Baden-Württembergs Hochschulen sollen Professorinnen nicht länger diskriminieren, sondern besser bezahlen. Das fordert Wissenschaftsministerin Petra Olschowski im Interview.
Frauen werden an den Hochschulen im Land schlechter bezahlt als Männer, zum Teil viel schlechter. Wie Ministerin Petra Olschowski das ändern will, erklärt sie im Interview.
Chancengleichheit ist als Ziel im Landeshochschulgesetz verankert, und die Gleichstellung von Männern und Frauen zeigt sich im Arbeitsleben nicht zuletzt beim Gehalt. Wie sieht es damit an den Hochschulen aus?
Relevante Geschlechterunterschiede bei der Bezahlung von Professorinnen und Professoren gibt es leider auch an unseren Hochschulen. Im Durchschnitt werden die Professorinnen je nach Hochschulart um bis zu 5,7 Prozent schlechter bezahlt als männliche Kollegen. Das bedeutet, dass die Frauen monatlich 52 bis 523 Euro weniger verdienen – im Schnitt. Wir können das so exakt beziffern, weil in der letzten Finanzvereinbarung mit den staatlichen Hochschulen eine Erhebung zum Gender Pay Gap beschlossen wurde. Die liegt jetzt vor.
Solche Rückstände summieren sich im Laufe eines Arbeitslebens.
Das stimmt. Es ist ungerecht und darf keinesfalls so bleiben, auch wenn die Hochschulen mit diesen Werten bei der Verdienstlücke der Frauen unter dem Durchschnitt des baden-württembergischen Gesamtarbeitsmarkts liegen.
Das Statistische Landesamt beziffert den Vergütungsunterschied zwischen den Geschlechtern auf 6 Prozent in der bereinigten und 22 Prozent in der unbereinigten Betrachtung.
Für uns sind die bereinigten Zahlen relevant, denn die Professoren der unterschiedlichen Hochschulen erhalten jeweils einheitliche Grundgehälter, und Halbtagsprofessuren gibt es fast gar nicht. Die Geschlechterdifferenz entsteht allein durch Leistungszulagen. Das haben wir ausgewertet nach Hochschulart, Fächergruppen und Alter.
Wo ist die finanzielle Diskriminierung der Frauen am schlimmsten?
An den Universitäten ist der Unterschied mit 5,7 Prozent am größten. Das sind im Durchschnitt jeden Monat 523 Euro weniger. Ganz besonders trifft es die Professorinnen der Ingenieurwissenschaften und die Altersgruppe ab 58 Jahren, vermutlich weil ihre Gehälter in einer Zeit verhandelt wurden, als der Blick auf Ungleichheit bei der Bezahlung noch nicht so geschärft war wie heute.
Schleppen die Frauen die Gehaltslücke aus den Anfangsjahren durch ihre ganze Karriere mit?
Das ist zu vermuten. Wenn die Kombination aus Fach und Altersgruppe ungünstig ist, ist die Lücke besonders groß. Das größte Defizit liegt im Land aktuell bei 904 Euro im Monat – bei gleicher Leistung und gleicher Einstufung in der Qualifikation.
Sind wenigstens die Nachwuchswissenschaftlerinnen heute besser dran?
Leider nicht. Mich hat überrascht, dass nicht die jüngsten Professorinnen die kleinste Verdienstlücke haben, sondern die mittlere Altersgruppe.
Welche Fächer diskriminieren bei der Bezahlung am stärksten?
Die größte Schlechterstellung wurde bei den Ingenieurwissenschaften gemessen. Dort bekommen Frauen monatlich zwischen 655 und 904 Euro weniger als Männer. Groß ist die Differenz auch bei Gesundheitswissenschaften und in der Medizin.
Wie sieht es an den anderen Hochschulen aus?
An den Hochschulen für angewandte Wissenschaft bekommen die Professorinnen im Schnitt 1,5 Prozent weniger. Bei der Dualen Hochschulen sind es 0,7 Prozent, bei den Pädagogischen Hochschulen 2,6 Prozent, bei Kunst- und Musikhochschulen 2,5 Prozent.
Was tun Sie, um das zu ändern?
Jetzt, wo die Zahlen klar sind und jede Hochschule genau weiß, wo sie steht, werde ich das Thema in den Gesprächen mit den Landesrektorenkonferenzen zu einer Priorität machen. Ich erwarte, dass die Zahlen in fünf Jahren besser sind – vor allem an den Universitäten und vor allem bei den jungen Frauen. Dann wollen wir die Daten zum Gender Pay Gap wieder erheben. Zudem möchte ich die Frauen ermutigen, bei Berufungsverhandlungen für ihre finanziellen Interessen einzutreten und Zulagen und Ausstattung zum Thema zu machen.
Netter Appell – den sitzen die Hochschulen locker aus.
Falsch! Schon aus Eigeninteresse können die Hochschulen das nicht einfach knicken. Bei der nationalen Forschungsförderung, bei der Entscheidung über Exzellenzuniversitäten und vor allem im internationalen Wettbewerb um Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, haben Faktoren wie Diversität und Gender Pay Gaps erhebliches Gewicht. Die Hochschulleitungen sind deshalb deutlich offener bei dem Thema als früher. Ich brauche jetzt keine Daumenschrauben, die Transparenz bringt genug Dynamik ins System. Wenn sich in fünf Jahren nichts getan hat, kann man überlegen, ob Zielvereinbarungen zur chancengerechten Bezahlung an den Mittelfluss gekoppelt werden.
Welche Stellschrauben gibt es?
Die Hochschulen sind autonom. Sie müssen selbst die genauen Ursachen eruieren, was an ihrer Hochschule falsch läuft und dann geeignete Instrumente finden, um bei der Bezahlung ihrer Forscherinnen und Forscher gerechter zu werden. Es kann ein Weg sein, Berufungsverfahren grundsätzlich mit Gesprächen über Zulagen und Ausstattung zu verknüpfen. Das ist bisher nicht überall so. Viele Rückmeldungen zeigen uns, dass Männer solche Verhandlungen standardmäßig einfordern und Frauen sich zum eigenen Nachteil mit dem Angebot wie es ist zufriedengeben. Das wäre mit einem Standardgespräch anders.
Was raten Sie Wissenschaftlerinnen?
Prüft Euren Wert, informiert Euch über Struktur und Qualität von Zulagen und geht selbstbewusst in Verhandlungen, auch wenn Ihr jung seid und gerade erst anfangt. Heute sind sehr gute Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Mangelware. Es wird in den nächsten Jahren ein extremes Nachwuchsproblem geben: Top-Arbeitskräfte werden international gesucht werden wie verrückt. Als Professorin muss man nicht dankbar sein, überhaupt ein Angebot bekommen zu haben, wie ich das immer noch zu oft höre. Man sollte erwarten und fordern, für Leistung angemessen bezahlt zu werden.
Und für ältere Wissenschaftlerinnen ist die Sache gelaufen? Eigentlich müssten die doch mindestens taktische Bewerbungen starten.
Ich werde oft angesprochen von Professorinnen, die enttäuscht sind, weil männliche Kollegen mehr bekommen als sie. Nicht wenige gehen deshalb gekränkt weg. Dabei können die Hochschulen sich schon heute nicht leisten, Professorinnen zu verlieren. Der Grund: Für junge Frauen ist es attraktiv, auch bei Frauen zu studieren. Das ist unter dem Druck des heutigen Personalmangels für die Hochschulen selbst und für den gesamten Arbeitsmarkt in Baden-Württemberg von Bedeutung.
Was folgt für die Betroffenen daraus?
Für jede Hochschule ist es wichtig, dass sie genügend hoch qualifizierte und motivierte Professorinnen hat. Es ist wichtig, dass sie bleiben. Es ist wichtig, dass sie zufrieden sind. Das sollten etablierte Frauen nutzen, um ihre Finanzsituation auch am angestammten Arbeitsplatz zu verbessern.
Persönliches
Leben
Petra Olschowski ist 1965 in Stuttgart geboren. Nach dem Abitur hat sie zuerst eine Lehre als Einzelhandelskauffrau bei einer Kunsthandlung gemacht und dann Kunstgeschichte studiert. 1996 bis 2002 arbeitete sie erst als Volontärin, dann als Redakteurin bei der „Stuttgarter Zeitung“. Vor dem Wechsel in die Politik folgten Stationen als Geschäftsführerin der Kunststiftung und Rektorin der Kunsthochschule in Stuttgart.
Politik
2016 rückte Olschowski, damals noch parteilos, als Staatssekretärin ins Ministerium für Wissenschaft und Kunst auf. In der Folgezeit wurde sie Mitglied der Grünen. Bei der Landtagswahl 2021 gewann sie ihren Wahlkreis Stuttgart IV direkt. Im Herbst 2022 folgte sie ihrer Vorgängerin Theresia Bauer als Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst im Amt. luß