Auch im Biathlon ist nicht alles glanzvoll. . . Foto: Baumann

In Östersund beginnt am Donnerstag die Biathlon-WM. Magdalena Forsberg spricht angesichts des aktuellen Dopingskandals über die Situation im Biathlon, aber auch über ihr Engagement bei „Let’s Dance“.

Stuttgart -

Frau Forsberg, spüren Sie schon eine Vorfreude auf die WM?

Oh ja, und zwar schon seit vielen Tagen bin ich ganz aufgeregt. Ich freue mich auf tolle Wettkämpfe, ich freue mich auf Östersund und ganz besonders auf unsere Frauen-Staffel, die hoffentlich Weltmeister wird. An dieses Stadion habe ich besonders schöne Erinnerungen: In Östersund bin ich mein letztes Weltcup-Rennen in Schweden gelaufen, und ich habe gewonnen – das war ein solch großer Jubel, das werde ich nie vergessen.

Und nun kehren Sie als TV-Expertin zurück.

Ja, für Eurosport. Da werde ich rund um die Uhr im Einsatz sein, aber diese Aufgabe gefällt mir wirklich sehr gut, weil ich mit all den aktuellen Sportlern in Kontakt komme.

Fällt es Ihnen da manchmal nicht schwer, Kritik an einer Leistung Ihrer Nachfolger zu üben?

Ja, schon, weil ich ja weiß, dass manchmal Kleinigkeiten den Unterschied zwischen Triumph und Misserfolg ausmachen. Da geht es nur um Millimeter, und dann ist es nicht leicht, jemanden dafür zu kritisieren. Bei groben Fehlern ist das ganz anders, die spricht man ohne Hemmungen an.

Welche Sportler werden die WM 2019 prägen?

Nun, da ist zuallererst Johannes Thinges Boe, der dominiert wie kein anderer. Bei den Frauen kommen mehrere Athletinnen infrage, aber ich denke natürlich auch an Laura Dahlmeier. Sie wird bestimmt einige ­Medaillen gewinnen, auch wenn sie in dieser Saison immer wieder Probleme hatte – sie hat sich Schritt für Schritt gesteigert. Ich denke, dass sie in einer sehr guten Form nach Östersund kommt, weil sie sich ganz auf diese WM konzentriert und den Weltcup eher als Vorbereitung gesehen hat. Das könnte ein Vorteil sein, außerdem sind die Deutschen stets auf ihrem Leistungshöhepunkt, wenn ein Großereignis ansteht – das hat man zuletzt in der Staffel gesehen, als die deutschen Frauen das Rennen in Canmore gewannen.

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Aber der Druck vor einer WM ist natürlich größer als im Weltcup. Wie sind Sie während Ihrer aktiven Zeit damit umgegangen?

Das hab’ ich vergessen (lacht.) Wem es gelingt, die WM-Rennen als ganz normale Wettbewerbe anzugehen, hat einen Vorteil, man sollte sich selbst nicht unter Druck setzen und muss alles so machen wie beim Weltcup und im Training auch. Das sagt sich natürlich leicht, ist aber schwer umzusetzen.

Ist eine Kopfsache, wie fast alles im Biathlon.

Sicher, es macht die Sache nicht leichter, wenn man auf den Schießstand zufährt und denkt: Du musst jetzt fünf Scheiben treffen, dann kannst du Weltmeister werden. Ich ­habe immer versucht, stets an das Gleiche zu denken: Das hast du schon tausendmal gemacht, das sind die gleichen fünf schwarzen Punkte wie immer, du hast das gleiche ­Gewehr wie immer – das kannst du. Ich habe versucht, mich wie im Training zu fühlen.

Da jubeln oder seufzen keine 20 000 Leute, wenn man trifft oder eine Scheibe verfehlt.

Die muss man einfach wegdenken.

Das funktioniert?

Na ja (lacht), ich habe die Leute schon auch gehört, das macht es tatsächlich schwierig. Manchmal spürt man den Jubel im ganzen Körper, nachdem man eine Scheibe getroffen hat. Außerdem hat man ja einen Schießrhythmus, und da kann es passieren, dass der Jubel dich aus deinem Takt bringt, so dass man gegensteuern muss. Sonst drückt man zu einem Zeitpunkt ab, an dem man es eigentlich nicht wollte. Ziemlich schwierig, da gegenzusteuern. In Östersund sitzen die Zuschauer wenigstens 50 Meter weit weg, da ist es nicht so extrem wie in Ruhpolding.

Wem von Ihren Landsleuten trauen Sie eine Medaille zu?

