Gottlieb Daimler Foto: Daimler AG

Gunter Haug spricht im Interview über sein neues Buch, eine Biografie über Gottlieb Daimler.

Stuttgart - Gottlieb Daimler war cholerisch, fürsorglich und mochte keine Rheinländer. Das schreibt Gunter Haug in seinem Buch "Gottlieb Daimler - der Traum vom Fahren". Während der Feier "125 Jahre Reitwagen" wird es am Sonntag um 11 Uhr im Daimler-Museum vorgestellt.

Herr Haug, wie würden Sie reagieren, wenn Ihre Tochter das Wort jeck benutzen würde?

Gunter Haug: Gelassen.

Ganz anders als Daimler als er in Köln lebte.

Stimmt. Der hat seinen Sohn zusammen gefaltet als er das erste Mal jeck gesagt hat. Ich selbst mache aber auch lieber einen Bogen um das Rheinland.

Warum?

Ich finde Rheinländer ein bisschen merkwürdig. Sie leben einfach in den Tag hinein. Man ist sofort mit jedem gut Freund, aber am nächsten Tag kennen sie einen nicht.

War das der Grund warum Daimler Probleme mit den Kölnern hatte?

Daimler hatte als Schwabe nun mal einen schwerblütigeren Charakter. Das liegt an seiner Herkunft. Er stammt aus dem eher pietistisch geprägten Remstal.

Sie schreiben, dass ihn die rheinische Arbeitsmoral gestört habe.

Es entspricht nicht der schwäbischen Wesensart, abends auf die Pauke zu hauen, um dann am nächsten Morgen erst mal zu schauen, in welchem Zustand man zur Arbeit kommt. Der Schwabe hat seltener gelacht und dafür mehr geschafft.

Das sind doch Klischees.

Nein. Es ist so. Zumindest ist es mehrfach durch Zeitzeugen des 19 Jahrhunderts bestätigt worden.

Wie etwa Robert Bosch, von dem Ihr erster Auto-Roman handelt. Warum konnte Daimler ihn nicht leiden?

Das waren zwei grundverschiedene Typen. Auch wenn sie beide Schwaben waren. Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob jemand von der Alb ra kommt, oder aus dem Remstal stammt. Außerdem ist Bosch gleich zu Beginn in ein Fettnäpfchen getreten.

Welches?

Er kam als Jungspund mit einem Zündapparat Deutzer Modell ahnungslos zum Daimler und fragte, ob das was für den sei. Er wusste nicht, dass Daimler zuvor bei Deutz raus geflogen war.

"Daimler ist nichts in den Schoß gefallen"

Wer ist Ihnen sympathischer?

Was den sozialreformerischen Aspekt angeht, war Bosch ein ganz Großer. Daimler war aber auch eine Persönlichkeit, von der sich viele heutige Unternehmer eine Scheibe abschneiden können.

Was können junge Leute von ihm lernen?

Durchhaltevermögen. Daimler ist nichts in den Schoß gefallen. Er hat einen gewaltigen Fleiß und Willen an den Tag gelegt.

Im Gegensatz dazu gelten viele Jugendlichen heute als nicht ausbildungsfähig...

...Die Jugend istviel besser als ihr Ruf. Vielleicht sind eher die Älteren das Problem.

Wie meinen Sie das?

Sie packen die jungen Leute falsch an. Sie sollten mehr auf sie zugehen. Daimler wurde auch gefördert. Von Ferdinand Steinbeis zum Beispiel.

Interessieren Sie die Jugendjahre besonders?

Ja. Weil die ersten 20 Jahre in Daimlers Leben den Menschen noch nicht so bekannt sind. Dabei gibt es viele schöne Geschichten aus seiner Jugendzeit.

Zum Beispiel?

Dass die Daimlers zunächst Däumler hießen. Mein Lektor dachte erst mal, ich hätte mich verschrieben und hat Däumler immer rot angestrichen.

Sie haben den Figuren Dialoge und Charaktere gegeben. Wie sind Sie da vorgegangen?

Mir geht es um den Menschen in seiner Zeit. Ich mache mir Zeittabellen und überlege mir dabei, welche weltgeschichtlichen Fakten eine Rolle gespielt haben. Erfindungen wie der Verbrennungsmotor zum Beispiel. Wichtig war, dass ich ins Daimler-Archiv durfte.

Warum?

Dort liegen viele Aufzeichnungen. Daimlers Sudelbuch etwa. Es verrät seinen Charakter.

Inwiefern?

An der Art, wie er manche Sachen hingeschrieben hat, merkt man, dass er seine Wut manchmal kaum zügeln konnte. Er hat die Passagen dann mit großen Ausrufungszeichen versehen. Manche Seiten hat er komplett verschmiert, andere zeigen großartige Zeichnungen. Er war ja ein hervorragender Zeichner. Im Archiv gibt es auch Berichte von seinen Weggefährten. Die schildern, wie der Herr Daimler zu ihnen war.

Und wie war er so?

Seinen Chauffeur hat er morgens erst mal gefragt hat, ob er schon was gegessen habe. Wenn nicht, hat er ihn an seinen Frühstückstisch gesetzt. Er war fürsorglich.

"Der Konzern hat kein Mitspracherecht"

Hat der Konzern Mitspracherecht bei dem, was Sie schreiben?

Nein. Die kriegen zwar das Manuskript vorher, allerdings erst das gesetzte Manuskript. Das heißt, darin wird nicht mehr rumgeschmiert und das wissen auch alle.

Sind Sie privat ein Auto-Freak?

Überhaupt nicht. Bei meinen Bosch-Lesungen musste ich den Leuten auch immer sagen: Glauben Sie ja nicht, dass ich Ihnen die Funktionsweise einer Zündkerze erklären kann. Das kann ich nicht. Es ist mir auch so was von egal, wie es funktioniert. Mir geht es nicht um die Technik. Ich möchte ein Buch schreiben für Menschen wie du und ich.

Und über die Region. Warum ist Baden-Württemberg bei Ihnen immer ein Thema?

Mich fasziniert, dass es dieses winzige Land, das ja vor 150 Jahren noch bitter arm war, innerhalb von 50, 60 Jahren geschafft hat, zu einem wirtschaftlichen Motor für die ganze Welt zu werden.

Waren Sie je länger weg?

Nein. Ich bin eine Schwabenpflanze. Es gibt hier so viele fremde Gegenden. Ich war mal Radio-Korrespondent in Villingen-Schwenningen.

Wow.

Das war ganz schön anders. Dort herrscht eine völlig andere Mentalität als in Stuttgart. Die Menschen sind härter im Nehmen.

Haben Sie bundesweit Lesungen?

Meistens nur südlich der Main-Linie.

Weil man sie anderswo nicht versteht?

Das ist nicht der Grund. Ich kann zwar nicht alles, aber hochdeutsch schon - aber bloß, wenn ich mag.

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