, das war Absicht.
Und ich dachte beim Lesen: Das kann doch alles nicht wahr sein. Das hat sich der Autor ausgedacht. Haben Sie?
Man fragt doch auch nicht den Koch nach dem Rezept.
So, so. Sprechen Ihre Eltern eigentlich noch mit Ihnen?
Auf jeden Fall.
Auch, nachdem Sie sämtliche Peinlichkeiten Ihrer gemeinsamen Reise in der Öffentlichkeit ausgewalzt und – sagen wir mal – etwas garniert haben?
Die fühlen sich da nicht angesprochen und sagen immer: So sind wir ja gar nicht. Wahrscheinlich aus Selbstschutz.
Sollte man nach dem Urlaub mit den Eltern noch eine weitere Woche Wellness alleine einplanen?
Auf jeden Fall! Runterkommen am Ende ist sehr gut. Sonst habe ich den Tipp, immer miteinander zu reden und sich auszutauschen, was jeder erwartet. Das sind oft unterschiedliche Sachen. Ich hatte während der Reise viel mehr Programm vor, aber da waren meine Eltern völlig überfordert. Die waren mit der Hälfte der Aktivitäten schon happy und fanden es total toll, einfach mal zu sitzen und zu gucken. Also haben wir uns zwischendurch immer wieder abgestimmt. Pause oder Besichtigung?
Haben Sie sonst noch Tipps für erwachsene Kinder, die mit ihren Eltern verreisen möchten oder müssen?
Niemals einer Person alle Pässe und das ganze Geld geben. Sonst hat man ein großes Problem, wenn mal was geklaut wird oder jemand verloren geht.
Bei Ihnen haben sich die Rollen umgedreht. Sie mussten Ihre übermütig platschenden Eltern aus dem Toten Meer pfeifen und daran erinnern, dass sie sich mit Sonnenschutz eincremen sollen. Rührend!
Das stimmt, ich saß und dachte, ach wie nett, sie freuen sich so.
Der Titel Ihres Buches heißt: „Schön war’s, aber nicht noch mal“. Wirklich nicht?
Im Prinzip habe ich nichts dagegen, aber wir wollen es auch nicht unnötig forcieren.
Ihr Vater wollte ja gerne zur Kirschblüte nach Japan . . .
Die ist dieses Jahr schon durch.
Wie bringen Sie Ihre zukünftigen Kinder in 30 Jahren dazu, mit Ihnen zu verreisen?
Ich werde keine eigenen Kinder haben. Aber ich habe einen Neffen. Noch findet der mich cool. Mal sehen, ob sich das ändert. Ich versuche, weiterhin ein gutes Verhältnis zu ihm zu haben, sodass er mich irgendwann mal zähneknirschend mitnimmt. Vielleicht macht er es sogar gerne. Ich habe es bei meinen Eltern ja auch gerne gemacht.
Zur Person
André Herrmann
1986 geboren, wuchs in Dessau (Sachsen-Anhalt) auf und studierte Politikwissenschaften in Leipzig, wo er nach Stationen in Berlin und Brüssel inzwischen auch wieder lebt. Er ist Comedian und Autor.
Twitter
Auf einer Reise mit Mama und Papa nach Israel und Jordanien erfand er 2022 den Hashtag #UmdE (Urlaub mit den Eltern) und ging viral. Das Buch „Schön war’s, aber nicht noch mal“ ist im Rowohlt-Verlag erschienen und kostet 13 Euro.