Da ist was los: Zur Morgenstunde bringen viele Eltern ihre Sprösslinge mit dem eigenen Auto. Foto: Tilman Baur

Morgens wandelt sich die Straße vor der Internationalen Schule für eine knappe halbe Stunde in eine Hauptverkehrsroute. Weil die Schüler teils von weit her kommen, sind Bus und Bahn zu umständlich. Das hat Auswirkungen.

Degerloch - Rosi Reichert hat alle Hände voll zu tun. Ausgerüstet mit einer gelben Warnweste steht sie vor der Einfahrt der International School of Stuttgart (ISS), lotst Fahrzeuge hinein und signalisiert anderen, kurz anzuhalten. Aus der Ruhe lässt sich die Hausmeisterin nicht bringen. Sie ist routiniert, ist jeden Tag hier. Neben den Autos, die in den 25 Minuten zwischen 7.45 und 8.10 Uhr im Zehn-Sekunden-Takt einfahren, muss sie auch Radfahrer und Fußgänger im Blick haben. Trotz des beträchtlichen Aufkommens an Fahrzeugen läuft alles geregelt ab, von einem Fahrer abgesehen, dem wegen der Staubildung auf der Sigmaringer Straße kurz der Geduldsfaden reißt und auf die Hupe drückt.

Von einem Verkehrschaos, wie es an anderen Schulen allmorgendlich auftritt, kann man an der ISS zumindest an diesem Morgen nicht sprechen. Mit Aktionen wie „Sicher zu Fuß zur Schule“ versuchen Land und Stadt seit Jahren, das mitunter gefährliche Treiben vor den Schulen einzudämmen.

Lerneffekt während des Schuljahrs

Auch die ISS weise die Eltern immer wieder darauf hin, dass es andere Verkehrsmittel gebe als das Auto, sagt Matthias Krusch, Mitglied der Schulleitung. Der Schüler- und Elternschaft sei teils nicht bekannt, wie gut das öffentliche Verkehrssystem in Stuttgart funktioniere. Im Laufe eines Schuljahrs stelle sich jedoch oft ein Lerneffekt ein, sagt Krusch, und mehr Schüler kommen mit Bus, Bahn, Rad oder zu Fuß als zu Jahresbeginn. Im vergangenen Jahr hat die Schule sogar einen neuen Radschuppen eingerichtet. Trotzdem ist klar, dass ein Großteil der Schüler auch künftig mit dem Auto gebracht werden wird. „Das Einzugsgebiet unserer Schüler ist viel weiter als jenes anderer Schulen“, erklärt Krusch. Weil die ISS die einzige Schule ihrer Art weit und breit ist, kommen Schüler von weit her, aus Vaihingen an der Enz, aus Welzheim oder aus Reutlingen.

Nur etwas mehr als die Hälfte der ISS-Familien wohnt in Stuttgart, was nicht zuletzt dem angespannten Wohnungsmarkt geschuldet ist. Teilweise gibt es auch kulturelle Gründe dafür, dass nur wenige Kinder selbstständig kommen. „In vielen Ländern ist es unüblich, dass Kinder alleine zur Schule gehen“, erklärt Krusch. Eltern anderer Kulturkreise seien es gewohnt, ihren Nachwuchs direkt vor der Schultür abzusetzen und dann zur Arbeit weiterzufahren. Der Pädagoge sieht aber einen Lerneffekt: „Die Kinder sehen Altersgenossen, die zur Schule laufen, und wollen das dann auch“, sagt er.

Man will der vielen Eltertaxis Herr werden

Vor allem bei den älteren Schülern sei das so. Dass es morgens ab und zu brenzlige Situationen gebe, liegt laut Schule aber auch an der Parksituation an der Sigmaringer Straße. So stünden regelmäßig große Lieferwagen und Anhänger direkt vor der Einfahrt zur ISS, sagt Matthias Krusch. So entstünde ein toter Winkel, das erschwere die Einfahrt erheblich. Sorgen mache man sich auch wegen der geplanten Ansiedlung der Abfallwirtschaft in der Tränke und der dann ausrückenden Müllwagen. Die Schule selbst tut trotz der speziellen Umstände vieles, um dem Bring- und Holverkehr Herr zu werden.

So ist sich der Grundschulleiter Paul Morris nicht zu schade, mit einigen Kollegen und einem Schülerteam zusammen jeden Morgen selbst mit Warnweste auf der Straße nach dem Rechten zu sehen. Teilerfolge gibt es schon: So hat das Team Warnpoller auf der rechten Seite des Parkplatzes positioniert, um die Eltern davon abzuhalten, dort stehen zu bleiben. Seither halten sie kurz, verabschieden die Kinder und fahren weiter – die Rückstaus auf die Sigmaringer Straße hätten sich so merklich vermindert, sagt Morris.

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