Kolleginnen, die sich gut verstehen: Charlize Theron (links) und Emily Blunt Foto: dpa

Von wegen Zickenkrieg. Im Interview räumen die Filmstars Charlize Theron und Emily Blunt mit dem Mythos auf, Hollywood-Schauspielerinnen würden sich am liebsten die Augen auskratzen. Auch sonst setzen die Südafrikanerin und die Britin auf feministische Frauenpower. Auch bei der Erziehung der Söhne.

Hamburg - Auf den ersten Blick ist „The Huntsman & the Ice Queen“ bloß ein typischer Hollywoodfilm, die Fortsetzung eines Fantasy-Spektakels, auf die eigentlich keiner gewartet hat. Doch auf den zweiten Blick erkennt man Ungewöhnliches: denn neben Chris Hemsworth sind mit Charlize Theron, Emily Blunt und Jessica Chastain gleich drei prominente Schauspielerinnen in den Hauptrollen zu sehen. Grund genug, zwei von ihnen im Hamburger Park Hyatt Hotel zum Interview zu treffen und über den Status von Frauen in Hollywood zu sprechen. Ein Thema, zu dem die Britin Blunt („Der Teufel trägt Prada“), die gerade ihr zweites Kind erwartet, und die Südafrikanerin Theron (Oscar-prämiert für „Monster“), Mutter zweier Adoptivkinder, viel zu sagen haben.

Miss Blunt, Miss Theron, Ihr neuer Film „The Huntsman & the Ice Queen“ hat insgesamt drei weibliche und einen männlichen Protagonisten. Ein für Hollywood höchst ungewöhnliches Verhältnis, oder?

Blunt: Ohne Frage. Das machte dieses Projekt so unglaublich speziell. Als man mir die Rolle anbot, wusste ich schon, dass Charlize mit an Bord ist und hörte, dass Jessica Chastain interessiert sei. Diese beiden Kolleginnen waren für mich eigentlich Grund genug zuzusagen. Denn drei große Frauenrollen – und noch dazu starke, eigenwillige – sind die absolute Ausnahme. Ich hatte selten so viel Freude an einem Dreh.

Aber hat es denn auf die eigentliche Arbeit spürbare Auswirkungen, wenn mehr Frauen im Ensemble sind?

Theron: Ja, es macht tatsächlich einen Unterschied. Sei es auch nur, weil wir uns alle so darüber gefreut haben. Als Schauspielerin ist man es gewohnt, zumindest vor der Kamera die einzige Frau unter Männern zu sein. Wenn das plötzlich mal anders ist, fällt es sofort auf. Die Stimmung und die Energie waren anders. Nicht besser oder schlechter, aber eben anders. Ganz zu schweigen davon, dass mit Emily und Jessica die beiden anderen Frauen auch noch absolute Ausnahmeschauspielerinnen waren. Da freut man sich morgens natürlich doppelt auf die Arbeit.

Also ist es eben doch nicht so, wie immer behauptet wird? Dass es keinen Unterschied macht, ob man es als Schauspieler mit einem weiblichen oder männlichen Filmemacher zu tun hat?

Theron: Moment, da darf man nicht zwei Dinge miteinander vermischen. Was das Erzählen einer Geschichte angeht, macht es tatsächlich keinen Unterschied. Wer so argumentiert, behauptet dann auch, dass Regisseurinnen nur Frauen-Geschichten inszenieren können. Das sind genau die Schubladen, mit denen Frauen im Filmgeschäft kleingehalten werden.

Blunt: Dabei gibt es genug Gegenbeispiele. Denken Sie an „The Hurt Locker – Tödliches Kommando“ von Kathryn Bigelow. Viel maskuliner kann ein Film kaum sein.

Theron: Trotzdem ist es erfreulich, am Set einer anderen Frau zu begegnen. Oder sogar mehreren. Gut möglich, dass ich das nicht sagen würde, wenn es die Regel wäre. Aber noch fällt es mir jedes Mal auf. Nicht dass ich beim Spielen ständig über das Geschlecht meiner Mitspieler nachdenken würde. Allerdings fällt mir eben doch immer mal wieder auf, dass ich meine Kolleginnen vermisse. Dass wir uns meisten eher von Preisverleihungen kennen als durch die gemeinsame Arbeit, ist doch schade.

