Der Körper ist sein Kapital: Boxer Wladimir Klitschko Foto: dpa

Schwergewichts-Weltmeister Wladimir Klitschko boxt an diesem Samstag  in der Düsseldorfer Arena. Im Interview spricht Manager Bernd Bönte über Klitschkos Gegner Tyson Fury, schwarze Schafe im Boxsport, harte Verhandlungen und die Glaubwürdigkeits-Krise im Fußball.

Stuttgart -

Herr Bönte, Tyson Fury tritt als Batman auf, Homosexualität und Abtreibung sind für ihn Vorboten des Weltuntergangs. Wie durchgeknallt ist der Typ?
Das ist einfach nur absurd, klingt ja schon nach religiösem Extremismus. Mit so einer Einstellung sollte Tyson Fury am besten direkt nach Saudi-Arabien auswandern.
Ist er, ganz abgesehen von diesen Äußerungen, am Samstag in Düsseldorf ein ernst zu nehmender Gegner für Wladimir Klitschko?
Definitiv.
Warum?
Weil er sehr gute körperliche Voraussetzungen mitbringt. Er ist größer, jünger und schwerer als Wladimir Klitschko. Und er ist einer der wenigen Boxer, die im Kampf problemlos von der Normal- in die Rechtsauslage wechseln können. Sich darauf einzustellen, ist nicht ganz einfach.
Aber er wirkt mit seinen 2,06 m und 117 kg ein bisschen schwerfällig – wie ein tapsiger Bär.
Es hat halt nicht jeder große Boxer mit mehr als 100 kg eine Beinarbeit und Schnelligkeit wie Wladimir Klitschko. Aber ich denke schon, dass Tyson Fury aus seinen körperlichen Möglichkeiten das Beste macht.
Gibt es im Schwergewicht noch andere gefährliche Gegner für Wladimir Klitschko?
Vor allen ist da WBC-Weltmeister Deontay Wilder zu nennen.
Es ist das große Ziel von Wladimir Klitschko, sich den Gürtel des Verbandes WBC zu sichern, der jahrelang seinem Bruder Vitali gehörte. Wann kommt der Kampf?
Bei uns hieß es schon immer: Schritt für Schritt. Deshalb fokussieren wir uns derzeit ganz bestimmt nicht auf einen Kampf gegen Wilder. Auch wenn Wladimir diesen Titel ­sicherlich sehr gerne auch noch hätte.
Klitschko ist 39 Jahre alt. Wie viel Zeit bleibt ihm noch im Ring?
Wir haben gerade erst mit RTL einen Vertrag über weitere fünf Kämpfe abgeschlossen, Fury ist der erste in dieser Reihe. Wladimir hat vor, noch einige Zeit zu boxen – wenn er gesund und motiviert bleibt.
Hat er Probleme, sich zu motivieren?
Sicherlich nicht, wenn er Gegner wie Tyson Fury oder Deontay Wilder hat. Sobald es gegen starke Leute geht und sich die Medien und Fans weltweit für seinen Kampf interessieren, hat er Spaß daran, sich im Trainingscamp zu quälen. Weder für ihn noch für seinen Bruder Vitali war jemals das Geld der Antrieb, in den Ring zu steigen. Sondern immer die sportliche Herausforderung.
Wladimir Klitschko ist seit knapp zehn Jahren Weltmeister, macht nun schon seinen siebten Stadion-Kampf. Wo steht er in der ewigen Rangliste des Schwergewichtsboxens?
Ganz oben steht mit weitem Abstand Muhammad Ali. Nicht nur wegen seiner Leistungen im Ring, sondern auch wegen seiner Verdienste außerhalb. Zum Beispiel in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Er hat fast vier Jahre nicht geboxt, weil er wegen des völlig sinnlosen Vietnam-Kriegs den Wehrdienst verweigert hat. Muhammad Ali war ein exzellenter Botschafter des Boxens.
Und hinter ihm . . .
. . . zähle ich zu den ewigen Top Ten Joe Louis, Larry Holmes, Joe Frazier, George ­Foreman, Mike Tyson, Lennox Lewis, Evander Holyfield. Und in diese Reihe gehören auch Wladimir und Vitali Klitschko. Beide zählen ganz sicher zu den größten Schwergewichtlern aller Zeiten. Sportlich gesehen sowieso, aber auch als großartige Botschafter des oft kritisierten Boxsports. Ob durch ihr soziales Engagement für die eigene Klitschko-Stiftung oder für die „Ein Herz für Kinder“- Hilfsorganisation. Beiden ist in ihrer Jugend viel gegeben worden, und beide wollen der Gesellschaft etwas zurückgeben. Und gerade Jugendliche brauchen diese Unterstützung, sie sind unsere Zukunft.
Größe definiert sich im Boxen auch über außergewöhnliche Kämpfe. Fehlen Wladimir Klitschko richtig harte Gegner?
