Steht derzeit allein an der Spitze der AfD: Jörg Meuthen. Foto: dpa

AfD-Chef Jörg Meuthen zeigt sich vom Austritt Frauke Petrys unbeeindruckt. Auf sie warte die politische Bedeutungslosigkeit, sagt er. Die AfD-Bundestagsabgeordneten mahnt er, ihre Worte klug zu wägen.

Stuttgart - Mit einem Paukenschlag hat Frauke Petry die AfD verlassen. Der verbleibende Parteichef Jörg Meuthen sieht die bürgerlichen Kräfte in der Partei dadurch nicht geschwächt. Beim Parteitag im Dezember will er wieder kandidieren.

Herr Meuthen, Frauke Petry ist weg, Sie stehen allein an der Parteispitze, können schalten und walten. Ein schönes Gefühl?
Das hört sich an, als hätte ich nun diktatorische Befugnisse. Aber im Ernst, nachdem Frauke Petry am Freitag ihren Parteiaustritt endgültig vollzogen hat, amtiere ich als der verbliebene Bundessprecher. Als solcher bin ich Mitglied des Bundesvorstands, dem ich vorsitze. Dort werden wir gemeinsam unsere Entscheidungen treffen. Ich rechne allerdings damit, dass das eine oder andere jetzt ein bisschen einfacher geht.
Im Dezember könnte es den nächsten Parteitag geben, ein neuer Vorstand muss gewählt werden. Treten Sie wieder an?
Wann und wie der nächste Parteitag stattfindet, ist noch nicht endgültig entschieden. Das ist Aufgabe des Parteikonvents, der am kommenden Wochenende tagt. Die Parteibasis hat sich für einen Mitgliederparteitag ausgesprochen. Das schaffen wir jedoch aus organisatorischen Gründen in diesem Jahr nicht mehr. Für einen Delegiertenparteitag würde es reichen. Ob aber im Dezember oder später: In jedem Fall kandidiere ich wieder als Bundessprecher. Dafür spüre ich viel Rückenwind aus der Partei.
Viele in der AfD sehen sich nach dem inszenierten Rückzug Petrys in ihrer Einschätzung bestätigt, man habe mit ihr nicht zusammenarbeiten können. Sind auch Sie in diesem Sinne erleichtert über ihre Demission?
Ich muss Ihnen nichts vormachen: Das Verhältnis zwischen mir und Frau Petry war nicht harmonisch. Für die Zusammenarbeit war das sehr belastend. Diese Problematik entfällt nun.
Was bedeutet Petrys Ausscheiden für die AfD? Sie galt ja als Sprecherin der Bürgerlich-Konservativen. Gibt es jetzt eine weitere Rechtsdrift?
Frau Petry hat gemeinsam mit Herrn Pretzell ein nicht sehr stimmiges Bild gezeichnet. Danach standen sie für die Bürgerlichen in der AfD, alle anderen wurden als rechtsgerichtete Fundamentalopposition abgestempelt. Auf dem Kölner Parteitag hat man gesehen, dass die Basis ihnen das nicht abgekauft hat. Wir haben mit dem Flügel eine national-konservative Strömung, wir haben nach wie vor eine wirtschaftsliberale Strömung, und wir haben auch ein bürgerlich-konservatives Lager, das den Abgang von Petry und Pretzell problemlos verkraften wird. Alle gehören integrativ dazu. Im Übrigen verweise ich auf unser Parteiprogramm, an dem sich nichts geändert hat. Es mag dem einen oder anderen nicht gefallen, aber es ist ganz sicher kein Rechtsaußen-Programm.
Petry und Pretzell denken offenbar darüber nach, eine neue Partei zu gründen, eine Art bundesweiter CSU. Wie ernst nehmen Sie das?
Wenn sie es versuchen wollen – nur zu. Es wird ausgehen wie beim letzten Mal. Wer sich abspaltet, wird wie Herr Lucke und seine Getreuen in der politischen Bedeutungslosigkeit versinken. Ich bin da völlig gelassen. Mit unseren aktuellen Positionen haben wir schließlich 14 Wahlerfolge hintereinander errungen.
Wenn man in die Partei hinein hört, dann scheinen manche auf gepackten Koffern zu sitzen. Lässt Sie das kalt?
Ich kann natürlich nicht ausschließen, dass vereinzelt Mitglieder auf dem Absprung sind. Als die Bundestagsfraktion sich in dieser Woche konstituiert hat, waren alle 93 Abgeordneten anwesend, nur eben Frau Petry nicht. Auch in meiner Fraktion in Baden-Württemberg sehe ich keine Abwanderungsbewegung. Wenn ich alle zusammenzähle, von denen ich höre, dass sie angeblich Frau Petry folgen wollen, dann sind das gerade mal zwei Hände voll. Die Partei hat aber 28 000 Mitglieder, und täglich werden es mehr.
Eine mögliche Frage in diesem Zusammenhang lautet: Welche Wahl bleibt AfD-Mitgliedern, die anders als Herr Gauland keine Gründe sehen, weshalb man auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen stolz sein sollte. Teilen Sie persönlich Gaulands Stolz?
Wenn man die Themen, die Herr Gauland angesprochen hat, aufgreifen möchte, sollte man das sehr differenziert tun. Ich weiß nicht, ob das in einer Rede geht. Soldaten aller Nationen haben in Kriegen Gräueltaten begangen, darauf kann man nicht stolz sein. Soldaten aller Nationen haben sich in Kriegen aber auch honorig und mutig verhalten. Darauf kann man stolz sein, und das gilt auch für deutsche Soldaten. Vielleicht sollte man in diesem Zusammenhang aber statt von Stolz besser von Respekt sprechen. Herr Gauland wollte sich gegen eine pauschale Schuldzuweisung an die Adresse deutscher Soldaten wenden, deren Pflichtbewusstsein von einem barbarischen Regime auf widerwärtige Art und Weise missbraucht wurde. Diese Soldaten waren nicht alle Nazis und Verbrecher.
Die AfD ist nach Union und SPD drittstärkste Kraft im Bundestag. Frau Weidel und Herr Gauland sprechen als Fraktionsspitzen auffallend oft davon, dass die AfD eine „konstruktive Rolle“ im Parlament spielen wolle. Haben Sie auch Angst vor verbalen Aussetzer von Parteifreunden und negativen Schlagzeilen?
Wer im deutschen Bundestag angekommen ist, muss sein Wort klug wägen. Das gilt natürlich im Landtag genauso. Das heißt aber nicht, dass wir mit Samtpfötchen agieren müssen. Wir haben den Regierenden ganz entschieden auf die Finger zu gucken und uns als Opposition lautstark zu Wort zu melden, wenn wir ein Vorhaben für falsch oder indiskutabel halten. Es wird im Bundestag mit Sicherheit lauter und robuster zugehen als bisher.

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