VfB-Kapitän Christian Gentner „Typisch Mario: Kaum da – und schon vorlaut“

Von Carlos Ubina 

Der Mann mit der Maske geht wieder voran: VfB-Kapitän Christian Gentner will die Stuttgarter Mannschaft sicher durch den Abstiegskampf führen. Foto: Baumann
Der Mann mit der Maske geht wieder voran: VfB-Kapitän Christian Gentner will die Stuttgarter Mannschaft sicher durch den Abstiegskampf führen. Foto: Baumann

Der Kapitän Christian Gentner spricht vor dem Rückrundenstart des VfB Stuttgart an diesem Samstag (15.30 Uhr) gegen Hertha BSC über seinen Freund Mario Gomez, seinen Gesichtsschutz und die Besonderheiten einer alten Dame aus Berlin.

Stuttgart - Es geht wieder los – und noch 17 Spieltage trennen den VfB Stuttgart von seinem großen Ziel: den direkten Klassenverbleib in der Fußball-Bundesliga. Mit viel Zuversicht, aber auch reichlich Realitätssinn geht Christian Gentner (32) diese Herausforderung an.

Herr Gentner, Sie haben in der Fußball-Bundesliga die kürzeste Winterpause aller Zeiten hinter sich gebracht. Wie gut konnten die Mannschaft und Sie die Zeit nutzen?
Ich persönlich finde diese kurze Vorbereitung sehr gut, da wir uns zum einen erholen konnten, denn unser Urlaub war ja nicht kürzer als in den Jahren zuvor. Zum anderen ist die Phase nach dem Trainingslager in Spanien nun nicht allzu lang, bis es wieder richtig losgeht.
Welche Trainingsschwerpunkte wurden in der kurzen Zeit gesetzt?
Es ist kein Geheimnis, dass wir in der Hinrunde zu wenige Tore erzielt haben. Wir haben zwar über weite Strecken gut verteidigt, aber wir haben es nicht immer geschafft, aus einer starken Defensive auch effektiv nach vorne zu kommen. Also ging es unter anderem darum, wie wir mehr Offensivpower entwickeln.
Die Tormisere mit nur 13 Treffern in 17 Spielen ist demnach aufgearbeitet?
Theoretisch ja, praktisch muss es sich noch zeigen. Wobei wir wissen, dass wir bisher zwar in jedem Spiel unsere Torchancen hatten – aber das waren nicht immer wirklich viele, und auch die Chancenverwertung hat zu wünschen übrig gelassen. Für uns geht es jetzt darum, die letzten Pässe sauber in die Box zu spielen und dort genügend Spieler zu haben, die mit allem, was sie haben, Tore erzielen wollen.
Zuletzt gab es im Trainingslager in zwei Testspielen sieben Tore gegen Erstligisten. Was sagt das aus?
Zunächst einmal gar nichts. Die Spiele gegen Twente Enschede und KV Oostende waren zwei gute Tests, mehr aber nicht. Dabei will ich weder der niederländischen noch der belgischen Mannschaft zu nahe treten, aber das war kein Bundesliga-Niveau. Da werden wir gegen Hertha BSC gleich ganz anders gefordert werden.
Es waren aber eine Reihe von Offensivaktionen in diesen Begegnungen zu sehen.
Das stimmt, weshalb die Spiele uns in puncto Selbstvertrauen gut getan haben, denn wir haben gesehen, dass wir gefährlich in den gegnerischen Strafraum kommen können. Zudem ist das auch für einen Spieler wie Mario Gomez wichtig, gleich ein Tor zu erzielen. Das gibt Sicherheit.
Wie verändert sich das Spiel mit Gomez?
Mario macht unser Spiel nach vorne schnell, weil er rechtzeitig in den Strafraum kommt, wenn unsere Tempodribbler wie Anastasios Donis oder Chadrac Akolo antreten. Ansonsten müssen wir unser Spiel gar nicht so sehr verändern. Es wird unsere Aufgabe sein, dass wir Mario mit seinen Stärken vorne in Position bringen. Das gilt natürlich ebenso für Daniel Gin­czek, der ein ähnlicher Spielertyp ist. Körperlich stark und dynamisch.
Dennoch wird der VfB mit Mario Gomez nun anders wahrgenommen.
Ja, weil Mario ein Spieler ist, der schon immer im Fokus der Öffentlichkeit stand. Uns als Mannschaft tut er von seiner ganzen Art her gut, vor allem dank seiner fußballerischen Qualität. Er hat noch immer den absoluten Erfolgs- und Torhunger. Außer den Klassenverbleib mit dem VfB hat er zudem mit der WM-Teilnahme im Sommer persönlich ein hohes Ziel. Er bringt also viel Ehrgeiz mit, und ich halte es für ausgeschlossen, dass Mario in Stuttgart ist, um seine Karriere ausklingen zu lassen.
Wie bringt sich Mario Gomez in der Kabine ein?
Völlig ohne Anlaufschwierigkeiten. Er ist offen und selbstbewusst. Er ist auch keiner, der sich in der Kabine zurücknimmt. Er spricht die Dinge deutlich an und weiß einfach, wie erfolgreiche Mannschaften funktionieren.
Hat es Sie eigentlich überrascht, dass Ihr alter Kumpel nach all den Erfolgen in der Winterpause zum VfB wechselt?
Zunächst schon, da ich nicht damit gerechnet habe, dass Mario zurückkommt. Wir hatten zwar über die vielen Jahre, die wir nicht zusammen gespielt haben, ständig Kontakt, aber dieser Wechsel war nicht absehbar. Mario hat mich einen Tag, bevor es offiziell wurde, darüber informiert.
