Nach jahrelangem Stillstand wurde mehreren Kommunen im Rems-Murr-Kreis und im Kreis Ludwigsburg ein schneller Ausbau versprochen. Jetzt kommt es zum überraschenden Offenbarungseid.
Bei den seit Monaten stockenden Planungen für den Glasfaser-Ausbau hat nicht nur die Gemeinde Kernen die Notbremse gezogen. Auch in zwei anderen Rems-Murr-Kommunen, Urbach und Plüderhausen, steht die Zusammenarbeit mit den bisherigen Kooperationspartnern vor dem Aus.
Im Nachbarkreis Ludwigsburg sind die Kommunen Erdmannhausen, Löchgau, Freudental und der Marbacher Stadtteil Rielingshausen von den Querelen betroffen. Und in Waiblinger Kernstadt hat der bereits für das Jahr 2024 angekündigte Baustart in der Kernstadt nie stattgefunden.
Über seine Homepage hisst der Kooperationspartner UGG die weiße Flagge
Handwerksbetriebe und Einzelhändler müssen deshalb weiter auf eine schnelle Verbesserung der Internetversorgung warten – ebenso wie im Homeoffice arbeitende oder auf der heimischen Couch surfende Normalbürger. Auslöser ist, dass das für den geplanten Ausbau verantwortliche Unternehmen „Unsere Grüne Glasfaser (UGG)“ offenbar die Segel streicht.
„Leider werden wir den Glasfaserausbau in Ihrer Gemeinde nicht wie angekündigt durchführen können“, ist auf der Homepage der in Ismaning bei München sitzenden Firma zu lesen. „Ihr gewählter Internetanbieter wird Sie zu gegebener Zeit über das weitere Vorgehen in Bezug auf Ihren Vertrag informieren“, heißt es bei Aufruf der jeweiligen Ausbaugebiete weiter.
Eine konkrete Begründung bleibt das Unternehmen, eine gemeinsame Tochter des Versicherungskonzerns Allianz und der auch durch die Marke O2 bekannten spanischen Telekommunikationsanbieters Telefónica, auf seinem Internetauftritt schuldig. Branchenexperten vermuteten schon im vergangenen Sommer, dass sich die UGG mit einer Vielzahl oft ländlich gelegener Ausbauprojekte übernommen hat – und der Firma für eine zeitnahe Abwicklung ihrer Auftragsliste schlicht das Personal fehlt.
„Erschrocken über den plötzlichen Ausbau-Stopp“
Bemerkenswert am Offenbarungseid des bayerischen Anbieters ist, dass selbst die als Kooperationspartner mit im Boot sitzende GVG Glasfaser aus Kiel nur über die Homepage vom Ausbau-Stopp erfahren haben will. „Wir sind erschrocken darüber, dass es nach mehreren Verzögerungen in puncto geplanter Ausbaustart nun völlig überraschend zur aktuellen Situation gekommen ist und wir diese Information – wie die Kommunen, Kundinnen und Kunden sowie Gewerbebetriebe auch – ohne weitere Erklärung über die Internetseite der UGG zur Kenntnis nehmen mussten“, heißt es in einer Mitteilung des norddeutschen Unternehmens.
Geschäftsführer Thorsten Fellmann kündigt deshalb nicht nur die Prüfung rechtlicher Schritte gegen den bisherigen Ausbau-Partner an. Der Chef der GVG Glasfaser verspricht auch, umgehend in den Austausch mit den betroffenen Kommunen zu gehen und in enger Abstimmung mit der Gigabit Region Stuttgart nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen.
„Wir bedauern die nun entstandene Situation sehr“, erklärt Fellmann – und erinnert daran, dass der Glasfaser-Ausbau in Erdmannhausen, Freudental, Löchgau, Plüderhausen, Rielingshausen und Urbach schon mit dem ersten Kooperationspartner gescheitert war. Obwohl nach Darstellung der GVG Glasfaser über die Marke Teranet genügend Kundenverträge für einen wirtschaftlich rentablen Ausbau eingeholt worden seien, habe die mit der Abwicklung betraute Deutsche Giga Access (DGA) die geplanten Projekte leider nicht aufs Gleis gebracht.
Im Mai 2024 hatte das Kieler Unternehmen die Zusammenarbeit deshalb beendet – und Kommunen wie Kunden mit der UGG einen neuen Partner präsentiert, der endlich Schwung in den Glasfaser-Ausbau bringen sollte. Doch ein Ende des Stillstands brachte die Kooperation mit der Allianz-Tochter nicht. Und auch die versprochenen Verbesserungen bei der Informationspolitik stellten sich unter neuer Regie nicht ein. Für Kernen beispielsweise ist auf der Teranet-Homepage nach wie vor von einem „Baubeginn im zweiten Quartal 2025“ die Rede – auch wenn kein einziger Kabelstrang wirklich verlegt worden ist.
Bürgermeister: „Unser Vertrauen ist unwiederbringlich verloren“
In den betroffenen Rathäusern dürfte der Verweis auf angeblich säumige Kooperationspartner deshalb für Stirnrunzeln sorgen. Gewertet wird die Mitteilung aus Kiel als Versuch, längst weggeschwommene Felle zu retten. „Unser Vertrauen in das Unternehmen ist unwiederbringlich verloren“, sagt Kernens Bürgermeister Benedikt Paulowitsch. Der Rathauschef spricht von einer „Zumutung“ für die auf eine bessere Internetversorgung wartenden Bürger.
Die Gemeinde hatte den Kooperationsvertrag mit der GVG Glasfaser wegen des Verstreichens ausdrücklich zugesagter Starttermine mit sofortiger Wirkung aufgekündigt und von einer „Zumutung“ für die auf eine bessere Internetversorgung wartenden Bürger gesprochen. Dem Kieler Unternehmen warf der Bürgermeister ein „nicht seriöses Geschäftsgebaren“ vor. „Wir haben uns in der Vergangenheit bewusst zurückgehalten, um das Projekt nicht zu gefährden. Wir haben Zugeständnisse gemacht, Kompromisse angeboten, koordinierten Tiefbau zugesagt und die Gemeinde als verlässlichen Partner positioniert. Was wir im Gegenzug erhalten haben, war Schweigen, Unverbindlichkeit und letztlich nichts“, entlud sich beim frustrierten Schultes der aufgestaute Ärger.