Wem kann man überhaupt helfen? Benicio del Toro (li.) zeigt in „A Perfect Day“ ein nuancenreiches Spiel als Helfer, der sich trotz allem nicht völlig desillusionieren lassen will Foto: Verleih

Der Durchbruch kam 1995 mit „Die üblichen Verdächtigen“, danach spielte Benicio del Toro in Guy Ritchies „Snatch“ und in Steven Soderberghs Drogendrama „Traffic“, für das er einen Oscar bekam. Nun ist del Toro in der Kriegs-Satire „A Perfect Day“ zu sehen.

Mr. del Toro, der Humor spielt eine entscheidende Rolle für die Akteure in dieser Kriegs-Satire. Welche Rolle spielt Humor für Sie im privaten Leben?
Humor ist sehr wichtig für mich. Ich versuche möglichst jeden Tag, einen Grund zum Lachen zu finden.
Sie treten oft in politischen Filmen auf, welche Rolle spielt Politik für Sie?
Ich bin kein Politiker, aber ich habe meine Meinung. Privat spende ich gern für wohltätige Zwecke. Und beruflich spiele ich gerne Rollen in Geschichten, die ich erzählenswert und wichtig finde. „Traffic“ ist zum Beispiel so eine Story, wobei ich ja nur der Darsteller bin und nicht der Autor oder Regisseur. Ich mache mich lediglich nützlich für das Drehbuch. Weshalb sollte ich mich politisch äußern? Das überlasse ich lieber den Filmen, in denen ich spiele.
Wie sehen Sie diese Figur Mambrú, die Sie spielen?
Mambrú hat ein bisschen etwas von Che Guevara, nur ohne Revolver. Er ist ein ­Anführer-Typ, der sich an den Realitäten orientiert. Wenn etwa eine Straße nicht passierbar ist, dann wartet er eben lieber, statt Dinge zu erzwingen. Gleichzeitig ist er ­jemand, der mehr tut als ich oder Sie. Er hat seinen Idealismus nicht verloren, er muss bisweilen nur geweckt werden, was jedoch gar nicht so schwierig ist. Insofern würde ich ihn schon als einen Helden bezeichnen.
Kannten Sie die Hintergründe des Bosnien-Konfliktes?
Ich kannte den Balkan-Krieg aus dem Fernsehen und wusste ein wenig über Jugoslawien und Tito. Allerdings waren mir diese ganzen Hintergründe dieses Konfliktes vorher nicht bekannt. Das erfuhr ich alles erst während meiner Vorbereitung auf den Film, und ich war ziemlich beeindruckt davon. Mir gefällt es ausgesprochen gut, wenn meine Arbeit solche Lerneffekte mit sich bringt.
Wenn es nach Ihrem Vater gegangen wäre, wären Sie kein Schauspieler, sondern Anwalt wie er. Wie haben Sie es dennoch geschafft?
Ich habe das meinem Vater gar nicht erst ­gesagt. Ich habe ein bisschen geschwindelt und ihm erzählt, dass mir die Schauspiel-Schule ein Stipendium für ein späteres Studium geben würde. Aber die Schauspielerei war einfach mein großer Traum.
Sie kamen mit 13 aus Puerto Rico in die USA – war das schwierig?
Der Wechsel wurde gemildert, denn ich liebte Rolling Stones, und ich spielte Basketball. Damit fand ich schnell Freunde in der neuen Umgebung. Gleichzeitig fühlte ich mich allein. Ich dachte sehr viel nach, was im Rückblick ziemlich gut für mich gewesen ist.
Würden Sie Ihren Beruf Ihren Kindern empfehlen?
Die Schauspielerei ist ein sehr harter Beruf. Du hast keine Kontrolle über deine Karriere, alles liegt in den Händen anderer Leute oder an Zufällen. Es reicht ja längst nicht aus, gut auszusehen oder Talent zu haben, es spielen sehr viele Elemente mit. Wenn du dann deine erste Rolle bekommst, genügt das nicht. Ich habe fünf Filme gebraucht, um auf mich aufmerksam zu machen. Und schließlich hatte ich das große Glück, von Leuten wie Robert Rodriguez, Steven Soderbergh oder Oliver Stone engagiert zu werden.
Wie groß ist die Gefahr, dass man für die Karriere schlechte Kompromisse macht?
Bisweilen fühle ich mich wie der Mambrú in „A Perfect Day“: Nicht jeder Film ist eine Falle, aber er könnte es sein! (Lacht) Nicht jeder Regisseur ist ein Oliver Stone, aber das weiß man vorher nicht. Ich habe in meinen 26 Jahren in diesem Beruf etliche Filme ­gemacht, und der Ablauf dabei ist eigentlich immer derselbe. Du denkst, du weißt, wie der Hase läuft – und doch ist es jedes Mal ganz anders als zuvor.
Sind Sie vom Resultat auf der Leinwand anschließend bisweilen überrascht?
Absolut. Ich habe Filme gedreht, von denen ich dachte, die wären fantastisch. Als ich sie dann gesehen habe, habe ich meine Meinung schnell geändert. Umgekehrt habe ich mich nach Dreharbeiten auch schon geärgert, dass ich dabei war – und dann wurde das zum besten Film, den ich je gemacht hatte. Man darf sich nicht darauf verlassen, dass ein gutes Skript automatisch zum guten Film wird, man kann sich nicht gemütlich zurücklehnen, man muss ständig am Ball bleiben und hart an seiner Rolle arbeiten – so lange, bis es hoffentlich klick macht.
Wie sehr ärgern Sie sich, wenn ein Film dann schlechter wird als gedacht?
Manchmal sage ich dann: Ich hab’s ja ­gewusst. Ich hab’s euch immer gesagt! Aber das ändert ja auch nichts mehr. Mein Bruder meinte darauf einmal, wenn ich so viel ­Ahnung hätte, solle ich doch gefälligst selbst Regie führen. Und das möchte ich tatsächlich nun auch tun. Wenn man so lange vor einer Kamera steht, hat man irgendwann das Gefühl, man könnte es auch einmal dahinter versuchen. Nicht umsonst schlagen viele Schauspieler ja diesen Weg ein.
Wie war es damals beim Dreh mit Madonna, in deren Musikvideo Sie als Komparse aufgetreten sind?
Ich bekam 120 Dollar und saß in einem Auto. Von Madonna habe ich nicht viel mitbekommen. Ein bisschen konnte ich sie immerhin beim Tanzen beobachten.
Mit welchen Gefühlen sehen Sie sich auf der Leinwand?
Für jemand, der selten in den Spiegel schaut, ist das ein seltsames Gefühl. Ich schaue mir meine Filme deswegen auch nur einmal an. Ich besitze keine DVDs, mit denen ich ein del-Toro-Festival machen könnte. Nur wenn ich zufällig im Fernsehen einen Film von mir entdecke, bleibe ich ein bisschen hängen.
Sie haben eine dreijährige Tochter, wie hat das Ihre Arbeit verändert?
Meine Tochter hat die Arbeit insofern verändert, dass ich nun vor allem nach Filmen Ausschau halte, von denen ich glaube, dass sie ihr eines Tages gefallen könnten und ich sie mit ihr anschauen kann. Aus diesem Grund habe ich vor kurzem eine Synchron-Rolle in „The Little Prince“ übernommen.
Würden Sie aus diesem Grund auf bestimmte Rollen verzichten?
Nein, auf Rollen verzichten würde ich deswegen nicht – woher soll ich heute wissen, wie sie als 21-Jährige denken wird?
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