Die Biennale Sindelfingen hat sich das Thema Vielfalt auf die Fahnen geschrieben und setzt dieses Motto erstmals auch in Form interreligiöser Veranstaltungen um. Den Anfang macht am 2. Juli ein Friedenskonzert in der Ulu-Moschee.
Wer vom Goldberg aus über Sindelfingen schaut, sieht zwischen den Daimler-Schornsteinen ein weiteres Türmchen aufragen. Es ist das Minarett der Ulu-Moschee. Das markante Gebäude im Industriemischgebiet „Am Hirnach“, nur wenige hundert Meter entfernt von Hornbach und Erospark, ist Sindelfingens größtes islamisches Gotteshaus. Hunderte Menschen fahren tagtäglich dort vorbei. Betreten haben die Moschee aber nur wenige.
So ging es bisher auch Markus Nau. „Ich habe mir schon lange gewünscht, da mal Musik zu machen“, sagt Sindelfingens Kulturamtsleiter und langjähriger Musikschulleiter. Einen ersten Schritt in diese Richtung schlug der Dirigent schon vor sechs Jahren ein, als er mit dem Sindelfinger Kammerchor bei der Biennale 2017 das Händel-Oratorium „Israel in Egypt“ mit deutschen, arabischen und israelischen Mitwirkenden in der Dreifaltigkeitskirche aufführte.
Ulu-Moschee-Vorstand zeigte sich offen für die Konzert-Idee
Weil die Biennale 2023 unter dem Motto „Vielfalt“ steht, sah Nau nun die Chance, weiterzugehen auf diesem Weg der interreligiösen Begegnung. Also sprach er Murat Gülec an. Der Vorsitzende des Sindelfinger Ablegers des Religionsverbands DİTİB, zu der auch die Ulu-Moschee gehört, zeigte sich offen für die Idee, in dem islamischen Gotteshaus ein Konzert zu veranstalten.
Die Ulu-Moschee war es auch, die nach den tödlichen Schüssen im Sindelfinger Mercedes-Werk am 11. Mai ein Beerdigungsgebet für die Toten abhielt. Zudem mahnte ein Facebook-Post die Gemeindemitglieder zur Zurückhaltung, weil in den Sozialen Medien Gerüchte über ein politisches Motiv des Schützen kursierten. Mittlerweile sind diese Ereignisse wieder etwas in den Hintergrund gerückt.„Das war kein Thema in unseren Abstimmungen“, sagt Nau.
Weil im Islam nichts vom Gotteslob ablenken soll, ist instrumentale Musik in einer Moschee untersagt. „Das gibt es ja auch in der Orthodoxen Kirche“, sieht Nau Parallelen zum Christentum. Da Gesang aber erlaubt ist, wird Nau an diesem Sonntag mit dem Kammerchor ein „Konzert für den Frieden“ in der Ulu-Moschee dirigieren. Auf dem Programm stehen vor allem auf Psalmtexten basierende Motetten vom Barock bis zur Moderne.
Dazwischen wird Yusuf Yavuzyasar, der Religionsbeauftragte der Moschee, Verse aus dem Koran als Gebetsgesang vortragen. „Das ist ein relativ junger Mensch, verheiratet, mit Kind. Er hat in Tübingen Philosophie und Islamische Religionswissenschaften studiert“, sagt Nau über Yavuzyasar. Der Moschee-Mitarbeiter selbst äußert sich „nach Absprache mit dem Attaché“ nicht im Vorfeld zum Konzert. Als offizieller Beamter und Religionsbeauftragter seien ihm jegliche Statements gegenüber Reportern untersagt. Offenbar reicht der lange Arm des staatlichen Präsidiums für religiöse Angelegenheiten, dem der DİTİB-Verein unterstellt ist, von Ankara bis nach Sindelfingen.
Frauen müssen ausdrücklich kein Kopftuch tragen
Den nicht-muslimischen Gästen gegenüber ist man in der Ulu-Gemeinde anscheinend nicht so streng: Zwar müssen die Schuhe vor dem Betreten des Sakralraums ausgezogen werden und es wird um angemessene Kleidung gebeten. „Aber Frauen müssen ausdrücklich kein Kopftücher tragen“, betont Markus Nau. Zudem weist er darauf hin, dass das Konzert nicht bestuhlt ist. „Aber wer nicht auf dem Boden sitzen kann, bekommt einen Stuhl“, sagt er.