Haben Sie es zu Beginn Ihrer Karriere manchmal als schwierig empfunden, dass Filmsets von Männern dominiert werden?

Blunt: Das würde ich so nicht unterschreiben. Gerade am Anfang habe ich es einfach nur genossen, überhaupt zu arbeiten, da habe ich mir über die Umstände nicht den Kopf zerbrochen. Solche Missverhältnisse fallen einem erst auf, wenn man etwas älter und erfolgreicher wird, schon allein, weil man den Luxus hat, aus verschiedenen Projekten auszuwählen und genau hinzusehen, wer an einem Film mitwirkt und warum.

In den Medien war die mangelnde Gleichberechtigung in Hollywood in den vergangenen Monaten ein riesiges Thema. Haben Sie manchmal das Gefühl, die Medien nehmen die Sache wichtiger als sie in Ihrem Alltagsgeschäft tatsächlich ist?

Blunt: Puh, schwierige Frage.

Theron: Wenn dem so wäre, dann sollten wir im Alltagsgeschäft dem Thema vielleicht auch mehr Aufmerksamkeit schenken, oder? Denn dass es ist dieser Branche ein Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen gibt, lässt sich schließlich nicht bestreiten. Es heißt ja immer, dass die Kunst der Gesellschaft den Spiegel vorhält. Aber meiner Meinung nach ist das Spiegelbild, das die Filmwelt aktuell zeigt, alles andere als akkurat ist.

Blunt: Da hast du absolut Recht!

Trotzdem gibt es für jede kämpferische Jennifer Lawrence, die ungleiche Bezahlung anprangert, auch eine Kollegin wie Amy Adams, die offen zugibt: Ich wusste, dass ich weniger bekomme als mein männlicher Co-Star – und habe den Job trotzdem angenommen . . .

Blunt: Ich komme aus England, da gilt es als peinlich über Geld zu sprechen . . .

Theron: In Südafrika genauso!

Blunt: So offen wie Jennifer wäre ich die Sache wohl also auch nicht angegangen. Aber Charlize hat das Problem gerade auf den Punkt gebracht, und dieses Problem ist so gravierend, dass wir einfach darüber sprechen müssen. Ob es nun schicklich ist oder nicht. Trotzdem ahne ich natürlich auch, was Amy wohl gemeint hat. Ich bin mir auch sicher, dass ich bei vielen Filmen weniger bekommen habe als männliche Kollegen. Abgesagt habe ich solche Jobs dennoch nicht, denn ich liebe nun einmal meinen Job und möchte ihn ausüben.

Theron: Das Problem sind auch nicht wir und ob wir nun ein paar Millionen mehr oder weniger bekommen. Es geht um jene Schauspielerinnen, die sich mühsam über Wasser halten, um ihre Familien zu ernähren. Die können einen Job nicht wegen geringerer Bezahlung ablehnen, schließlich müssen sie zusehen, dass das Essen auf den Tisch kommt. Die können nicht für gleiche Bezahlung kämpfen, deswegen müssen wir das für sie tun.

Sie werden richtig wütend . . .

Theron: Verdammt noch mal, das bin ich auch. Denn es ist einfach nicht fair, wenn Männer und Frauen für die gleiche Arbeit nicht das gleiche Geld bekommen. Ich habe mich früher eigentlich nie für eine Feministin gehalten, weil ich bei dem Wort eher an BH-verbrennende Männerhasserinnen als an Gleichberechtigung dachte. Aber ich bin in Südafrika unter der Apartheid aufgewachsen und habe es mit eigenen Augen gesehen, was es heißt, wenn eine Person in der Gesellschaft weniger wert ist als die andere. Bloß wegen ihrer Hautfarbe oder eben ihres Geschlechts. Ich habe das mitangesehen und habe einfach keine Lust, dass sich das immer und überall fortsetzt. Deswegen ist die gleiche Bezahlung auch nur ein Aspekt, um den es hier geht. Noch entscheidender ist, dass im Großen und Ganzen immer noch gilt: Frauen sind weniger wert als Männer. Nicht nur mit Blick aufs Geld.

Ist Hollywood denn der richtige Ort für Solidarität?

