Der frühere norwegische Weltklasse-Skirennläufer Aksel Lund Svindal spricht über das legendäre Hahnenkammrennen in Kitzbühel, den Stil des Deutschen Thomas Dreßen – und Parallelen zu Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton im Straßenverkehr.
Kitzbühel - Aksel Lund Svindal, einer der besten Skifahrer der jüngeren Vergangenheit, ist diesmal nur Zaungast beim Abfahrtsklassiker am Samstag (11.30 Uhr/ARD und Eurosport) in Kitzbühel. Der 37-jährige Norweger hat seine Karriere im vergangenen Jahr beendet. 2016 hatte er sich bei einem Sturz auf der Streif schwer am Knie verletzt.
Herr Svindal, Sie haben ihre Karriere vor fast einem Jahr beendet. Logieren Sie hier in Kitzbühel im Hotel ihrer ehemaligen Teamkollegen?
Ich habe es mir überlegt, dann aber doch nicht gemacht. Sind ehemalige Athleten mit am Tisch, sind die ja immer sehr relaxed. Und die aktiven Sportler sind angespannt. Das passt nicht so gut zusammen.
Die noch aktiven Sportler könnten ja auch denken: „Mensch, der Aksel kann sich ja gar nicht von uns lösen.“
Ich glaube, das ist es nicht. Ich will einfach nicht stören. Aber ich besuche die Jungs, das ist besser.
Wie ist es, hier in Kitzbühel zu sein und am Samstag nicht auf der Streif zu starten?
Es ist okay. Ich habe die Entscheidung über mein Karriereende im vergangenen Jahr getroffen, weil es nicht mehr gegangen ist. Beim Sturz 2016 hier in Kitzbühel habe ich mir das Knie schwer verletzt. Danach ist es durch die Belastung nie besser geworden. Ich habe aber die Möglichkeit gehabt, 16 Jahre Weltcuprennen zu fahren. Das ist schon sehr gut.
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Die Streif gilt als gefährlichste Abfahrt der Welt. Hatten Sie im Starthaus Angst?
Teilweise. Ich habe ein Buch geschrieben, das im Herbst auch in Deutschland auf den Markt kommt. Da habe ich es beschrieben, damit die Leute sich ein bisschen in den Kopf eines Abfahrers versetzen können. Respekt hat man immer, ein bisschen Angst natürlich auch.
Was geht einem da so durch den Kopf?
Wenn man mit Tempo 110 unterwegs ist, befindet man sich gedanklich schon an einem Punkt, der etwa 40 Meter vor einem liegt. Man muss sich immer auf den nächsten Abschnitt vorbereiten und reagieren. Auch wenn man in Schieflage gerät und den Fehler korrigiert, ist man mental schon 40 Meter weiter vorne. Gelingt die Korrektur nicht, kann es zum Sturz kommen – erst dann ist der Skifahrer im Kopf dort, wo er tatsächlich auch körperlich ist. Adrenalin strömt aus, und der Sportler ist extrem überrascht, dass das überhaupt passieren konnte. Jedes Mal ist das so.
Olympiasieger, Weltmeister, Gesamtweltcupsieger – Sie haben in Ihrer Karriere alles gewonnen – nur die Abfahrt in Kitzbühel nie. Wurmt Sie das?
Ein bisschen schon. Aber es gibt andere Strecken, die mir liegen. In Lake Louise habe ich zwei Abfahrten und sechs Super-G-Rennen gewonnen, und in Beaver Creek war ich 16 Mal in den Top drei. So etwas ist nicht zufällig. Jeder hat seine Lieblingsstrecken. In Beaver Creek gibt es viele Kurven, in denen ich stark sein kann, in Kitzbühel gibt es davon eher wenige. Es ist auch kein Zufall, dass Didier Cuche auf der Streif fünfmal gewonnen hat. Er ist am liebsten auf dem blanken Eis hier in Kitzbühel gefahren. Ich dagegen war im Schnee immer schneller unterwegs.
Schnell sein kann auch der Abfahrer Thomas Dreßen, der 2018 überraschend auf der Streif gewann und über den sich Deutschland zurzeit so freut?
Wir sind auch froh, dass Thomas da ist. Er ist ein sehr cooler und bodenständiger Typ, als Mensch einfach gut. Wir wollen alle, dass die Deutschen gute Athleten haben. Es ist viel schöner, wenn es einen guten Sportler aus Österreich, Italien, Frankreich, Deutschland und Norwegen gibt. Die Vielfalt auf dem Podest ist wichtig für unseren Sport. Thomas fährt ein bisschen wie ich. Sein Stil befindet sich etwa in meiner Kategorie – auch wenn jeder natürlich anders fährt.
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Sie haben den Weltcupstress hinter sich. Wie ist das neue Leben ohne Training und Wettkampf? Wird’s einem da nicht auch mal etwas langweilig?
Es ist prima. Ich habe viel zu tun, eigentlich viel mehr, als ich gedacht hatte.
Sie sind an Technologie-Firmen beteiligt, haben eine Ski-Bekleidungsfirma und seit dem vergangenen Jahr sind Sie Markenbotschafter beim Sportwagenhersteller Porsche. Einmal Speed, immer Speed – liegt es daran?
Es ist zwar ein Klischee, aber ich bin aufgewachsen mit Autos, Motorbooten und Motorrädern. Ich hatte als Kind eine riesige Kiste mit Spielzeugautos und konnte auf der Straße jede Marke erkennen. Heute habe ich schon seit längerer Zeit einen luftgekühlten 911er. Nein, ich habe sogar zwei. Ich wollte schon mit 18 einen haben, doch der war mir damals zu teuer, also habe ich mir erst einmal einen Ford Mustang gekauft.
Und wie wurde das Zuffenhausener Unternehmen auf Sie aufmerksam?
Die Zusammenarbeit hat sich hier in Kitzbühel aus Gesprächen entwickelt. Durch das für Porsche im Hinblick auf das Taycan-Modell wichtige Elektrothema, mit dem wir in Norwegen schon sehr weit sind, war das Timing für eine Zusammenarbeit sehr gut. Es geht mir da um die Nachhaltigkeit automobiler Entwicklung.
Wie muss man sich den Fahrstil eines Abfahrts-Olympiasiegers im Straßenverkehr vorstellen: radikal wie der junge Max Verstappen oder überlegt wie Weltmeister Lewis Hamilton?
Ich bin eher wie Hamilton. Schon als Skifahrer habe ich immer versucht zu analysieren, an welcher Stelle ich wirklich schnell sein muss, um zu gewinnen. Und wo kann ich mit Risiko am ehesten viel Zeit gut machen, denn ständig kann man ja nicht am riskanten Limit sein. Im Auto geht es mir um die Effizienz. Ich fahre nicht riskant schnell, aber es ärgert mich, wenn Leute ohne Grund richtig langsam fahren. Auch wenn es beim Reißverschlussverfahren nicht flüssig vorangeht, werde ich etwas ungeduldig.
Fahren Sie noch Ski?
Klar. Oft.
Gemächlich oder schnell?
Wie ein Rennläufer bin ich natürlich nicht unterwegs. Ich fahre am liebsten einen Riesenslalom-Ski, der ein bisschen mehr dreht als ein Weltcup-Riesenslalom-Brett. Und im Tiefschnee, da finden Sie mich auch.