Beim Glasfasernetz hat Fellbach gewaltigen Nachholbedarf. Foto: dpa

Ob die Stadtwerke Fellbach sich mit Millioneninvestitionen engagieren, soll bis Mitte 2018 entschieden werden.

Fellbach - Schnelles Internet? Wenn viele Betroffene bei der Umsetzung der hehren Ambitionen den Eindruck einer „lahmen Ente“ oder „schleichenden Schnecke“ haben, dann ist etwas faul – grundsätzlich im Staate Deutschland und ganz speziell in der Großen Kreisstadt Fellbach.

Zahlreiche Geschäftsführer und Firmenchefs verschafften am Donnerstagabend im Rahmen einer öffentlichen Fraktionssitzung der Freien Wähler/Freien Demokraten ihrem Ärger lautstark Luft und belegten dies mit etlichen Negativbeispielen aus der täglichen betrieblichen Praxis. Steffi Stambera ist Geschäftsführerin der gleichnamigen Verpackungsmaschinen GmbH. Sie berichtete davon, dass wegen des „so schlechten Internets “ Fehler nicht erkannt werden könnten und die eigentlich vorgesehen 40 Pakete pro Minute nicht abgefertigt und ausgeliefert werden könnten. „Dabei haben wir unsere Kunden weltweit, bloß nicht hier.“ Sie schilderte miserable Bedingungen, wenn es zwei Stunden brauche, eine Datei runterzuladen. Ihr klare Ankündigung: Man sei schon dreimal umgezogen, von Stuttgart nach Esslingen und dann nach Fellbach. Doch wenn sich bis in zwei Jahren nichts verbessere, „werden wir weg ziehen“.

Der Verband Region Stuttgart habe die Brisanz des Themas erkannt und werde nun aktiv

Auch beim Fellbacher Unternehmen Nico gibt’s reichlich Frust. Die erforderlichen Leitungen im Gigabit-Bereich „kriegen wir nicht“, so Geschäftsführer Dietmar Schmid – obgleich der Anschluss „technisch nicht so schwer ist – eigentlich“. Eine Lösung sieht er im Engagement der Stadtwerke Fellbach – das habe sogar „wirtschaftliche Chancen“, wenn man ein Netz aufbaue und Mieteinnahmen habe. Auch für Paul Böhringer, Seniorchef der Firma Hafner Messtechnik, ist die Situation bei der Breitbandversorgung und Glasfaserkabeln „erschreckend“ . Immerhin, der Verband Region Stuttgart habe die Brisanz des Themas erkannt und werde nun aktiv.

Den Vorwurf einer gewissen Schläfrigkeit auf dem Rathaus wollte indes Baubürgermeisterin Beatrice Soltys nicht so stehen lassen. „Bei uns schlummert das nicht, sondern ist Thema Nummer eins“, erklärte sie im Mörike-Keller. „Dass die Lage ernst ist, wissen wir auch im Rathaus.“ Die Stadt achte mittlerweile „bei jedem Straßenbau“ darauf, dass „Leerrohre drin sind“. Wenn dann Leitungen folgen, „ziehen wir die einfach durch, da muss man nicht aufbuddeln, sondern kann zackig nachrüsten“. Doch natürlich gebe es in manchen Gebieten eine unbefriedigende Versorgung, „die Zeituhr tickt, und zwar verdammt schnell“.

Geschäftsführer Gerhard Ammon versprach, dass ein Leerrohrkataster erstellt werde

Auf die Anregung im Auditorium, wonach doch unbedingt die Fellbacher Stadtwerke einspringen müssten, reagierte deren Geschäftsführer Gerhard Ammon allerdings zurückhaltend. Häufiges Problem sei, wie er alle paar Tage von Kollegen anderer Kommunen höre, dass die Stadtwerke einsteigen – und dann private Firmen wie Telekom oder Vodafone nachziehen, mit billigeren Angeboten aufwarten und so die Stadtwerke auflaufen lassen. Wenn die Fellbacher Stadtwerke tatsächlich einsteigen – dann müsse er zuvor im Aufsichtsrat die Frage stellen: „Seid ihr bereit, acht Millionen Euro zu investieren – ich kann aber nicht garantieren, dass das Gewinn bringt.“ Ammon versprach, dass ein Leerrohrkataster erstellt werde und dass im Anschluss an eine Umfrage unter Fellbacher Firmen „bis Mitte nächsten Jahres eine Entscheidung fällt: Wer macht bei uns was, und wie kommt es zur Ausführung?“

Der Volkswirtschaftsprofessor Stefan Seiter von der ESB Business School Reutlingen, seit eineinhalb Jahren FDP-Parteimitglied und Teilnehmer der diskussionsfreudigen Runde im Mörike-Keller, bezeichnete es als durchaus sinnvolle Überlegung, das Glasfaser-Netz in die eigene Hand zu nehmen. „Das ist kurzfristig denkbar, auch wenn es eine riesige Summe ist.“ Sein Fazit: „Selbst wenn es acht Millionen Euro kostet, ist es eine sinnvolle Investition.“ Dies komme Fellbach und dem hiesigen Wirtschaftsstandort zugute. Seine Warnung: „Unternehmer sind mobiler als früher – sie sind also schnell weg“, wenn die Grundlagen nicht vorhanden seien.

Bei den Themen Digitalisierung und schnelles Internet, erläuterte Freie-Wähler-Fraktionschef Ulrich Lenk, habe auch er als Kreisrat lange Zeit gedacht, dass dies nur Probleme der Provinz, etwa des Welzheimer Waldes oder der Backnanger Bucht, seien – aber doch nicht in Fellbach. Stattdessen zeige sich nun, dass es auch in der prosperierenden Großen Kreisstadt im vorderen Remstal viele „weiße Flecken“ gebe, die Gewerbetreibende und Industrielle in Not bringen. Seine klare Aufforderung an die Stadtverwaltung, nachdem seine Fraktion bereits vor einigen Wochen einen entsprechenden Antrag eingereicht hat: „Wir müssen das Thema ganz schnell in den Gemeinderat bringen, denn dort haben wir bisher noch nie darüber diskutiert.“

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