Esther Reinhardt-Bendel wird oft gefragt, ob sie in einem Wohnwagen lebt. Die Aktivistin wohnt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Stuttgart-Zuffenhausen. Mehr über ihr Leben erfahren Sie in unserer Bilderstrecke. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Viele Menschen denken bei Sinti und Roma nur an Klischees – oder sie wissen gar nicht, was der Begriff bedeutet. Esther aus Stuttgart und Atide aus Mannheim macht das wütend. Wie die beiden Frauen für ein neues Selbstverständnis der Minderheit kämpfen.

Stuttgart/Mannheim - Atide war 19 Jahre alt, als sie sich zum ersten Mal im Leben traute, offen zu sagen, wer sie ist. Nach der Schule reiste die junge Frau mit dem Rucksack durch Costa Rica, die USA, Singapur und Australien. Alle paar Tage war sie an einem neuen Ort. „Das war wie ein Testen auf Probe. Ich wusste: Wenn es hier schief läuft, bin ich im nächsten Hostel wieder jemand anderes.“ Als Tochter italienischer oder portugiesischer Einwanderer könnte sie sich dann ausgeben – Hauptsache, niemand würde die Wahrheit ahnen: Atide ist eine Romni, eine weibliche Angehörige der Roma.

 

Die Bundesregierung schätzt die Zahl der deutschen Sinti und Roma auf 100 000. Die 26-jährige Atide, die in Mannheim Wirtschaftspädagogik und Spanisch studiert, ist eine von ihnen. Über kaum eine Minderheit gibt es so wenig Wissen in der Bevölkerung und zugleich so viele Vorurteile.

Wie sieht die Geschichte von Sinti und Roma aus?

Sinti und Roma sind vor mehr als 1000 Jahren aus dem Nordwesten Indiens abgewandert. Die Sinti werden als eine Teilgruppe der Roma gesehen, die seit dem 14. Jahrhundert in Deutschland ansässig ist. Außerhalb des deutschsprachigen Raums wird meist der Begriff „Roma“ für die gesamte Minderheit verwendet.

Die Nazis haben Sinti und Roma deportiert und systematisch ermordet. Nach dem zweiten Weltkrieg setzte sich die strukturelle Diskriminierung fort. Zum Beispiel betrieben ehemalige NS-Kriminalisten in den 1950er Jahren eine Totalerfassung der Sinti und Roma in Deutschland. Vielerorts wurden Sinti und Roma nach dem zweiten Weltkrieg an den Rand von Städten in Elendsquartiere gezwungen

Vor 50 Jahren, im Jahr 1971, hat der erste Welt-Roma-Kongress den 8. April als Internationalen Tag der Roma festgelegt. Doch aus Angst vor Diskriminierung verbergen viele Sinti und Roma noch heute ihre Identität.

„Mama, wir sind Zigeuner! Wie furchtbar!“

Selbst vor ihren eigenen Töchtern haben Atides Eltern lange geschwiegen. Zu groß war die Angst, dass die Kinder sich in einer unbedachten Minute verplappern könnten und dann mit den Vorurteilen leben müssen. Die Wahrheit erfuhr Atide erst, als die Familie Verwandte in Belgien besuchte, die offen über ihre Identität sprachen. „Meine Mutter beschreibt es so, dass meine Schwester und ich weinten und gesagt haben: ‚Mama, wir sind Zigeuner! Wie furchtbar!’“ Atide schüttelt den Kopf. „Das ist so pervers. Wir hatten diese Bilder selbst in uns drin.“

An der Wand von Atides WG-Zimmer hängt das Bild einer afrikanischen Steppe. Atide ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, ihre Großeltern kamen in den Siebzigern als Gastarbeiter aus dem damaligen Jugoslawien. Atides Vater arbeitete in einer Fabrik, die Mutter leitete ein Einzelhandelsgeschäft. „Sie hatte mit Geld zu tun. Da kannst Du es nicht öffentlich machen.“

Atides Eltern sind besorgt

Auch aus Angst, ihre Jobs zu verlieren, verschwiegen die Eltern, dass sie Roma sind. Während ihrer Weltreise machte Atide das erste Mal die Erfahrung, dass Menschen ihr unvoreingenommen begegnen – obwohl sie sagte, dass sie eine Romni ist. „Für mich war das überwältigend.“

Als sie 2015 an der Uni in Mannheim anfing, sprach Atide von vorneherein offen über ihre Identität. Atide hat ein Erasmus-Jahr in Spanien verbracht, beherrscht vier Sprachen fließend. Neben den Vorlesungen arbeitet sie bei einer Personalberatung in Heidelberg. Ihr großer Traum ist ein Master of Business Administration – ein renommiertes Studienprogramm für Menschen mit Berufserfahrung – an der University of Pennsylvania. Dort unterrichtet der Professor Adam Grant, den sie verehrt. „Meine Eltern sagen: Schau, was wir alles erreicht haben. Wir haben es doch so gut. Warum setzt du das aufs Spiel, indem du sagst, wer wir sind?“

Aktivistin: Viele kennen Sinti und Roma persönlich – wissen es aber nicht

Diese Sorge kennt auch Esther Reinhardt-Bendel. Die Aktivistin ist überzeugt: „Viele Menschen in Deutschland haben schon mal Sinti und Roma kennengelernt – nur wissen sie es nicht, weil die Leute sich als Italiener, Spanier oder Aramäer ausgeben.“ Reinhardt-Bendel ist eine Sintezza, eine weibliche Angehörige der Sinti. Vor gut zehn Jahren hat sie die Initiative „Sinti und Roma Pride“ mitgegründet. Die Mitglieder geben Workshops, besuchen Schulen, organisieren Gegenrede in den sozialen Medien.