Sein früherer Trainer Emanuel Steward sagte immer, dass ihn das nicht beschäftigen dürfe. Joe Louis hatte über viele Jahre nur unbekannte, zweitklassige Gegner. Man kann nur gegen die Kontrahenten boxen, die da sind. Man darf nur nie jemandem aus dem Weg gehen. Daran haben sich Wladimir und Vitali Klitschko gehalten – es gibt nicht einen Boxer, der sagen könnte, einer der ­beiden hätte gegen ihn gekniffen.
Und trotzdem fehlt es Wladimir Klitschko in den USA an Popularität.
Das stimmt so nicht.
Sondern?
Richtig ist, dass er in den USA oft für seinen Boxstil kritisiert wird, der angeblich nicht spektakulär genug ist. Dazu kann ich nur sagen: Er hat 54 seiner 64 Siege per Knock-out erreicht, viel spektakulärer geht es nicht. Allerdings setzt er dabei genau wie Floyd Mayweather auf die Taktik zu treffen, ohne möglichst selbst getroffen zu werden. Nur deshalb konnte er jahrelang so erfolgreich sein. Das ist wie im Fußball bei Huub Stevens, bei dem zunächst mal die Null stehen muss. Es hilft einem doch nichts, vorne vier Tore zu schießen und hinten fünf zu bekommen – wie es hin und wieder beim VfB passiert.
Sie haben die Frage nach der Popularität in den USA nicht beantwortet.
Wir waren in allen großen US-Talkshows, da kommt man nicht hin, wenn man unbekannt ist. Wladimir Klitschko ist mit einer sehr beliebten US-Schauspielerin liiert – er ist dort populär. Trotzdem haben wir relativ wenige Kämpfe in den USA gemacht. Der Grund ist, dass es keine adäquaten amerikanischen Gegner gab und die US-Sender deshalb kein Interesse hatten. Doch dafür, dass Wladimir so selten in den USA geboxt hat, hat er dort einen enormen Bekanntheitsgrad.
In der Ukraine und Deutschland sind die Brüder Superstars. Sie haben die Marke Klitschko geschaffen. Für welche Werte steht sie?
Die Marke Klitschko steht, wie wir es intern nennen, für „Power und Brain“, was beide authentisch verkörpern. Die Markenwerte sind Ausdauer, Beweglichkeit, Koordination und Konzentration – sowohl mental als auch körperlich.
Wie ist der Mensch Wladimir Klitschko?
Sehr freundlich, ehrlich, offen, interessiert an anderen Menschen, empathisch. Wladimir ist wie sein Bruder null aufgesetzt oder gekünstelt. Viele sagen deshalb nach einem Treffen mit ihm: Der ist ja genauso, wie ich ihn aus dem Fernsehen kenne.
Und Vitali?
Ebenfalls authentisch. Zu seinem inneren Antrieb gibt es eine Geschichte: Er hat ganz oft gesagt, dass er sich zutiefst wünschen würde, dass irgendwann in Kiew eine Straße nach ihm benannt wird. Aber nicht wegen seiner sportlichen Erfolge, sondern weil er etwas für sein Land geleistet hat.
Ist er auf einem guten Weg?
Ja, aber das ist wirklich harte Arbeit. Er ist gerade als Bürgermeister der Drei-Millionen-Stadt Kiew wiedergewählt worden, bewirkt dort unheimlich viel. Er setzt sich mit allem ein, was er hat – dabei könnte er sich auch irgendwo in die Sonne legen und sein Leben einfach nur genießen.
Helfen ihm seine Erfahrungen, die er im Sport gesammelt hat, nun in der Politik?
Natürlich. Disziplin, Konzentration, Fokussieren auf das Wesentliche – diese Eigenschaften sind in der Politik ebenfalls gefragt. Aber er profitiert auch von seinem Leben in Deutschland. Die Demokratie, die er hier kennengelernt hat, hält er für die beste der Welt. Ein solches System hätte er unglaublich gerne auch in der Ukraine.
Wie fit ist er noch?
Sehr fit. Er geht oft morgens um 6 Uhr zum Training ins Fitnessstudio. Er könnte sicherlich immer noch boxen.
Wird er?
Nein, seine Ziele liegen jetzt ausschließlich in der Politik.
Was kommt bei seinem Bruder Wladimir nach der Boxkarriere?
K2, seine Box-Promotionfirma, hat durchaus namhafte Leute unter Vertrag, darunter Gennady Golowkin, den besten Mittelgewichtler der Welt. Es wird also im Boxen weitergehen. Zudem kümmert sich unser ­gemeinsames Unternehmen KMG jetzt schon um andere Themen rund um die Bereiche körperliche Kraft und mentale Stärke. Wladimir ist es wichtig, sein Wissen und sein Erlerntes in Handlungsempfehlungen weiterzugeben, denn wenn es darum geht, fit älter zu werden und bewusst mit Körper und Geist umzugehen, ist er ein Paradebeispiel.
Gibt es weitere Betätigungsfelder?