Nach seinem Treffer gegen Twente Enschede, den Sie vorbereitet haben, hat Ihr alter neuer Mitspieler angemerkt, dass Sie trotz Maske guten Überblick bewiesen haben.
Ja, das war typisch Mario – kaum fünfeinhalb Tage da und schon wieder vorlaut (lacht). Aber im Ernst: Das ist kein Pro­blem. Wir kennen uns sehr lange und verstehen uns sehr gut.
Inwieweit ist das Sichtfeld mit der Maske denn tatsächlich eingeschränkt?
Im Grunde gar nicht. Vielleicht minimal, wenn man direkt nach unten schauen muss, da sich durch die Konstruktion der Maske die Nasenpartie etwas verlängert. In unserer Spielklasse sollte man aber davon ausgehen, dass ein Spieler weiß, wo der Ball sich am Fuß befindet, auch wenn er nicht direkt runter schaut.
Wie lange werden Sie die Maske nach Ihren schweren Gesichtsverletzungen tragen?
Ich werde nächste Woche noch einmal mit dem Operateur sprechen. Bisher hieß es von Arztseite immer, dass ich die Maske sechs Monate lang tragen sollte – eben so lange, bis die Knochen wieder zusammengewachsen sind. Das wäre bis Mitte März.
Haben Sie sich bereits so an Ihre Maske gewöhnt, dass Sie diese länger tragen werden?
Sie stört mich absolut nicht, und deshalb kann es sein, dass ich sie die komplette Rückrunde über aufziehe. Für die Psyche brauche ich die Maske allerdings nicht. Ich habe schon kontrollierte Kopfbälle ohne sie gemacht, und mittlerweile ist es schon so, dass ich meine Maske gelegentlich in der Kabine vergesse und sie mir zum Training hinterhergetragen werden muss.
Wie ist das dann mit Maske bei einem ruhenden Ball – zum Beispiel einem Elfmeter?
Ich weiß, worauf Sie hinaus wollen, und es ist unstrittig, dass wir mit zwei verwandelten Elfmetern unmittelbar vor der Winterpause jetzt emotional anders dastehen würden. Wir selbst müssen uns vielleicht auch ankreiden, dass vor dem Bayern-Spiel nicht klar war, wer den Elfmeter schießt, wenn sich Simon Terodde und Daniel Gin­czek nicht auf dem Platz befinden. Das war dann gegen die Münchner der Fall, und Chadrac Akolo hat sich den Ball genommen. Ich selbst habe in dem Moment nicht daran gedacht zu schießen. Denn für mich war klar, dass es keine Diskussionen geben darf, nachdem auch Josip Brekalo bereit stand.
Dann hat Chadrac Akolo in der Nachspielzeit verschossen und der VfB 0:1 verloren.
Ja, aber daraus ergibt sich kein Vorwurf an den Schützen. Ebenso wenig im anschließenden Pokalspiel in Mainz, als Dennis Aogo nicht getroffen hat. Dort hatte der Trainer festgelegt, wer die drei möglichen Schützen sind. Wäre ich oder ein anderer angelaufen, hätte das die Wahrscheinlichkeit eines Treffers nicht automatisch erhöht.
Und wer schießt als Nächstes?
Das wird der Trainer vor dem Hertha-Spiel festlegen. In Mario haben wir ja einen potenziellen Schützen dazu bekommen, auch wenn er zuletzt für den VfL Wolfsburg vom Punkt aus nicht getroffen hat. Mario wird aber bereit sein, und ich bin auch keiner, der vor einem Elfmeter davonläuft – ob mit oder ohne Maske.
Wie ist die Hertha einzuschätzen?
Die Berliner sind stabil und personell gut zusammengestellt. Sie verfügen in Mitch Weiser und Davie Selke über junge, gute Einzelspieler und dazu gesellen sich erfahrene Kräfte wie Salomon Kalou, Sebastian Langkamp und Vedad Ibisevic. Das ergibt dann ein abgezocktes Team. Da spiegelt sich der Charakter des Trainers Pal Dardai wider, der als Spieler auch sehr clever war.
Wie abgezockt wird der VfB im Abstiegskampf sein, nachdem der Mannschaft seit Sommer viel Erfahrung zugeführt wurde?
Ich denke, dass die Erfahrungen, die ein Ron-Robert Zieler, Holger Badstuber, An­dreas Beck, Dennis Aogo und Mario Gomez auf ihren verschiedenen Stationen gesammelt haben, einen Pluspunkt für uns darstellen werden. Gepaart mit dem Potenzial der jungen Spieler, die wir haben, ergibt das einen sehr guten Mix.
Worauf wird es denn im Abstiegskampf besonders ankommen?
Ein wesentlicher Faktor für uns als Mannschaft wird sein, dass wir viele gesunde Spieler durch die Rückrunde bringen. In der Hinrunde hatten wir über längere Zeiträume einige Ausfälle zu beklagen. Das hat uns vermutlich Punkte gekostet. Mit Blick in die nächsten Monate wird es außerdem darauf ankommen, Ruhe zu bewahren – in der Mannschaft, im Verein. Und das müssen wir dann nach außen tragen.
Leichter gesagt, als getan.
Richtig, am einfachsten wäre es daher, wenn wir einen guten Start in die Rückrunde hinlegen. Wir machen uns schließlich nichts vor: Wir haben ein extrem schweres Schlussprogramm. Das haben die letzten Hinrundenspiele bestätigt.

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