Herbert Grönemeyer. Foto: Anton Corbijn

Vom Bauch in den Kopf: Herbert Grönemeyer träumt in seinem Londoner Exil davon, endlich auch international Karriere zu machen. Auf „I Walk“ interpretiert er darum Songs wie „Mensch“ oder „Flugzeuge im Bauch“ auf Englisch. Besser werden diese Lieder dadurch nicht.

Diese Platte gehört verboten. In Deutschland jedenfalls. Schließlich hat man die Liedtexte Herbert Grönemeyers so sehr verinnerlicht, dass man bestenfalls irritiert, schlimmstenfalls verärgert reagiert, wenn es zum schlurfenden Beat und den melancholischen Harmonien von „Mensch“ nicht mehr heißt „Und der Mensch heißt Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt“, sondern Grönemeyer die englischen Silben in die Länge ziehend singt: „And man’s ­called man, we forgive and understand.“ Keiner – und das hat nichts mit Deutschtümelei zu tun – braucht englischsprachige Versionen von entzückenden Liedern wie „Glück“, „Deine Zeit“oder „Zum Meer“. Zwar behauptet Grönemeyer selbst, „wenn ich auf Englisch singe, blühen die Stücke ganz neu auf“, doch das Gegenteil ist der Fall: Ohne Ausnahme verlieren die Nachdichtungen, die Herbert Grönemeyer auf dem Album „I Walk“ versammelt – an poetischer Vertiefung, an Dramatik, an Charakter. Grönemeyers eigentümlicher Ton ist aus diesen Neufassungen verschwunden.

Auch Songs, für die es bisher keine deutschsprachige Entsprechung gibt, gelingen nicht wirklich. Der Titelsong „I Walk“ stampft unbeholfen voran, während Grönemeyer textlich verkrampft („Is there a deeper sense / To our existence?“). Es hilft auch nichts, wenn er für „To The Sea“ (Original: „Zum Meer“) James Dean Bradfield von den Manic Street Preachers als Gast an die Gitarre bittet. Die empfindliche Akustikballade „Will I Ever Learn“ (basierend auf einem Stück aus der Bühnenmusik zu „Leonce und Lena“) findet nur deshalb eine betörende Note, weil es Grönemeyers Duettpartner Antony Hegarty gelingt, sich sanft in den Vordergrund zu singen. Und eher kurios ist der Bonus-Track, in dem Grönemeyer und Bono noch einmal in „Mensch“ stimmlich wettweifern. Nein, kein Mensch, der Deutsch versteht, braucht einen auf Englisch singenden Grönemeyer. Aber die Platte ist ja auch gar nicht für den deutschen Markt bestimmt. „I Walk“ erscheint in Großbritannien und in den Beneluxstaaten. Anfang 2013 ist gar eine Veröffentlichung in den USA geplant. Und an diesem Sonntag wird Grönemeyer im Roundhouse in London bei einem Konzert das Album live vorstellen. An selber Stelle hatte Robbie Williams vor drei Jahren sein Album „Reality Killed The Video Star“ erstmals präsentiert.

Grönemeyer-Songs sind im Original viel besser

Wenn man wie Grönemeyer in London zu Hause ist, reicht es irgendwann einmal nicht mehr, nur in der eigenen Heimat ein Superstar zu sein. „I Walk“ ist also vor allem der Versuch, sich endlich auch im internationalen Popgeschäft zu etablieren. Zuvor hatte Grönemeyer schon die Alben „Luxus“ und „Chaos“ komplett ins Englische übertragen und die Zusammenstellung „What’s All This“ veröffentlicht.

Doch auch wenn die Grönemeyer-Songs im Original viel besser sind und wenn es etwas verwundert, dass aus „Flugzeuge im Bauch“ nun „Airplanes In My Head“ (also: Flugzeuge in meinem Kopf) geworden ist: Wäre es nicht schön, wenn es Herbert Grönemeyer tatsächlich einmal gelingen würde, im Ausland zum Aushängeschild für Pop aus Deutschland zu werden?

Bisher präsentiert sich dieses Land im internationalen Popzirkus nämlich eher als Heimat der Maschinen und Berserker: Die im Ausland erfolgreichsten deutschen Bands – Rammstein, Kraftwerk und Scorpions – erwecken den Eindruck, dass Deutsche zum Grotesken neigen, mit Monstern und Maschinen mehr Ähnlichkeit haben als mit echten Menschen. Auch wenn Rammstein, die sich mit rollendem R, finsteren Mienen und faschistoiden Posen als teutonische Berserker inszenieren, natürlich keine Nazis sind, sondern ein Gesamtkunstwerk, glauben doch viele im Ausland, in ihnen den typischen Deutschen zu erkennen. Ein nuschelnder Grönemeyer könnte da bestimmt einiges geraderücken.

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