Corona-Modus auch im Einzelhandel. Lockdown, Neustart, Maskenpflicht und gedämpfte Kauflaune machen Geschäftsleuten zu schaffen. Alexander Kögel äußert sich als Vorsitzender der City Initiative Esslingen zu Einbußen, dem Konkurrenten Internet, verkaufsoffenen Sonntagen und einer unsicheren Zukunft.
Esslingen - Kräftige Kauflaune oder Shoppen auf Sparflamme? Wie geht es dem Einzelhandel im sich ständig ändernden Corona-Modus? Dazu ein Gespräch mit Alexander Kögel, Vorsitzender der City Initiative Esslingen.
Wie geht es dem Esslinger Handel?
Wir kämpfen. Es wird zwar immer besser, aber wir sind noch lange nicht dort, wo wir hinwollen. Aktuell hatten wir im Juli einenUmsatzrückgang von gut zehn Prozent im Non-Food-Einzelhandel, im April waren es aufgrund der Schließungen an die 90 Prozent, und insgesamt sind die Umsätze im ersten Halbjahr 2020 um ungefähr 40 Prozent eingebrochen. In Vor-Corona-Zeiten haben wir Einbußen von zwei bis vier Prozent schon als Katastrophe angesehen. Aber nicht alle Sparten sind gleich stark von den Verlusten betroffen. Manche Sportartikel wie zum Beispiel Laufschuhe sind nicht so schnell lieferbar, wie sie nachgefragt werden.
Der Lockdown wurde gelockert – trotzdem gibt es noch immer Einbußen?
Es gibt viele Gründe für die momentanenUmsatzeinbußen: Die Menschen haben keine Lust, beim Einkaufen eine Maske zu tragen, sie haben Angst vor einer Ansteckung, sind unsicher und vorsichtig, und die Kunden sind wegen Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit sparsamer geworden oder haben Sorge, bald kein Geld mehr zu haben. Viele sind im Homeoffice und brauchen daher viel weniger neue Kleidung. Viele Anlässe wie Familienfeiern, Großevents oder offizielle Veranstaltungen und somit der Wunsch nach einer Auffrischung des Kleiderschranks fallen weg. Manche Kunden, etwa Konfirmanden oder Konfirmandinnen, wollten auch ihr bereits gekauftes festliches Outfit zurückgeben, weil der Anlass ja weggefallen ist.
Gibt es in Esslingen Geschäftsaufgaben wegen Corona?
Nein, bisher zum Glück nicht. Den Menschen hier sind die persönliche Beratung und der Einkauf vor Ort wichtig, und die Esslinger stehen zu ihrer Innenstadt.
War die Aufhebung desShutdowns eine Erleichterung?
Generell ja. Aber er kam sehr unerwartet. Wir haben am Samstag erfahren, dass wir ab Montag wieder öffnen dürfen – aber viele Hygienemaßnahmen wie Maskenpflicht, Installierung von Schutzscheiben oder Abstandsregelungen umsetzen müssen. Das war so kurzfristig ein riesiger Kraftakt.
Was kann der Esslinger Handel zur Verbesserung der Lage tun?
Wir tun das, was wir am besten können: Wir kümmern uns intensiv um unsere Kunden. Darüber hinaus versuchen wir, mit dem Projekt „Online handel(n)“ unsere Mitglieder fit in Sachen „neue Medien“ zu machen. Außerdem hoffen wir, mit „Stadt up“ Gründer für die Ansiedlung in Esslingen zu gewinnen.
Was passiert mit den verkaufsoffenen Sonntagen in Esslingen?
Hier sind wir in einer kniffligen Situation. Denn bis 31. Oktober sind Großveranstaltungen ja verboten, und wir haben für den 8. November einen verkaufsoffenen Sonntag geplant. Sollte die Durchführung möglich sein, haben wir nur sehr wenig Zeit für die Vorbereitungen. Aber wir würden ihn dennoch gerne veranstalten. Denn verkaufsoffene Sonntage sind wichtige Umsatztage, die sich lohnen und an denen auch viele Besucher nach Esslingen kommen, die unsere schöne Stadt und unsere Geschäfte neu entdecken. Da in Baden-Württemberg grundsätzlich drei verkaufsoffene Sonntage zulässig sind, könnte ich mir auch vorstellen, die Umsatzeinbußen dadurch zu mildern, dass wir 2021 ausnahmsweise einen dritten verkaufsoffenen Sonntag andenken – normalerweise sind es ja immer zwei. Das ist aber noch ein langer Weg. Wir werden hierzu unsere Mitglieder befragen und dann gegebenenfalls in Gespräche mit den Kirchen, der Stadt und dem Gemeinderat treten. Da man ja immer einen Anlass dafür braucht, würde sich hierfür das Bürgerfest anbieten, denn dann sind immer sehr viele Leute in der Stadt. Und die lange Einkaufsnacht „Es funkelt“ wurde ja gecancelt, doch unser City-Manager Thomas Müllerhat als Ersatz das „Sommerfunkeln“organisiert. Bis Samstag, 12. September, gibt es vor, in und zwischen den Geschäften Aktivitäten wie Kinder-, Spiel-, Sport-, Kunst- und Kulturaktionen.
Der Weihnachtsmarkt steht auch in der Diskussion?
Da sind ja drei Varianten in der Auswahl, und ich hoffe, dass die angedachte Idee mit dem eingezäunten Areal und der Einlasskontrolle nicht zum Tragen kommt. Denn dabei fehlt doch die Leichtigkeit. Mit den beiden anderen Varianten, den Inseln oder den wenigen Ständen, könnten wir leben. Denn der Weihnachtsmarkt ist ein Frequenzbringer, und er steigert unseren Umsatz im Dezember um gut 20 Prozent im Vergleich zu Geschäften in Städten ohne Weihnachtsmarkt.
Hat das Internet auf Kosten des heimischen Einzelhandels von Corona profitiert?
Da höre ich ganz unterschiedliche Dinge. Die Zahlen bei Amazon sind ja beispielsweise in die Höhe geschnellt, doch bei anderen Anbietern ist das Geschäft rückläufiger, weil die Menschen allgemein nicht mehr so viel einkaufen. Viele einheimische Geschäfte haben in der Corona-Zeit einen Onlinehandel aufgebaut. Aber das ist sehr aufwendig. Der Otto-Versand spricht davon, dass es 60 Euro kostet, bis ein einziger Artikel online angeboten werden kann, da Ausgaben für Fotografien oder Produktbeschreibungen anfallen. Das ist viel für einen kleinen Händler. Das Internet profitiert von zwei Vorurteilen. Einmal soll es bequemer sein. Das stimmt aber nicht. Denn wenn die Menschen die Artikel zurückschicken – und das ist bei 50 Prozent der Waren der Fall – haben sie einen großen Aufwand. Und dann ist das Online-Shoppen auch nicht billiger, denn die Preise schwanken stark im Internet.
Wie geht es aus Ihrer Sicht weiter im Einzelhandel?
Der Volksmund behauptet zwar, dass „die Hoffnung des Kaufmanns Tod ist“. Doch in dieser speziellen Lage hoffe ich, dass die Normalität zurückkehrt. Und zwar nicht die neue Normalität, sondern die zuvor gewohnte.
Und wenn ein zweiter Lockdown käme?
Ein erneuter Lockdown wäre eine echt schwierige Nummer. Dann würde es bei vielen Einzelhändlern, die nicht mit genügend liquiden Mitteln ausgestattet sind, an die Existenz gehen. Denn ohne liquide Mittel können die Ausgaben etwa für Miete oder Gehälter nicht bezahlt werden. Dann ginge es für viele von uns und unsere Innenstädte ums Überleben.