Bei den Frauen ist Johanna Öberg unser heißestes Eisen, sie hat beste Chance fürs Podium – und ich hoffe auf unsere Frauen-Staffel, die bei Olympia Silber gewonnen hat. Bei den Männern hat Sebastian Samuelsson bei den Winterspielen mit Silber in der Verfolgung gezeigt, wozu er fähig ist – dann kann er das sicher wiederholen.

Welchen Stellenwert hat Biathlon in Schweden?

Einen sehr hohen. Wir wählen jedes Jahr – wie in Deutschland auch – die Sportler des Jahres; nur stimmen in Schweden alle Menschen ab, nicht nur Sportjournalisten. Und da sind regelmäßig Biathleten auf den vorderen Plätzen, ich habe diesen Preis viermal gewonnen, 2018 wurde Johanna Öberg zur Siegerin gewählt, auch Helena Ekholm war schon auf Platz eins. Im Wintersport liegt ­Biathlon in der Gunst der Fernsehzuschauer in etwa gleichauf mit Langlauf, das hat eine recht aktuelle Untersuchung ergeben. Sehr populär ist natürlich bei uns auch Fußball.

Wie prominent sind Sie seit Ihrem Rückzug noch in Ihrer Heimat?

Es fällt mir schwer, darauf zu antworten. Lassen Sie es mich so beschreiben. Aktuell bin ich in der Sendung „Let’s dance“, von der es ja auch eine deutsche Version gibt, und die ist wirklich sehr populär in Schweden.

Das sind die Teilnehmer bei Let’s Dance in Deutschland

Sind Sie denn eine gute Tänzerin?

Nein, ich habe die üblichen Kenntnisse wie viele andere auch. Derzeit befinde ich mich mit meinem Partner im Training in Stockholm, doch während der WM muss er für vier Tage nach Östersund kommen, weil wir dringend trainieren müssen und ich nicht wegkann. Also nehme ich meine Tanzschuhe mit nach Östersund. Am 22. März ist dann die erste Livesendung im Fernsehen.

Die Doping-Enthüllungen von Seefeld dürften auch Sie schockiert haben – Biathlon ist darin keine Insel der Unschuld. Kommt da bei Ihnen Unruhe im Herzen vor der WM auf?

Das wird natürlich auch unter Biathleten diskutiert. Ich denke, bei der IBU (Biathlon-Weltverband, d. Red.) wird nun härter gegen Doping vorgegangen und werden neue Wege beschritten. Man denkt immer, es kommt kein neuer Dopingfall mehr – und dann passiert es doch. Das ist ja Wahnsinn, was da in Seefeld und in Erfurt ans Licht gekommen ist. Ich hoffe, dass es während der WM ­keinen neuen Fall gibt.

Manche Experten vertreten ja die These: Ohne Doping kommt man in keiner Sportart in die Weltspitze.

Das stimmt meiner Meinung überhaupt nicht, da bin ich mir sicher. Diese Aussage bestreite ich, selbstverständlich auch deshalb, weil ich über viele Jahre ohne Doping in der Weltspitze gewesen bin. Man muss nicht dopen, um ganz nach oben zu kommen.

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Ihre aktive Zeit endete im März 2002. Es hat sich einiges geändert seit damals.

Ja, schon ich musste melden, an welchen Tagen ich wo erreichbar bin – dieses System hat sich bis heute noch verfeinert, Athleten müssen rund um die Uhr ihren Aufenthaltsort angeben. Die Überwachung ist besser als früher, und das ist gut und richtig. Das ist die einzige Chance im Kampf gegen Doping.

Was hat sich in Ihrem Sport verändert?

Die Prämien sind höher geworden (lacht). Abgesehen davon sind die Strecken die gleichen, die Ziele und das Gewehr auch, nur das Reglement hat sich ein wenig verändert. Was sich aber stark gewandelt hat, ist die Zahl der Wettbewerbe. Bei meinem ersten Olympia-Start gab es 1992 drei Disziplinen: Sprint, Einzel und Staffel. Heute haben wir darüber hinaus die Mixed-Staffel, das Mixed-Einzel, den Massenstart und die Verfolgung.

Finden Sie das nicht gut? Ich finde gerade Verfolgung und Massenstart irre spannend.

Ich ebenfalls, aber man darf es nicht überfrachten. Irgendwann muss Schluss sein, und ich finde, wenn man noch eine Disziplin aufnehmen wollte, müsste man eine andere streichen.

Was wünschen Sie sich für Östersund?

Dass das Wetter passt, dass viele Zuschauer kommen, dass die Stimmung super ist - und ein Staffel-Sieg der schwedischen Frauen wäre natürlich das Sahnehäubchen.

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