Ganz ohne solche organisatorischen Hinweise kommt zwei Wochen später ein weiteres interreligiöses Friedenskonzert aus. Der Grund: Hier lädt Bezirkskantor Daniel Tepper am 16. Juli nicht in eine Kirche, sondern in die Sindelfinger Stadthalle, wo er mit zwei Vokalensembles (Cappella Nuova und Sindelfinger Kinder- und Jugendchor) und einer Gesangssolistin die Friedensmesse „The Armed Man“ des britischen Komponisten Karl Jenkins aufführen wird. Ein Orchester in großer Besetzung wird die Mitwirkenden begleiten und damit das Werk des stark von Filmmusik und Musical geprägten Komponisten klangmächtig umsetzen.
Das Orchester – inklusive eine Batterie von fünf Schlagzeugern – ist laut Tepper auch der Hauptgrund dafür, dieses epische und stark rhythmisch geprägte Werk in der Stadthalle aufzuführen. „Mit Orchester haben wir da knapp 60 Leute auf der Bühne, die bekomme ich in der Martinskirche gar nicht unter“, sagt der Kirchenmusiker. Hinzu kommt, dass die ersten Planungen für dieses Konzert in die Pandemiezeit zurückreichen, als bei der Raumsuche noch das Abstandsgebot eine zentrale Rolle spielte.
Ein weiteres, nicht ganz unwesentliches Argument dafür, das Konzert gewissermaßen auf neutralem Boden zu veranstalten, ist der Ansatz der Friedensmesse, unterschiedliche Glaubensrichtungen einzubeziehen. Deswegen kommt hier neben Chorpassagen in verschiedenen Sprachen auch der Gebetsgesang eines Muezzin vor. Eine im Stuttgarter Eberhardsdom geplante Darbietung der Jenkins-Messe hatte deshalb vor vier Jahren hohe Welle geschlagen. Weil der katholische Stadtdekan Christian Hermes kein „Allahu Akbar“ in einer Kirche hören wollte, erteilte er dem Solitude-Chor und dem Sinfonieorchester der Universität Hohenheim damals eine Abfuhr.
Tepper: Muezzin-Gesang passt besser in die Stadthalle
„Es ist eben ein Stück, das sehr stark auf Toleranz setzt und deshalb vor allem in konservativen Kreisen auch auf Kritik stößt“, sagt Tepper. Und auch wenn er das Sindelfinger Publikum grundsätzlich für sehr aufgeschlossen halte, wolle er lieber nicht herausfinden, ob eine kirchliche Aufführung hier womöglich für ähnlich große Aufwallungen sorgen würde.
Für die arabischen Rezitationen hat Tepper den Esslinger Ahmet Gül angefragt, der schon bei anderen Aufführungen der Messe mitgewirkt hat. Gül, der von Geburt an blind ist, wird erst am Konzerttag zu den anderen Mitwirkenden stoßen. Eine gemeinsame Probe im Vorfeld ist laut Tepper nicht geplant und auch nicht notwendig. „Vielleicht kann er für mich mal ins Telefon singen“, sagt der Kirchenmusiker und Dirigent.
Die Friedensmesse in der Stadthalle ist laut Kulturamtsleiter Markus Nau als eine Art Gegenbesuch zum Moschee-Konzert gedacht. Zu den beiden Musikveranstaltungen kommt noch ein dritter interreligiöser Baustein hinzu. Unter dem etwas irreführenden Begriff „Sindelfinger Pilgerwege“ bieten verschiedene Religionsgemeinschaften an drei Terminen geführte Spaziergänge zu ihren jeweiligen Gotteshäusern an.
„Man darf sich das aber nicht wie einen Kreuzweg oder eine Andacht vorstellen“, betont Nau. Vielmehr seien die „Pilgerwege“ als Begegnungs- und Informationsveranstaltung gedacht. „Es geht darum, sich gegenseitig kennenzulernen“, formuliert er den Gedanken, der hinter all diesen Angeboten stehe. „Denn wer einander gut kennt, der kämpft nicht gegeneinander“, ist der Biennale-Organisator überzeugt.
Interreligiöse Begegnungen im Zeichen der Musik
Konzerte
Am Sonntag, 2. Juli, um 19.30 Uhr gastiert der Sindelfinger Kammerchor in der Ulu-Moschee. Der Eintritt ist frei, um Spenden wird gebeten. Die Aufführung der Friedensmesse „The Armed Man“ findet am Sonntag, 16. Juli, in der Stadthalle Sindelfingen statt. Karten für 18 Euro gibt es im Vorverkauf beim Sindelfinger i-Punkt, Telefon 0 70 31 / 943 25.
Pilgerwege
Im Rahmen der Biennale laden die Angehörigen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften an drei Samstagen zu Austausch und Begegnung in ihre Gotteshäuser und Einrichtungen ein. Die Wanderungen finden am 1., 8. und 15. Juli jeweils um 16 Uhr statt. Weitere Infos unter www.biennale-sindelfingen.de