Blunt: Warum denn nicht? Ich habe so viele wunderbare Erfahrungen mit Kolleginnen gemacht, dass ich nicht wüsste, warum wir nicht solidarisch sein sollten. Die Medien lieben natürlich diesen Mythos, dass wir uns alle gegenseitig nicht ausstehen können und uns am liebsten die Augen auskratzen würden. Aber das ist bloß dumm und sexistisch. Überhaupt ist ja die Darstellung von uns Frauen oft ein Problem. Ist man ehrgeizig, klingt das in Berichten immer negativ und verzweifelt.

Theron: Während es bei einem Mann stets positiv, erstrebenswert und eben besonders männlich ist.

Blunt: Genau. Ehrgeiz bei Männern ist bewundernswert, bei Frauen peinlich und fehlgeleitet.

Theron: Oh Mann, all diese Klischees. Auch dass wir alle immer eifersüchtig aufeinander sind.

Blunt: Das ist ja das Ding: tatsächlich stehen uns Frauen viel weniger Rollen zur Verfügung, weswegen die Konkurrenz größer ist. Aber ich erinnere mich trotzdem nicht an eine einzige wirklich negative Erfahrung mit einer Kollegin.

Theron: Im Gegenteil freue ich mich immer bei Ereignissen wie den Golden Globes zu spüren, wie sich selbst Schauspielerinnen, die sich gar nicht kennen, für die Erfolge der anderen freuen und man sich gegenseitig beglückwünscht und unterstützt. Ich habe auch schon ganz liebe Karten von Kolleginnen bekommen, die ich mit meiner Arbeit anscheinend inspiriert habe. Wo die Presse immer nur Zickenkriege wittert, gibt es in Wirklichkeit eine große Gemeinschaft, in der man durchaus zusammenhält.

Gab es denn im Laufe Ihrer Karrieren auch Kolleginnen, die Ihnen gezielt unter die Arme gegriffen oder Sie gefördert haben?

Blunt: Ich werde nie eine Geste der großen Judi Dench vergessen, der ich gleich bei meinem allerersten Job begegnete.

Theron: Wann war das?

Blunt: Da war ich 18 Jahre alt, gleich nach der Schule. Ich bekam eine Rolle in einem Theaterstück, in dem auch Judi dabei war, was mir natürlich weiche Knie bereitete. Noch bevor überhaupt die Proben losgingen, trafen wir uns alle für ein Fotoshooting. Ich brachte kein Wort heraus, aber Judi nahm mich in den Arm und sagte: „Hallo Darling! Wenn Dir hier irgendjemand Stress macht, dann kommst Du direkt zu mir.“

Theron: Oh, wie wunderbar.

Blunt: Ja, sie hatte genau erkannt, wie überfordert ich war und dass sie mir damit Sicherheit geben würde. Ich hätte es nicht besser treffen können, als mit jemandem wie ihr als Vorbild direkt vor meiner Nase ins Berufsleben zu starten.

Inzwischen sind Sie beide Mütter und haben selbst Töchter. Spüren Sie eine besondere Verantwortung, den Mädchen ein besonderes Rüstzeug mitzugeben, weil sie es als Frauen in unserer Gesellschaft später schwerer haben werden?

Theron: Wissen Sie was? Eigentlich spüre ich eine besondere Verantwortung fast noch mehr bei meinem Sohn! Meine beiden Kinder sind ja noch klein, aber wenn ich mir so die Kids anschaue, mit denen ich oft in Afrika arbeite, dann fällt wir oft auf, wie viel wir von den Mädchen erwarten. Wir wollen, dass sie selbstbewusst auftreten, sich Gehör verschaffen, selbstbestimmt mit ihrer Sexualität umgehen. Und alles das ist richtig und wichtig. Aber das Hauptproblem, warum all das überhaupt nötig ist, ist doch, dass wir die Jungs nicht zum richtigen Verhalten erziehen. Deswegen mache ich es mir zu meiner Aufgabe, meinem Sohn beizubringen, Frauen mit Respekt und gleichberechtigt zu behandeln. Denn ohne dass sich die Männern ändern, kann sich auch für uns Frauen nichts ändern.

Das Gespräch führte Patrick Heidmann.

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