Sebastian Sage wirft zum Abschied einen letzten Blick aus dem Rathausfenster auf die Stadt. Foto: Eva Funke

Sebastian Sage war viele Jahre SPD-Bezirksbeirat und auch stellvertretender Bezirksvorsteher. Nun verlässt er das Gremium. Ein Interview zum Abschied.

Stuttgart - Herr Sage, Sie geben Ihr Amt als stellvertretender Bezirksvorsteher auf und haben am vergangenen Montag zum letzten Mal als stellvertretender Bezirksvorsteher eine Sitzung geleitet. Was fühlen Sie: Wehmut oder Erleichterung?

Die Dankesbriefe zu meinem Abschied lesen sich, als würde ich beerdigt. Mir hat das Amt immer Spaß gemacht. Doch muss auch mal ein Generationenwechsel sein. Ich denke seit längerem darüber nach, wen ich als Nachfolger aufbauen kann. Nach dem miserablen Ergebnis der SPD bei der Kommunalwahl hat sich das erübrigt. Wir haben jetzt leider nur noch einen statt zwei Sitze im Beirat. Das tut mir weh.

Wie lange waren Sie im Bezirksbeirat von Stuttgart-Nord?

O je, da müsste ich nachschauen. Schon vor ein paar Jahren habe ich die Plakette für 30 Jahre Mitgliedschaft bekommen. Als stellvertretender Bezirksvorsteher bin ich seit zehn Jahren dabei. Der Posten hätte eigentlich den Grünen auf Grund ihrer Wahlerfolge zugestanden. Die hatten aber keinen passenden Kandidaten. Beim ersten Mal wurde ich nur gegen Widerstände gewählt. Beim zweiten Mal ging meine Wahl problemlos durch.

Wie kam’s zu Ihrem Engagement im Beirat?

Die 40 Euro Sitzungsgeld sind’s gewiss nicht. Durch den Bürgerverein bin ich in den 80er Jahren in die Politik gerutscht. Eins der großen Thema war damals die alte Messe am Killesberg. Die passte vielen Anwohnern nicht, weil nachts angeliefert und die Messe außerdem ständig erweitert worden ist. Das war mit Lärm und Schmutz verbunden. Irgendwann gab es keine Flächen mehr für Erweiterungen. Und weil der damalige Messe-Chef Rainer Vögele unbedingt eine größere Messe wollte, hat er den Druck des Bürgervereins für einen Neubau nicht ganz uneigennützig gefördert.

Was hat sich im Norden seit Ihrem Start im Bezirksbeirat verändert?

Es gab damals keinen Tunnel am Pragsattel und kein Löwentorzentrum. Tempo 50 war in allen Anwohnerstraßen üblich. Zum Killesberg ist noch die Straßenbahn gefahren. Den „Ort der Erinnerung“ zum Gedenken an die Todestransporte von Stuttgart in die Konzentrationslager gab es nicht. Und auf dem Südmilchgelände war noch die Südmilch. Der Norden hat sich in den vergangenen 30 Jahren völlig gewandelt und steht jetzt wieder vor einem Umbruch mit dem Projekt Rosenstein.

Was werten Sie als Ihren größten Erfolg?

Ich denke, dass ich in Zeiten, in denen die CDU in Stuttgart noch die absolute Mehrheit hatte, mit sachlichen Argumenten Überzeugungsarbeit geleistet habe und dadurch bei den Abstimmungen gute Kompromisse zustande gekommen sind. Ich habe mich immer als Mediator und Vermittler gesehen.

Sie haben nie für den Gemeinderat kandidiert. Warum nicht?

Das Angebot hatte ich zwar. Ich bin sogar gefragt worden, ob ich nicht im Umland Bürgermeisterkandidat sein wollte. Aber ich hab nie eine richtige politische Karriere angestrebt. Außerdem halte ich die Arbeit im Stadtbezirk für so wichtig, dass man sie nicht nur als Sprungbrett für höhere Ämter nutzen sollte.

Was werden Sie am meisten vermissen?

Schade ist, dass ich im Bezirksbeirat nicht die Entwicklung des Rosensteinviertels begleite. Die ist für mich als Architekt spannend. Aber als Vorsitzender des Vereins Stadtplanungsforum tobe ich mich bei dem Thema trotzdem weiter aus. Wichtig ist, dass das neue Wohngebiet keine Insel im Park wird, sondern an die bestehende Bebauung andockt. Nur, wenn man das hin bekommt, wachsen die Viertel zusammen.

Was braucht der Norden dringend?

Endlich ein Bürgerhaus. Wir sind der einzige Stadtteil, der das nicht hat. Es wurde mal diskutiert, ob das in einer alten Messehalle am Killesberg eingerichtet werden könnte. Aber das wäre für die Menschen im Nordbahnhofviertel zu weit weg. Denn das Prag-Viertel und der Killesberg fallen sowieso auseinander. Im ehemaligen Bürgerhospital wird der geeignete Ort dafür sein, und dann wird auch die Chance bestehen, dass der Norden oben und der Norden unten zusammenwachsen

Was würden Sie sich fragen, wenn Sie sich interviewen würden?

Gute Frage. Wahrscheinlich, ob ich mich vor Langeweile fürchte.

Ist’s denn so?

Nein, überhaupt nicht. Ich plane Urlaube zum Beispiel auf Sardinien und in der Bretagne. Etwas mehr Privatleben darf auch sein. Und ich habe ja mein Büro. Dort schleiche ich mich in knapp zwei Jahren raus. Die Nachfolge ist bereits geregelt. Und ich leite den Verein Stadtplanungsforum, der sich in stadtpolitische Fragen einmischt.

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