Im Februar wird an der Universität St. Gallen der Studiengang „Challenge Management“ beginnen, in dem es um die schnellen Wechsel in unserem heutigen Berufsleben geht. Wladimir hat diesen Studiengang mit der Uni St. Gallen initiiert. Er wird einer der Dozenten sein und mit seinen Experten die Praxis abdecken. Es gibt also genügend Herausforderungen, ihm wird sicher nicht langweilig werden.
Und Geldsorgen wird er dank Ihnen sicherlich auch nicht haben. Sie gelten als harter Hund, wenn es um Verhandlungen geht.
Wer erfolgreich sein und Verträge aushandeln will, gerade im Boxgeschäft, der muss die andere Seite eben überzeugen können. Das ist im Geschäftsleben normal, und dabei wird natürlich auch mal härter verhandelt.
Wie laufen Verhandlungen mit Promoter-Legende Don King?
(Atmet tief durch) Immer schwierig. Ich habe noch nie eine besonders hohe Meinung von Don King gehabt. Er hat unbestritten ganz große Kämpfe zustande gebracht, aber er hat auch tausende Familien ins Unglück gestürzt. Viele Sportler, die heute ein sorgenfreies Leben führen könnten, hat er hintergangen, weil er immer nur für sich selbst das Beste herausgeholt hat. Da die meisten klassischen Boxpromoter so agieren, haben sich Athleten wie die Klitschkos, Oscar De La Hoya, Lennox Lewis oder Floyd May­weather selbstständig gemacht.
Boxen gilt als Sport, in dem Schiebung, Korruption und Betrug zu Hause sind. Wie froh sind Sie, dass sich dieses negative Image zuletzt Richtung Fußball verlagert hat?
Die Frage stellt sich nicht. Natürlich gibt es im Boxen schwarze Schafe wie Don King und andere Leute, die versuchen, sich auf ­illegale Art und Weise zu bereichern – zum Beispiel durch absolut skandalöse Punkturteile, wie sie leider bei manchen Boxställen häufiger vorkommen. Das ist natürlich nicht akzeptabel. Aber es gibt auch viele Vorurteile. Die breite Masse der Boxsportler sind jedenfalls absolut feine Typen.
Hätten Sie für möglich gehalten, wie sich der Fußball derzeit selbst demontiert?
Man darf nicht verallgemeinern. Es geht ­aktuell um einige Funktionäre bei Fifa und DFB. Für mich war undenkbar, dass wir Deutschen es nötig haben, uns eine WM zu erkaufen – wenn es denn so war, was ja noch nicht bewiesen ist. Gleichzeitig kann man nur hoffen, dass wir die Möglichkeit haben, 2024 Olympische Spiele in Hamburg auszurichten. Oder wollen wir, dass große Sportereignisse nur noch in diktatorisch geführten Ländern stattfinden, weil dort am meisten gezahlt wird? Ich denke nein!
Was raten Sie als PR-Profi dem Fußball?
Zunächst mal tut es mir für Ex-DFB-Präsident Wolfgang Niersbach leid, den ich persönlich kenne. Er ist ein guter Typ und wurde allein im Regen stehen gelassen. Es hilft jetzt nur, alles ganz offen aufzuarbeiten und Leute zu installieren, die für eine andere Zukunft stehen. Es gibt wahnsinnig viele Jugendliche, die Fußball spielen und zu den Profis aufschauen – dieser Vorbildfunktion muss der Fußball unbedingt wieder gerecht werden, auch auf Funktionärsebene.
Sie sind seit Juli 2014 Aufsichtsrat beim Hamburger SV. Hat der Club in Ex-VfB-Coach Bruno Labbadia den richtigen Trainer gefunden?
Der HSV steht leider durch jahrelange ­Misswirtschaft sowie einhergehende hohe Verbindlichkeiten noch schlecht da und hat aktuell wenig Spielraum, auf dem Transfermarkt entscheidend aktiv zu werden. Deshalb kann zurzeit das Ziel nur lauten, sich möglichst weit entfernt von den drei letzten Plätzen im Mittelfeld zu etablieren. In Bruno Labbadia hat unser Vorstandsvorsitzender Dietmar Beiersdorfer den richtigen Trainer gefunden. Er macht einen super Job, hat den HSV vor dem Abstieg gerettet. Er motiviert die Mannschaft, hat sie zu einer Einheit ­geformt. Das Teamwork funktioniert exzellent, was vor allem sein Verdienst ist.
Vor einem halben Jahr hat der Hamburger SV seine Profi-Abteilung ausgegliedert. Der VfB Stuttgart verfolgt denselben Plan.
Das ist auch der einzig gangbare Weg. Die Anforderungen, die der Profifußball stellt, sind nichts mehr für eine klassische Vereinsstruktur. Entscheidend ist aber, dass am Ende Leute das Sagen haben, die das Geschäft kennen und mit den neu zur Verfügung stehenden Geldern verantwortlich umgehen.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: