Eine Institution: der Thomanerchor in Leipzig Foto: dpa-Zentralbild

Der Sänger und Dirigent Gotthold Schwarz ist der 17. Nachfolger Johann Sebastian Bachs als Thomaskantor. Seit 2016 leitet er den Leipziger Knabenchor – und stellt an diesem Mittwoch seine Sicht auf Bach beim Musikfest Stuttgart vor.

Leipzig - In der Musikfest-Reihe „Sichten auf Bach“ haben sich 2018 schon Hermann Max, Hans-Christoph Rademann und Ton Koopman vorgestellt. Nun folgen die Leipziger Thomaner. Wie klingt Bach bei dem Chor, den der Komponist selbst einst geleitet hat?

Herr Schwarz, wie haben Sie sich gefühlt, als die Leipziger Ratsversammlung Sie im Juni 2016 in das Amt des Thomaskantors berufen hat?

Natürlich habe ich große Freude gespürt, zugleich aber auch die Verantwortung, die damit auf mich zukommen würde. Da ich den Vorgänger immer wieder vertreten hatte und bereits interimistisch tätig war, habe ich aber gewusst, welchen Rahmen diese Arbeit einnimmt.

Ihre Amtsbezeichnung ist „17. Thomaskantor nach Johann Sebastian Bach“. Spüren Sie diese Last in Ihrem Amt?

Zu allererst ist es unser Anliegen und unsere Verpflichtung, jedem Werk in bester musikalischer Qualität Woche für Woche gerecht zu werden. Nicht nur dem Werk Bachs, was naturgemäß eine besondere Bedeutung für uns hat, sondern aller Komponisten, die wir hier aufführen. Als Last würde ich das nicht bezeichnen, sondern als eine Aufgabe, der ich mich gern und mit aller Energie widme.

Vor einigen Tagen war die Nachricht zu lesen, die Thomaner würden nun auch außerhalb Leipzigs Nachwuchs suchen. Salopp gefragt: Gehen Ihnen die Sänger aus?

Nein, das kann man überhaupt nicht sagen. Im Gegenteil, es war schon immer so, dass die Thomaner auch Nachwuchs von außerhalb hatten. Zu Bachs Zeit etwa durften nur diejenigen Alumnen werden, die nicht aus Leipzig kamen. Man könnte auch sagen, dass es wichtig für den Chor ist, dass wir Kinder aufnehmen, die einen Blick von außen auf Leipzig haben.

Die Jungen sind neben der Schule mit Chorproben, Stimmbildung, Motetten, Gottesdiensten, Tourneen und Konzerten gefordert. Welcher Teil Ihrer Persönlichkeit muss da überwiegen – der Musiker oder der Pädagoge?

Im Prinzip hält sich das die Waage. Allerdings steht schon der künstlerische Auftrag im Vordergrund, wenn es darum geht, am Freitag und Samstag die Motette mit A-cappella-Werken und am Sonnabend die Kantate für den jeweiligen Sonntag des Kirchenjahres mit dem Orchester zu musizieren. Natürlich ist das Pensum für die Jungen immens. Am Sonntag singt jeweils die Hälfte von ihnen im Gottesdienst, außer an den hohen Festtagen.

Zentrum Ihrer Arbeit sind kirchenmusikalische Werke. Nun leben wir in einer Zeit der immer größer werdenden Kirchenferne. Da könnte man provokant die Sinnfrage stellen.

Wir machen die Erfahrung, dass die Motetten, Konzerte und Gottesdienste gut besucht sind und dass das Interesse an uns und an den von uns gesungenen Werken groß ist. Wir widmen uns dieser Aufgabe mit großer Selbstverständlichkeit, was wahrscheinlich auch vom Publikum so empfunden wird. Ich empfinde es als großes Glück, unsere Wurzeln immer neu pflegen zu können und den Sängern und Zuhörern die geistliche Aussage als aktuelle Botschaft nahezubringen. Auch wenn manche Texte in unserer Sprache nicht mehr so geläufig sind, so haben sie doch ein großes inhaltliches Potenzial, das Denkanstöße gibt und zum neuerlichen Hören ermuntert. Das ist ja eine der Aufgaben evangelischer oder auch ökumenischer Kirchenmusik. Wir machen keine Museumsmusik.

Wie halten Sie es bei den Thomanern mit den Ideen und Errungenschaften der historischen Aufführungspraxis?

Das ist ein Spagat, den ich zu vollführen habe. Es gibt hier die wunderbare Tradition der Zusammenarbeit mit Gewandhaus-Musikern, die auf modernen Instrumenten spielen. Mein Wunsch ist es aber, auch dort eine Formation zu haben, die auf historischen Instrumenten spielt. Auf lange Sicht sollte sich Leipzig diesen Praktiken nicht verschließen, denn das hat auch bedeutende Auswirkungen auf Leipzig als Bachstadt. Ich arbeite mit Barockorchestern zusammen, auch bei unserem Konzert in Stuttgart. Entscheidend ist aber, dass man dem Geist der Komposition gerecht wird. Wichtig ist dafür die rhetorische Prägnanz, um die melodischen und harmonischen Feinheiten herauszuarbeiten, damit der Hörer wie bei einem Mosaik ein Gesamtbild erhält.

Worin besteht für Sie der Reiz, Bachs Musik mit Knaben und nicht mit professionellen Sängerinnen und Sängern aufzuführen?

Es ist kein Unterschied, ob ich diese Musik mit Knaben oder mit Erwachsenen aufführe. Mit den Thomanern musiziere ich mit Begeisterung und Vehemenz. Natürlich sind die klanglichen Vorstellungen manchmal durch die Jugendlichkeit der Stimmen vorgeprägt. Um Glanz und Wärme als klangliches Ziel zu erreichen, muss man bisweilen ein bisschen zaubern.

Zu Bachs Zeiten war der Chor deutlich kleiner als die heutigen Thomaner. Ist das ein Widerspruch zur Tradition?

Natürlich ist das ein gewisser Widerspruch. Unser Chor ist aktuell auf 92 Mitglieder gewachsen, von denen aber nicht immer alle singen. Nach Stuttgart kommen wir mit einer kleineren Besetzung. Auf der anderen Seite waren die 16 Mitglieder auch zu Bachs Zeiten nicht sein Ideal. Er wollte vom Rat der Stadt immer mindestens die doppelte Anzahl, damit er seine Klangvorstellungen realisieren konnte.

Wie würden Sie den spezifischen Leipziger Bach-Klang beschreiben?

Einen spezifischen Bach-Klang haben wir nicht. Die Sänger sollen pfleglich mit ihrer Stimme umgehen und ihre Ressourcen ausnutzen. Dazu gehören intonatorische Sicherheit, gepaart mit einem gesunden körperlichen Empfinden. Es ist vielmehr der Charakter des jeweiligen Stücks, der das individuelle Chortimbre vorgibt.

Hier in Stuttgart musizieren Sie zwei Kantaten in der Reihe „Sichten auf Bach“. Was ist Ihre Sicht auf diese Werke?

Bach hatte eine innige Beziehung zum Choral, was er in seinen Choralkantaten mit einer kompositorischen Meisterschaft zum Ausdruck bringt, die einen immer wieder in Erstaunen versetzt. Das ist in besonderer Weise in der Kantate „Allein zu dir, Herr Jesu Christ“ BWV 33 zu spüren, die wir in Stuttgart aufführen. Die Kantate „Wer Dank opfert, der preiset mich“ BWV 17 beginnt mit einem Eingangschor, der mit seiner Virtuosität Aufführende und Hörer beflügelt. Die Kantaten sind für den 13. und 14. Sonntag nach Trinitatis geschrieben, in diesem Jahr war das der 26. August und 2. September. Wir haben im Stuttgarter Konzert also einen engen Bezug zum Kirchenjahr.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: