Internet der Dinge Hörgeräte werden zum Lifestyle-Produkt

Von Daniel Gräfe 

Kleine Mini-Computer: Mehr als eine Million Hörgeräte wurden 2015verkauft. Foto: Fotolia
Kleine Mini-Computer: Mehr als eine Million Hörgeräte wurden 2015verkauft. Foto: Fotolia

Früher waren Hörgeräte vielen peinlich. Seitdem sie mit Smartphone und Internet vernetzt werden können, haben sie sich zu trendigen Mini-Computern entwickelt. In der Branche herrscht Vollbeschäftigung.

Stuttgart - Thomas Lorié, Inhaber des Stuttgarter Fachgeschäfts Der Hörakustiker, kennt die Branche schon seit Jahrzehnten. Doch die technischen Entwicklungen beeindrucken selbst ihn. Hörgeräte, einst als fleischfarbene klobige Apparate verschrien, haben sich zu trendigen Mini-Computern entwickelt, die über Drahtlosfunk mit dem Handy kommunizieren können. „Männer unterhalten sich ja gern über alles, was sie auf ihrem Smartphone haben. Jetzt ist es für manche durchaus schick, die Technik der Hörgeräte ihren Freunden zu erklären.“

Lorié nimmt eines jener High-End-Geräte aus der Vitrine, die schwerhörige Kunden mit einem iPhone verbinden können. In den Farben Weiß und Schwarz verkaufen sie sich am häufigsten. Das Linx des dänischen Herstellers ReSound bietet wie andere Produkte der Preisklasse Funktionen, die die Branche so zuversichtlich machen: Mit dem Smartphone gekoppelt, lassen sich per App viele leidige Situationen besser meistern: Das Outdoor-Programm unterdrückt Straßenlärm und Windgeräusche. Im Restaurant lässt sich der Winkel des eingebauten Richtmikrofons so verändern, dass es die Gegenübersitzenden erfasst. Das System lässt sich auch direkt mit dem Fernseher oder der Hi-Fi-Anlage koppeln – die Akustiksignale werden direkt vom Hörgerät erkannt, der Träger kann sich weiterhin mit dem Sofanachbarn unterhalten. Der Effekt ist im Selbst-Test verblüffend: Im besten Fall lässt sich etwa mit justiertem Richtmikrofon ein weiter entfernter Gesprächspartner sogar etwas besser verstehen, als ein normal Hörender dies kann.

Der Hörakustiker spricht von einem „Quantensprung“

„Bei den Hörgeräten gibt es einen Quantensprung“, sagt Lorié. „Es ist jetzt nicht nur ein medizinisches Produkt, sondern auch ein Begleiter für den digitalen Alltag.“ So bieten neueste Geräte die Technik, die man von Headsets und vernetzten Kopfhörern kennt. Mit dem Handy verbunden, funktioniert das Hörgerät bei einem Telefonat als Hörer, während man in das Mikrofon des Handys spricht. Das ist auch für die Verbraucher interessant. „Die Kunden kommen jetzt auch mal aus Neugier in meinen Laden“, sagt Loiré.

Das beobachtet man auch beim Bundesverband der Hörgeräteindustrie. „Die neue Funktionsvielfalt kann die Hemmschwelle nach unten setzen, eher ein Hörgerät zu kaufen“, sagt der Vorsitzende Stefan Zimmer.

Das wirkt sich auch auf die Verkaufszahlen aus, heißt es bei der Bundesinnung der Hörgeräteakustiker. Demnach wurden 2014 erstmals über eine Million Geräte verkauft – 1,22 Millionen Betrug der Rekordabsatz. Ein Grund ist der neue Festbetrag der Krankenkassen, der Ende 2013 um rund 360 Euro auf knapp 785 Euro stieg. Viele bislang unversorgte Schwerhörige legten sich offenbar erstmals eine günstige Hörhilfe zum Preis der Kassenleistung zu.

Dass nicht nur der höhere Festbetrag eine Rolle spielt, zeigte sich für viele überraschend im Jahr darauf: 2015 wurden mit 1,17 Millionen annähernd viele Geräte verkauft, der Umsatz betrug rund 1,5 Milliarden Euro. Für 2016 sagt die Innung gar eine weitere Steigerung beim Absatz voraus. Die Branche der Hörgerätehersteller und –akustiker hat sich damit klammheimlich zur Boombranche entwickelt, in der Vollbeschäftigung herrscht. Die rund 3000 Azubis, die es in den 6000 Betriebsstätten gibt, dürften wohl großteils übernommen werden. Die Aufbruchstimmung spürt man auch bei der Stuttgarter Widex Hörgeräte GmbH, der größten europäischen Tochtergesellschaft des dänischen Hörgeräte-Riesen Widex A/S. Das Unternehmen gilt als Erfinder des ersten volldigitalen Hörsystems und bezeichnet sich selbst als „der Porsche“ unter den Hörgerätebauern. „Wir erobern auch neue, jüngere Zielgruppen“, sagt Deutschland-Chef Peter David Schaade. „Hinzu kommt, dass die aktuellen Hörsysteme ihre Nutzer mittlerweile so begeistern, dass über das positive Hörerlebnis gesprochen wird. Diesen Mund-zu-Mund-Propaganda-Effekt spürt die gesamte Branche.“

Die Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert

Gerätebauer und Hörakustiker setzen dabei ganz auf die Mega-Trends Digitalisierung und Vernetzung – und wollen auch bei der Beratung der sogenannten Hearables eine Rolle spielen – vernetzte Technik, die direkt am Ohr getragen wird. Die Hearables gelten nach Fitnessarmbändern und Computeruhren als neuer Hoffnungsträger der IT-Branche und werden immer raffinierter. So boomen mit dem Smartphone und Internet vernetzte Kopfhörer seit einigen Jahren. Bekannt wurde der sogenannte In-Ear-Kopfhörer des Münchner Start-ups Bragi „The Dash“, mit dem sich auch Puls und Körpertemperatur messen lassen und der einen großen Speicher für die Musiksammlung besitzt. Die Tech-Firma Waverly Labs entwickelt derzeit mit „Pilot“ einen Kopfhörer, der einmal Fremdsprachen in Echtzeit in die Muttersprache des Trägers übersetzen soll.

Hörakustiker hoffen auf das Geschäft mit den „Hearables“

Der Beratungsbedarf bei Spitzentechnologie-Kopfhörern sei groß, heißt es beim Bundesverband der Hörgeräteindustrie. Falsche Einstellungen könnten das Gehör schädigen, außerdem müssten die teuren Kopfhörer perfekt sitzen. Der Vorsitzende Stefan Zimmer glaubt deshalb, dass die Hörakustiker von den Trends zu Hearables profitieren werden. „Viele haben schon ihr Portfolio erweitert.“

Auch Thomas Lorié sieht sich für das mögliche Extra-Geschäft gewappnet. „Solche Produkte sind immer beratungsintensiv. Man kann uns nicht so einfach umgehen.“ Lorié erwartet, dass die Hörgeräte-Hersteller auch selbst weiter aufrüsten werden. Künftig könnten auch Hörgeräte Körperfunktionen messen oder sich gar mit dem Zuhause vernetzen lassen, um zum Beispiel die Heizung zu steuern oder morgens vom Bett aus die Kaffeemaschine zu starten. „Wenn ich mich früher mit meinen Freunden traf, hatte ich nicht viel zu erzählen. Heute finden sie cool, was ich mache.“

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