Aufgewachsen ist Reinhardt-Bendel in Stuttgart-Zuffenhausen, nicht weit entfernt von dem Mehrfamilienhaus, in dem sie heute mit Mann und Sohn lebt. Ihre Oma kam aus Mühlacker, ihr Opa aus Kleinaspach. „Unsere Familie ist seit Jahrhunderten im Südwesten. Alteingsessene Schwoba – eigentlich.“

Unbekannte drohten Reinhardt-Bendel per SMS

Reinhardt-Bendel erinnert sich an die zweite Klasse. Ein Schulkamerad ruft ihr nach: „Zickzack, Zigeunerpack. Ihr zahlt keine Steuern!“ und wirft einen Stein nach ihr. „Ich bin heim und habe gesagt: ‚Mama, was sind denn Steuern?’“

Das Jahr 2001. Reinhardt-Bendel ist fünfzehn, hat ihr erstes Handy. Unbekannte schicken ihr SMS: „Du dreckige Zigeunerin. Wenn wir dich finden, kommst du wieder ins Gas.“ In dieser Zeit hat sie manchmal Angst, wenn sie das Haus verlässt. „Meinen Eltern habe ich nichts gesagt. Ich wollte nicht, dass sie mir das Handy wegnehmen.“

Ein Morgen vor den Ferien. Der Vater geht zum Wohnwagen der Familie. In den Wagen ist jemand eingebrochen. Von der Decke hängt ein Strick.

„Ich fände es angebracht, dass die Leute wissen, wer wir sind“

Reinhardt-Bendel tut viel dafür, damit ihr Sohn nicht die gleichen Erfahrungen macht. „Dadurch, dass er relativ hell ist, hatten wir bislang noch keine Probleme.“ Als es im Kindergarten einmal Nachfragen gab – „Was sind Sie? Sinti?“ – ließ sie sich für den Elternbeirat aufstellen. „Die wissen, dass die Mama Aktivistin ist. Da lehnt sich niemand aus dem Fenster.“

Von Chroniken aus dem 15. Jahrhunderten über Goethe bis hin zum Brockhaus in den 1950er Jahren: Jahrhundertelang wurden „Zigeuner“ als minderwertig, kriminell, nicht sesshaft beschrieben. „Wir haben weitaus größere Probleme als eine Soße“, sagt Esther Reinhardt-Bendel, „nämlich das Konstrukt des ‚Zigeuners’ in den Köpfen, das abgebaut werden muss.“ Die Stuttgarterin merkt, dass viele Deutsche auch 2021 mit dem Begriff „Sinti“ oder „Roma“ nichts anfangen können. „Nach fast 700 Jahren unserer Minderheit in Deutschland fände ich es doch langsam mal angebracht, dass die Leute wenigstens wissen, wer wir sind, ohne dass wir sagen müssen, wir seien Zigeuner.“

Im Sommer gehen viele Sinti auf die Reise

Wie die meisten Sinti und Roma lehnt Reinhardt-Bendel den Begriff als Fremdbezeichnung ab. Viele Klischees, die mit Wort einhergehen, sind falsch. Reinhardt-Bendel etwa wird oft gefragt, ob sie in einem Wohnwagen lebt. „Alle Sinti in Deutschland sind sesshaft“, sagt die Aktivistin. „Nur im Sommer, da hängt man den Wagen an und geht auf die Reise.“

Wer noch ein traditionelles Gewerbe wie Messerschleifen oder Antiquitätenhandel ausübt, biete es in dieser Zeit an. Reinhardt-Bendel erinnert sich, wie sie als Kind mit der Familie campierte. Jahr für Jahr boten Schwarzwaldbauern ihre Wiese an. Als Reinhardt-Bendel ihren Mann kennen lernte, merkten sie: Er hatte als Kind oft auf derselben Wiese gestanden.

Reinhardt-Bendels Wunsch für die Zukunft

Reinhardt-Bendel beobachtet, dass heute weniger Sinti als früher auf die Reise gehen. Das traditionelle Geschäft laufe nicht mehr so gut.

Für die Zukunft hat die Frau einen Wunsch: „Dass wir im Alltag, im Job, bei der Wohnungssuche, ohne Probleme sagen können, wir sind Sinti oder Roma. Dass wir nicht immer das Gefühl kriegen: Da isch was verkehrt mit Dir, Du bisch ned gut wie de bisch.“