Interview mit Benjamin Pütter „Wir werden auch ihre Familie ausrotten“

Von Marta Popowska 

Kinder ohne Kindheit: so wie dieses  Mädchen, arbeiten  unzählige indische Kinder in  Ziegelhütten oder Steinbrüchen. Foto: AP
Kinder ohne Kindheit: so wie dieses Mädchen, arbeiten unzählige indische Kinder in Ziegelhütten oder Steinbrüchen. Foto: AP

Benjamin Pütter kämpft gegen Kinderarbeit und das nicht nur am Schreibtisch. In der Vergangenheit hat der Experte auch inkognito indische Steinbrüche besucht und deshalb Morddrohungen erhalten. Im Interview erklärt er, warum Kinderarbeit wieder zugenommen hat und was man dagegen tun kann.

Botnang - Der Kinderarbeitsexperte Benjamin Pütter arbeitet für das katholische Kinderhilfswerk „Die Sternsinger“. Er begleitet Projekte und schaut, ob das Geld, das hier gespendet wurde, auch ankommt. Doch in seinem Kampf gegen Kinderarbeit ist er in der Vergangenheit schon weiter gegangen. Mit falscher Identität war er in indischen Steinbrüchen unterwegs, um Kinderarbeit aufzudecken. Dafür erhielt er Morddrohungen. Im Interview erklärt er, in welchen Produkten Kinderarbeit zu finden ist und was deutsche Konsumenten dagegen tun können.

Herr Pütter, Sie waren in der Vergangenheit auch unter falscher Identität unterwegs, um Kinderarbeit in indischen Steinbrüchen aufzuspüren. Was macht Ihre Arbeit gefährlich?
Was meine Arbeit gefährlich macht, sind Morddrohungen. Mir ist klar gesagt worden: Wenn sie nochmal in einen Steinbruch kommen, dann werden wir nicht nur sie umbringen, sondern auch ihre Familie ausrotten. Als ich zuletzt mit einem Reporter des Magazins der Süddeutschen Zeitung unterwegs war, waren die Morddrohungen ziemlich konkret. Man versuchte uns aufgrund der Handys zu orten. Nur weil wir die Sim-Karten rausgenommen, zerschnitten hatten und geflohen sind, habe ich überlebt. Es hatten in den letzten zehn Jahren überhaupt nur drei Personen unangekündigt versucht, in Steinbrüchen zu kontrollieren. Zwei Kontrolleure der indischen Regierung sind erschossen worden, ein Journalist ist bei lebendigem Leibe verbrannt worden.
Wie viele Grabsteine kommen aus Indien und bei wie vielen vermuten Sie, dass diese aus Kinderhänden stammen?
Es gibt keine Statistik dazu, wie viele Grabsteine aus Indien kommen. Nach einen Annäherungswert, den ich aus Statistiken der Bundesregierung, aus eigener Anschauung sowie aus Gesprächen mit deutschen Steinmetzen und denen aus anderen Ländern habe, trifft das auf ungefähr die Hälfte aller deutschen Grabsteine zu. In Süddeutschland ist das etwas weniger, in Norddeutschland viel mehr. Als ich vor fast 20 Jahren anfing, habe ich in jedem Steinbruch, den ich unangekündigt inspiziert habe, Kinderarbeit angetroffen.
In welchen Produkten steckt denn häufig Kinderarbeit?
Schwer, das so einfach zu sagen. Ein Drittel der Arbeiterkinder stammt aus Indien. Der Kontinent mit den meisten Kinderarbeitern ist Afrika. Die Produkte, die bei uns aus Kinderarbeit stammen, sind beispielsweise Teppiche und das wieder sehr verstärkt. Dort war die Kinderarbeit fast auf null zurückgegangen, ist aber heute, wo niemand – auch die Presse nicht – mehr darüber berichtet, wieder angestiegen. Es interessiert keinen mehr. Vielmehr noch als um Grabsteine geht es mengenmäßig um Pflastersteine und Gartenplatten. Typische Kinderarbeit findet man auch bei Schmuckartikeln, wo kleine Spiegelchen und Perlen irgendwo drauf gesetzt sind.
Wie können Kinder vor Kinderarbeit geschützt werden?
Der beste Schutz ist natürlich, wenn Kinder in die Schule gehen. Dazu gehört aber auch, dass die Eltern wissen, wozu Schule überhaupt dient. Wenn die Eltern Analphabeten sind, was sehr häufig der Fall ist in Indien, ist es wichtig, auch die Eltern in diesen Prozess der Veränderung miteinzubeziehen.
Was können wir dazu beitragen?
Jede Person kann etwas dazu beitragen, indem sie sich Gedanken beim Einkaufen macht. Was kaufe ich gerade für Produkte und wo sind sie hergestellt. Ich muss mich informieren. Dieses bewusste Einkaufen ist nicht mehr so einfach, denn ich muss immer eine Denkschleife miteinfügen. Seit diesem Jahr hat die Bundesregierung eine eigene Internetseite (www.siegelklarheit.de) gestartet. Auf dieser Seite werden Siegel bewertet. Es gibt inzwischen nämlich auch jede Menge nicht vertraubare Siegel. Fast bei jedem Produkt hat die Industrie eigene Siegel eingeführt, die keinen externen Kontrollen unterliegen. Bei Grabsteinen gibt es zwei Siegel, denen man vertrauen kann: das ist Xertifix und Fair Stone. IGEP (Indo German Export Promotion) dagegen klebt an vielen Grabsteinen, ist aber quasi eine Selbstbescheinigung. Wenn ehrbare Menschen wirklich Kontrollen ausführen, dann kostet das auch Geld und natürlich verteuert das auch einen Grabstein um ungefähr einen Prozent. Also ein Grabstein, der 1000 Euro kostet, kostet dann ohne Kinderarbeit und mit Xertifix-Siegel 1010 bis 1030 Euro. Ist das noch machbar für den Kunden? Ich hoffe ja.
Redaktion Botnang

Ansprechpartner
Torsten Ströbele
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